Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 31 (30.7.1926)
- Date
- 1926-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 GEMEINDEBLATT ÜEH ISRAELITISCHES RELI0I0NSGEME1NDE, LEIPZIG 2. Jahrgang lllllilllilillllillliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiill.....iiiiiiiiiiiiin Feuilleton iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiii Die > Von Jakob Das war der letzte frohe Tag im Leben der Mutter. Als das junge Paar Abschied nahm und Mainzer noch in der Türe läche'nd sagte: , Auf der Hochzeit ihres Sannes tanzen wir beiüe noch zusammen", da schüttelte sie den Kopf und in ihren Augen stand: Euch seh ich nie wieder. Zum ersten Male fühlte sie mit sicherem Bewußtsein, daß es mit ihr zu Ende ging, und ganz ruhig, fast fröhlich sprach sie es aus. War es ihr doch mehr ein Wiedersehen als eine Trennung. Eltern und Geschwister, Mann und KinJ warteten schon auf Sic und noch so viele andere, die sie gekannt hatte, und oie ihr gewiß alle gern die Hand entgegerst ecktn würden. Fieilich, vm ihrem Jungen müsse sie ich losre Ben, wenn sie die «indem wiederseh n wolle, aber in der bitteten Angst um ihn kam der hostende Gedanke Eine Sorge hat er we.iigtr. Er ist jung und stark und wenn er dir alte Mutter auf seinem We,i nicht mehr mitzunehmen braucht geht es noch einmal so leicht. So matt sie sich auch fü• ite, so war sie tagsüber doch nicht zu bewegen sich zu Be;t zu legen. „Wenn man noch nit krank is, im Bett wird's man gewiß", wehrte sie sich. Sie wollte nicht, daß ich den ganzen Tag in dem dumpfen, engen Kämmerchen säße, und für sie selber wäre es auch zu langweilig. Man hät'e kei e Augenweide im Schlafzimmer. So in der Stube, das sei ganz was anderes. Da sei alles heller, und jedis Ding wisse was zu erzählen, die Bilder da an der Wand: Moses und Aaron, Kaiser Friedrich und der alte Kaiser Wilhelm und Bismarck, wo kämen nochmal so fünf Leut beisammen? Und die Tasse da auf dem Bort, der selige Vater hätte zuletzt daraus getrunken, und die Schabbeslampe, die sie von der Großmutter geerbt und Uber die sie selber als junge Frau den ersten Segensspruch gesprochen habe, das Soldatenbild ihres Ascher — da an dem Tisch hätt' er immer gesessen — „ach, du lieber Gott, wer hat nit an dem Tisch da gesessen!" Dinge und Gestalten flössen zusammen. Nie hat sie so viel geredet wie in diesen letzten Tagen. | „Kuck, mein Jung", fing sie gewöhnlich an, als ob ich es so vor Augen sehen könnte, wie sie selber. „Kuck, mein Jung", und aus ihren fernsten Tagen kam Kunde. „Ein ganz klein Mädchen bin ich noch gewesen, die .Mutter war tot, die Brüder waren schon von Haus, und der Vater war die ganze Woch' draußen. Wenn er des Morgens fortging, hab ich noch geschlafen, und wenn er abends wiederkam, war lütter Loewenherg ich schon im Bett. Bloß am Schabt es waren wir zusammen. Und da hab ich mich denn manchmal in der Woch', so im Ab«ndschummer, auf die Bank hinterm Ofen gesetzt, hab die Augen zugemacht und geträumt, jetzt ist Freitag nachnvttag,1* je'zt kommt er, da geht ein Schritt auf der Strrße — das ist er! Und's Heiz im Leib hat mir gelacht. Aber ich hab die Augen nit aufgemacht, ich wüßt' ja, dann war alles vorbei'1. Und sie erzählte, wie sie ihr Brot in der Fremde ver- | dient, wie mein Vater um sie geworben und sie ihn zuerst, weil sie noch gar so jung war, auf eine Verwandte hingewiesen, und wie er ganz wütend gebrummt hätte: „Durrme Gans, wenn ich die hätt' haben wollen, hätt' ich dich nit gefragt!" Sie habe ihn so gern gehabt, aber ihr Jawort habe sie da doch vor lauter Angst gegeben. Und dann aus den Jährt, n der jungen Ehe, von ihrer Not und ihrem Frieden und von den Tagen, die ich schon selber miterlebt. Und da fand sich, daß uns beiden die liebste Zeit doch die war, wo wir morgens früh zusammen fortgev/andert, jeder zu seiner Arbeit, sie zum Handeln und ich zum Lernen. „Mach' gute Geschäfte, Mutter!" „Lern gut, mein Jung!" Das klang jetzt aus fernen Tagen wie ein Vogelruf in später Abendstunde. Und eines Nachmittags — die Sonne guckte noch eben durch das Fenster — steht sie von ihrem Sessel auf und stellt sich ganz sacht hinter mich, der ich am Tisch in einem Buch lese. Und sie guckt mir wie fiüher einen Augenblick über die Schulter und legt mir die Hand auf den Kopf: „Kind, mir ist so eigen, ich glaub', ich werd wieder gesund. Komm, gib mir die Tefillah, ich kann noch Minchah oren, es ist noch Zeit". „Aber du kannst nicht stehen, Mutter." „Ich kann's. Du siehst ja." Und sie hält sich mit der einen Hand an einem Stuhl und fängt an, halblaut zu beten; und wie sie mitten in der Schemauneh-Esreh ist, wird sie unruhig und blättert und blättert und sagt leise wie vor sich hin: „Die Jom-Kippu; Schemauneh-Esreh — die Widde" und sucht und wankt Ich rücke ihr schnell den Sessel hin, sie sinkt hinein und greift nach meinen Händen: „Da ist das Schiff, kuck, mein jung, kuck, der Vater fährt auch mit übers Wasser, übers große, große Meer — Schema Jisroel!"--Und ist tot. I ^!3£ßC^^