Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 39 (24.9.1926)
- Date
- 1926-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang ^>ie 6abbafbrcd>crin S>on 3. Jan a n> i 11 jgSnolieb Inn bie looet-ftunoe ber bunbortiährigcn polnif<ben Großmutter, i IV. Der Arzt meint«, baß fie laum nod) langer als eine Viertclftunbc | ^leben foni e. Der Anfall mar jo pldßlkb gefommen. daß leine 3eit blieb, ihre Snfcl, t>i« p< ftet» au»5nfctelfcn liebte, 511 rufen. Do» 6d)limmfte toar bereit* Obcrftanben, fie lag nun ruhig und Wien [riebeoll hiniiberzuidiluinmern. Die Wärterinnen, die alle fotübe und alle fcblaflofcn ÄffchtC, bie bie jäntifdx Alte ihnen veruriaebt, vergaffen batton. beugten [leb angftlicb und liebevoll über das. Bett, In bem dassufammeugefebrumpfte alte Weibeben lag Sie mußten niebt, baß die Sterbende im (Seifte noeb einmal bie große tSpilobe Ibre» Sebent bur<blebte. Vor ettoa vierzig \ihren. fie mar banal« |d)on beinabe fiebjig alt und Iflngfl Witme. lebte fie in einem polnijdion Dorfe, ba« ibr bie Welt bebeutete. Da erhielt fie plotzlid) einen Bricj. Dies. gojdiab an einem regneeifeben Sommerfage, am \rcitag abenb. err lam Don ihrem jungen ihrem einsigen 6obne bee M weiten oon ihrem Orte entfernt ein ländliches. Wirtshaus, belaß. Knuift verheiratet BMC uub Samilic hatte. 3n jieberbafter (Jrregung öffnete |ie den ©rief joglcich. 3br Sohn ihr Staden di mar ihr Augapfel. Die alte 'Srou las ben In bebräifdier Sprache gefebriebenen Dricj von recht» nach lint». Dann übcrmai nte jie eine plöMicbe Scbroflcbc, fie fiel beinahe um. Wie zufällig [tief) fie in ben vier Seiten be» Briefes auf eine 6telle, bie ibr nie mit Blut gejebrieben cr1d>icn. „3d> fiiblc mid) i" ber lobten 3cit nicht red)f mohl: das Wetter ift jo furditbar beiß unb bie Nächte | finb |o [euebf und neblig. Aber es ift nichts. cjrnfte», meine Verdauung ift nur geftort, de.» ift alle»." ZVn bem Briefe lagen einige für fie bejtiminte Rubel fie fielen unbeachtet auf ben Boden, Sine panifd)c <Surd)t bemächtigte jicb ihrer. D.is- (Scrüd)t, ba» in jener 3cit fdinellcr reifte mie bie langfame Poit. hatte febon bie Macbridit gcbrnd)t. baß in bem oon ihrem Sohne belohnten Besirf bie (Sbolcra aisgebrodicn fei. "Den ganzen lag über toat jie oon einer bangen (Ahnung gequält gemefen; biejer Brief bojtätigtc ihre Befiirditungen. 6elbft wenn er nod) nicht r>on ber verheerenden 6eudie ergriffen fein follte, fo mar er bodi nad) feinem eigenen Ceftänbnijje in ber Vcrfaffur.g. in der mau am meiften basu oüponiert ift, der unheilvollen Strantbeit 511m (Dpfor 311 fallen, (fr lag viellcidu iefcl jdion auf dem Stranfcn- oder dem Sterbebette vielleicht ivar er [ebon tot. Schon in jenen Sagen hatte bie tleine (Sroßinutter da» gcmohnlid-o Lebensalter iibcrfdmittcn: jie hatte viele ftlenfcbcn fterben (eben und wußte es., baß der Xoboscngcl feine Opfer willfürlid) boifdjt. Bei einer Äpioemie bat er jo viel (Arbeit, baß er bem cinjelnen falle Seine befonbere Aufmertfamleii toibmef. 3>ie 6ehnfud>t nad) ihrem jungen crwadite mit unmiberfteblicbet Oeioali fDa» <f nbe bc» "Briefe» jd)icn ibr einen Derbotgenen 6inn 311 haben: »Stomm bo<b bald, recht halb, um mid) ju beiudtcn. liebes. J31ütterd>ei;. Denn id> roerde bidi je^t nicht fo halb auffueben tonnen." "}ci. fie mußte fcfort 311 ihm — wer roeiß, ob fie ihn nicht jum leRtenmal fehen mürbe 1 Dann aber Jbaert fie plöt>licb. ibr mar ein Icbredlicber Öebanle geBommen. Der 6aooa( hatte qcrabe vor einem SAugenblid begonnen, fahren, Steifen, überhaupt jebe CAit be» Steifen» mar für die ndcbften U otunben verboten. i*>er3a.eifelnb fliehte fie jidi ihre iage Hai tu mad;en. I>ie iteüqion fleftattete ibr nur unter einer P>edincjuncj, den öabbat 311 bred-cr.. das. mar. trenn ein Ulenjdicnleben daduicb sicrettet merden tonnte. >u ihrem öobne fahren tonnte fie nidit. dann hatte jie jemand anders in den i)andel 5ieben muffen unb ihn verleitet, des. (Selbe« iveaen den Sabbat 311 bredicn. 6ic mußte alfo geben! rSbgleieb jie mußte, daß da» 0c(«| e» für fündhaft ertlart, jid) am 6abbat meiter als. 2000 6ebritte von dem Wohnorte 3u entfernen fo tonnte jie die» codi nidit andern Von allen 'Jteifcorten mar bod) ba» Geben immer noob am toenigften fünbbaft. Der Mierbtilig|f gejeanet fei jein liame - »ufTte ja. daß ie damit teine (Arbeit 311 vollbetngen gebaebte. SHelleiebt mürde er in ferner vönade SDarntbenigleit mit einet alten ^rcu üben, die bis.her nocb niemaU feinen heiligen Sabbat gebro-i en hatte. 21adibvin jie rafdi ein meuia gegeffen, fteette bie tleinc (Großmutter ben Brief ibre» 6ohr.es in den iSufen. aürtetc ibre ienben unb mad.te fid> auf, um ST Steilen 311 fuße 311 roanbern. Sie nahm feinen 6tod? mit. denn nad) den Sefcfcen de» SalmuiM märe e» mieber eine 6ünbe gemefen, am twbbat et ras 311 tragen, äbenfomenig burfte fie einen 5\egen- |d)irm mitnehmen, obivohl es in der $teg.enjeit mar Q)leilc für Jlieile fchnit fie tapjec voran, dem geliebten, bleidien (Öejidite entgegen, da» ihr am cinde ihrer Reüe mintte, unb ba» mie ein Stern vor ihr herziehen fehien ,.:vb tomme, mein Samra," flüjterte jie. „X>cin 3)lütterchen ift auf dem Wege." äs mar eine jeudite flacht. Cfin ungefunber, meißjarbener Dunft lieg auf, und der «immel fd)ien bie Cirbe mie mit einem i'eichcntud) 3U umhüllen Die an dem Weac "jtehenben ßäumc verjebmanben in bem bichten 'lebel. Ilm 5)litteri ad)t mürbe bor Dunjt fo bicht. baß fein 6tern mehr fichtbar mar. "^uiditlos coanberte fie bie gan3« Otadjt bureb ben Wald: ihres Weges mar die fleine ©roßmutter gaii3 jicher. 6ie begegnete meder lllenjd) noch Iier, obmobl in biejem Walbc Wolfe unb 'ßären häufen und es auch giftige Schlangen gibt. (£» fprangen aber nur ein paar unfd)ulbige Cfid>l)ornd)en über den Weg.!AI» ber Ulorgcn fam, mar fie fehr mübe unb beinahe labm.!Aber fie manbertc meiter S>ie f)älfte ihrer Steife lag nod) vor ihr. Sie hatte nichts 311 offen mitgenommen; da» märe ja aud> eine un erlaubte Bürde gemejen. Sbenfotoenig durfte jie an bem heiligen Sage etma» taufen. Wahrend be» (Seher» jagte fie ihre Sabb.itgeoete und bat (Sott inftändig, ibr ibre Sünde 311 vergeben. Jbr fromme* (Sehet ftärfte fie und mad)te fie ihre SDObigteil teilmeife vergejjen. J\lc> jie bann burd) ein X>orf fam, murde ihr bie SVunde von dem Auftreten der (Sbelera in dem Be3irfe ihre* Sohne» beftätigt; für 3ehn Olinuten beflügelte diefe Stunde ihre 'Jüße, dann aber iibermältigte jie die förperlid)e Scbtvädic. Sie mußte jid) an eine SvcPe lehnen, um nid>t umjufinten. (£* mar beinahe 31iitt.ig. ccin OOrflbergebenbei Bettler gab ihr ein Stüet Breit. QolfldlicbertDeif« toat feine Butter Darauf, fo tonnte fie e» ejfen, ohne ihre Seele mit der Sünde 311 beflocVen. etma» Verbotenes über die Sippen gebracht 311 haben- Sie nahm bie iteiio Bieber auf, aber ihre müden, munden 'Süße mollten jie laum mehr tragen; nur fehr langjam fam jie meiter. Sie hätte gern bie 'Süße im Bad) gebabet, aber auch ba» mar ihr verboten. Sie 30g ihren Brief au» bem Bujcn, la» ihn mieber unb mieber unb fudite ihre jdwinbondc Straft dadutd) neu 311 beleben. ,'3)lut, '33hit, mein Samm, bein 331ütterchcn ift auf dem Wege." Dann fing c» plötzlich an ftarf 311 regnen; bie fd)Deren Sropfcn, bie ihr in ba» (Sefici)t fdilugen, erfrifd)ten jie in ben erften SAugenbliden; bald aber mar fie bi» auf die f>aut burd)näßt. Z\)tc triefenben SUeiber fd)ienen il>r unerträglich fd)mer 311 fein, unb ber aufgctx>cid)tc Weg, bei feud)te Scbmuß, ber (ich an ihren $üßen feftbing. maren ebenfofehr £>inberniffe, bie ihr Voranfommen hemmten. (Aber troft liegen unb Winb verfolgte fie tapfer ihren Wey. ©ann aber bemächtigte fid) ihrer plöt^lid) eine neue (Angjt: mürbe ihre Kraft au»rcid)cn, ba» 3iel 3U crreid)en? Ocben 'Augenblief mürbe ibr 6cbritt langfamer, fie fam mie eine Scbnocfe voran "3c langfamer fie ging, umfomcl)r lehnte fie fid) nach ihrem Sohne, unb um fo bcutlid)or fal) jie in bangem Vorgefühle bas-. ma» ihrer am Cfnbc ihrer Reife harrte. Würde fie noch sur rechten 3eit tommen, feine letzten Worte 3U hören? Vielleicht fdirecflicbcr (Sebanfe - mar e» fd>on 311 fpät, fie mürbe ihn nid)t mehr lehenb finben! Viclleid)t trollte (Sott ,ie bafür (trafen, baß fie e» geivagt habe, ben Sabbat 311 fdninbcnl _'HTut, Wut, mein Vamm," flagte jie leijo, „ftirb nodi nid)t. Iicin 311ütterd)en fommt." Der 'Regen hörte auf. Seucbtenb brad) bie Sonne hinter ben Wolfen hervor. 3brc mannen Stral)len troefneten ihre i)änbe unb (Scfid)t und bebeeften jie bann halb genug mit Sd)meißtropfen. *3eber 6d)ritt mar eine Qnai, aber bie tapferen "Süße gingen unaufbaltfam vormärt» Gcrmübet, gefd)mollen unb munb eilte fie dennoch meiter. Mir mar, al» riefe in meiter, ad) immer meiter merbenber ferne bie fterbenbc Stimme ihre» Sohne» nadi ihr. Sich tapfer vormärt» jebleppend. beantmortete fie ben Ruf: _3di fomme, mein £amm, id) tomme. Qllut, SHttfI Bem Hlütferd)en ift auf bem Wege. Ulut! 3d) merbe bein <Antli(3 mieberfehen, id) merbe bidi noch lebenb finben!" (Sin mit feinem Wagen vorübor3iehcnbcr fabrniann bemerfte ihre i)infälligfeit unb bot il)r einen 6i^ in feinem (Sefäl)rt an, aber jie Jdiütleite hartnäefig ben Stopf. Der enblofe Oiacbmittag neigte fid) bem (Abend 3U — fie manfte ben Walbmeg entlang, mand)inal ftolpertc fie, fiel vor Sdimäche unb verletzte fid) bie Bänbe unb ba» (Sefieht an ben Dornen ber am Wege ftebenben Brombcerranfen. Crnblid) ging bie Sonic unter, mieber ftieg au» ben 'Pfützen im Walbe ber Qlebel auf. 3mmer nod) lag ein meilenmcitcr Weg vor ihr, unb immer nod) lief fie meiter, überanftrengt, faft automatijd), taum mehr ihrer Sinne mäd)tig, den nächften Sd)ritt nur nehmenb, meil fie ben vorbergelwnbcn gemad)t. Von 3eit 311 3cit murmelten ihre Üppen: »OTuf, mein Sann. 3cb fomme " Ber Sabbat mar gerade vorüber, al» (Sroßmüttcrchcn endlich, gebrod)en, blutend unb beinahe obnmäditig, an bem Wirt»haiife ibre» Sobne» anfam, bas am änbe be» Walb.'» gelegen mar. Obr i>crj ftanb beinabe {tili vor (Angft (Am Sam»tagabend pflegte fid) fonft bie gaii3c polnifdie Beoölferung in unb um ba» W.rt»bau» 311 verfammeln. i>eutc jeboch mar alle» ftill. 1\ut ber Klang hchräifdi gemurmelter Bt)mnen brang bureb bie Inr. <£in Oüann in einem Staftan öffnete ibr, er legte ben Ringer an bie l'ippen, um ihr 3u bedeuten, baß jie leife eintreten möge (Sroßmüttcrchcn bliefte in ba» 3immer. Ohre 6d)micgcrtod)tcr unb ihre (£ntel faßen auf dem Sußboben bem platze berer, bie einen loten betrauern. „(Sejcgnet fei ber geredite 'Richter." fagte fie unb 3crriß ben Roct ihre» SVIcibcs oon oben bi« unten. „Wann ftarb er?" „(Seilern. Wir mußten ibn fchncM begraben, cl)e ber Sabbat anbrad) " Bie tlcine (Sroßinutter erhob ihre zitternde Stimme unb ftimmte mit ein in bic i)»mnc: „Mli mill Bir cm neue» £oblieb fingen, 0 (Sott, auf einer l>ar[c mit 3ebn Saiten mill id) Bein Soblieb fingen."--- Bie Pflegerinnen tonnten nicht begreifen, mober bic mumienbafte fterbenbc fleinc Nrau plötzlich bie Kraft nahm, eine fitzenbe Stellung einzunehmen. Bic tlcine (Sroßinutter 40g mit ihrer run3lig.cn ftnnb einen 3erbrüetten Brief, ber eben fo gelb unb unanfchnlid) mie fie felbft mar, au» ihrem verfebrumpften Bufen. Der Brief mar mit felffamen Bieroglnpben bebcett, bie längft verblieben maren. Sie hielt ibn biebt vor bic faft gebrochenen (Augen - e» mar, al» verfläre fid) plötzlich ba» von taufenb Rinteln burd){urd)te, melte (Scjicbt. M>re Sippen bemegten fi<b leife: „Od) tomme, mein Samm," flüfterte fie, -Mut, bein ttlüttercben ift auf bem Wrge! 3d) merbe bein (Antlitz mie berieben. Od) merbe bid) lebenb finben!"