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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-07-22 · 29 (22.7.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
29 (22.7.1927)
Date
1927-07-22
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Erforschung des Wirtschaftslebens in Rußland (J.T.A.) Einem Bericht des Hauptbevollmächtigten der ZentralverwaltungOrt in Berlin ist zu entnehmen: Der Kommission zur Erforschung der Wirtschaftslage der Juden in der Sowjet-Union gehören 40 der angesehnsten jüdisciien Wirtschafts- Statistiker und Wirtschaftspolitik er an. Ihre Themen sind folgende: 1. Die Dynamik der jüdischen Bevölkerung in der Sowjet-Union; 2. die soziale und professionelle Schichtung; 3. die Landwirtschaft und die Binnenwanderung; 4. Handwerk, Kleinindustrie und gewerbliche Kreditkooperation; 5. der Anteil der Juden am Handel; 6. der Zustand der Berufsausbildung unter den Juden; 7. die Wirtschaftslage der Juden in den Kleinstädten und den Randgebieten. Die Kommission begann ihre Arbeit im November 1926. Es wurde umfangreiches Material über jüdische Demographie, landwirtschaftliche Betätigung, Handwerker-Kooperation usw. gesammelt. Bereits beendet ist die Bearbeitung des Materials über die jüdische Bevölkerungsbewegung in Rußland von 1897 bis 1923. Die Arbeit erscheint demnächst im Druck. Die Daten der Volkszählung von 192b werden demnächst veröffentlicht werden. Ein sehr reiches Material sammelte die Kommission über Berufsstatistik der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine und Weißrußland. Auch dieses Material gelangt demnächst zur Veröffentlichung. Die jüd. Kolonisation in der Ukraine J.T.A.) Der ukrainische Volkskommissar für Landwirtschaft, ' Schlichter, der auf seiner Reise durch die Süd-Distrikte der Ukraine auch die jüdischen Kolonien besucht hat, hat einen Bericht veröffentlicht, der besagt: Es werden über die jüdische Kolonisation vollkommen grundlose Legenden verbreitet, so insbesondere daß die Juden dem Handel obliegen und daß ihnen die Landwirtschaft Nebensache sei. Auf Crund persönlicher Beobachtungen, in einem bedeutenden Teil der jüdischen Kolonien stehe ich nicht an, diese Gerüchte kategorisch als Verleumdungen zu bezeichnen. Wir inspizierten ein Areal von 13.500 Desjatin Boden, auf welchem bis jetzt 630 jüdische Wirtschaften bestehen, die erst seit Ende 1925 zu entstehen begonnen haben. Bis 1. Juli d. J. waren bereits 82«« der Mitglieder der jüdischen Kolonistenfamilien an Ort und Stelle. Wenn es auch vorkommen sollte, daß ein Mitglied einer Kolonistenfamilie in der Stadt, wo es geblieben ist, Handel treibt, so kann dies nur als eine Ausnahmeerscheinung gelten. Es ist mir kein eniziger Fall bekannt geworden, daß ein jüdischer Kolonist seinen Boden verpachtet haben soll. Wir sahen Kolonisten hei der Arbeit auf dem Felde, an der Maschine, kurz in allen Zweigen der Arbeit. Nirgends aber war es vorgekommen, daß ein Kolonist Lohnarbeit in Anspruch nehmen soll. Die benachbarten ukrainischen Bauern nehmen oft die Hilfe der jüdischen Kolonisten in Anspruch, indem sie sich von ihnen landwirtschaftliche Maschinen ausborgen. Oft schafft gerade diese Hilfsbereitschaft der Juden eine Atmosphäre von Neid; eine Aufklärungsarbeit unter den ukrainischen Bauern tut not. Zum Schluß stellte Volkskommissar Schlichter fest, daß sich die Beziehungen zwischen ukrainischen und jüdischen Bauern zusehends betten. Das Mißtrauen, daß der ukrainische Bauer anfangs gegen den jüdischen Neu-Siedler gehegt hat, ist in dem Maße geschwunden, als der Jude mit eigenen Kräften und gutem Erfolg seiner Arbeit obliegt. Leichte Besserung der Wirtschaftslage in Palistina (J.T.A.) Im Verlauf der am 11. Juli in London stattgefundenen Jahresversammlung der Aktionäre der Ottoman-Bank gab der Präsident General Sir Herbert A. Lawrence einen Bericht über die Lage in den Orientländern und sagte bezüglich Palästinas, das Jahr 1926 wäre ein Jahr der Oeldknappheit und wirtschaftlichen Depression infolge einer übermäßigen Immigration und der damit verbundenen Boden- und Oebäudespekulation gewesen. In diesem Jahre aber ist eine leichte Besserung eingetreten. Die Oetreide-Ernte hat den Anfang des Jahres gehegten Erwartungen nicht ganz entsprochen; beträchtliche Mengen Mehl mußten eingeführt werden. Die Orangen- Ernte in Jaffa litt an den Folgen der Stürme. Trotz alledem Ist die Lage des Palästinazweiges der Ottoman-Bank zufriedenstellend. Die Besserung der Wirtschaftslage wird wohl anhalten. Die Erdbebenkatastrophe in Palästina (J.T.A.) In einer Anzahl Blätter in England, Deutschland und anderen Lindern wird die Ansicht lanziert, daß durch die Erdbeben-Katastrophe die Palästina-Wirtschaft so stark gelitten hat, daß sie in ihrer Entwicklung weit zurückgeworfen erscheint und daß deswegen auch das jüdische Aufbauwerk für lange Zeit, wenn nicht gar für immer, gehemmt ist. Demgegenüber stellt der Palästina-Vertreter der „Vossischen Zeitung", Dr. Wolfgang von Weisl fest: ""„Trotz der großen Schäden, die hier und in den anderen Städten Palästinas angerichtet wurden, kann man sagen, daß das Erdbeben entgegen den ersten Meldungen, die den Umfang der Katastrophe nicht übersehen konnten, für das Wirtschaftsleben Palästinas ziemlich belanglos geblieben ist. Die Katastrophe spielte sich an wirtschaftlichen. Randgebieten ab, die weder für die Industrie, noch für die Kolonisation, noch für den Weltverkehr wesentlichere Bedeutung gehabt haben; die europäischen Siedlungszentren sind völlig verschont geblieben, und der Sachschaden übersteigt nicht die Leistungsfähigkeit der Palästina-Regierung, die im letzten Wirtschaftsjahre neuerlich einen Budget-Ueberschuß von 10 Millionen Mark gehabt hat. Et dürfte sicher keine Rede davon sein,, daß zur Deckung der Schäden des Erdbebens eine Hilfeleistung Englands oder englischer Bankkreise in Frage gezogen wird. .... Das Erdbeben war eine lokale Katastrophe von drei oder vier arabischen Städten.; es war die größte derartige Katastrophe Palästinas seit Jahrhunderten, aber sie hat mehr Bedeutung angesichts der schweren Menschenopfer, die sie in Nablus, Amman und Ramleh gefordert hat, als durch die wirtschaftlichen Schäden, die sie dem Lande bereitet hat." England will nicht mehr den Fremden Asylrecht geben (J.T.A.) Das britische Oberhaus behandelte gestern die vom Unterhaus bereits angenommene Fremden-Einschränkungsbill. Lord Parmoor schlug vor, die Geltungsdauer der Bill auf zwei Jahre zu begrenzen. 1914, sagte er, war die Bill als zeitweilige Maßnahme mit Zustimmung aller eingeführt worden; 1919 wurde sie für ein Jahr verlängert, dann aber ihre Geltungsdauer auf weitere acht Jahre ausgedehnt. Man müsse auch jetzt ihre Wirkung auf eine gewisse Zeit beschränken und nicht vergessen, daß England viele Jahre lang ein Asyl jenen war, die wegen ihrer Religion und Rasse verfolgt wurden. — Es lag auch von Lord Rothschild ein Verbesserungsantrag vor, dem sich Lord Parmoor ebenfalls anschloß. Lord Desborough führte im Namen der Regierung aus, man könne in diesen Zeitläuften nicht mehr den Fremden ein Asylrecht geben; es würden sonst Hunderttausende, die in Ländern minderer Ordnung leben, nach England hereinströmen. England ist dicht bevölkert; es kommen 483 Seelen auf eine Quadratmeile. Man zählt eine Million Arbeitsloser. Die Wohnungsverhältnisse sind schwierig. Die Regierung bitte, die Verbesserungsanträge abzulehnen. Schließlich wurden die Anträge von Lord Rothschild und Lord Parmoor mit 48 gegen 16 Stimmen abgelehnt. Marquis v. Reading und Lord Swathling stimmten für die Verbesserungsanträge. Die bevölkerungspolitischen Gefahren für das deutsche Judentum In voriger Woche trat der vom Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden eingesetzte Unterausschuß für Bevölkerungspolitik unter dem Vorsitz von Frau Wronsky- Berlin zusammen. Als wichtigster Punkt der Tagesordnung wurde der von Herrn Sanitätsrat Dr. Peyser und Frau Wronsky ausgearbeitete Entwurf eines Flugblattes durchberaten, das in großem Umfange an weiteste Kreise der jüdischen Bevölkerung verschickt werden und Aufklärung über die bevölkerungspolitischen .Gefahren, die das Judentum bedrohen, bringen soll. Ein zweites von Herrn Dr. med. Theilhaber entworfenes Flugblatt, das mehr wissenschaftlichen Charakter trägt, soll zu einem späteren Zeitpunkt, besonders in Rabbiner- und Lehrkreisen verbreitet werden. Der Ausschuß war sich darüber einig, daß eine sofortige Aufnahme der Arbeiten mit aller Energie eine dringende Notwendigkeit ist, wenn den derzeitigen bedenklichen Verhältnissen abgeholfen werden soll. Besondere Beachtung verdient die von Herrn Dr. Theilhaber mitgeteiltes Sterblichkeitsziffer unter den Juden, welche die Geburtenzahl um jährlich 3000 übersteigt. Der Ausschuß wird demnächst zu weiteren Beratungen zusammentreten; die Herstellung des Flugblattes soll inzwischen so gefördert werden, daß die Verbreitung noch vor den Herbstfeiertagen erfolgen kann. Hitlers Klage (J.T.A.) Das 1 üllcr-Organ „Völkischer Beobachter" schreibt über die Umkehr Ford's: „Wenn irgend etwas geeignet ist, die Notwendigkeit der antisemitischen Bewegung zu beweisen, so ist es dieser Fall Ford. Denn die Tatsache, daß sich Henry Ford gezwungen sah, vor der konzentrierten Macht des Judenturas zu kaputilieren, ist ja der geradezu klassische Beweis für das Vorhandensein und die Gefährlichkeit dieser Wrttünlit" /

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