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Der nationaldeutsche Jude · 1927-09-01 · Nr. 7/9 (September 1927) · p. [Seite]

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1927
Issue
Nr. 7/9 (September 1927)
Date
1927-09-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Der Eilwagen des Gerüchts ist einmal angekurbelt und nun rennt er bis auf weiteres durch die Lande. Das war der Zweck der Uebung. Die Leser der Graf R e v e y t l o w und i Genoffen lesen bekanntlich nur die Blätter ihrer eigenen Richtung. Keine Richtigstellung und Aufklärung, die in! anderen Zeitungen erscheint, vermag diese geistig Armen zu j erreichen. Jeder von ihnen wird — im besten Glauben —! weiterverbreiten, daß „wieder einmal" die gesamte Judenheit sich wie ein Mann erhoben habe, um ein paar jüdische Ber- > brecher zu retten. Morgen wird cs vielleicht schon heißen,! daß die beiden „Juden" ihr Verbrechen auf Anweisung der! „Weisen von Zion" begangen haben. \ Der Fall S a cco - Vanzet ti hat aber noch eine andere * Seite. Wir alle empfinden das tiefste Mitleid gegenüber zwei Menschen, mochten sie einst noch so gefährliche Verbrecher gewesen sein, die sieben Jahre auf die Vollstreckung ihres Urteils warten, sieben Jahre lang unablässig die Schauer der Todes, furcht durchleben mutzten. Wir hätten es freudig begrüßt, wenn der zuständige amerikanische Beamte, der Gouverneur Füller, dieser rein menschlichen Empfindung Verständnis entgegengebracht und die armen Sünder begnadigt, ihnen den leiblichen Tod erlaflen hätte, nachdem sie schon tausend- und abertausendmal den seelischen Tod gestorben waren. Aber wir : müssen bekennen, datz alles geschehen ist, um dem Gouverneur; die Ausübung seines Gnadenrechts unmöglich zu machen. Ob : das Urteil gegen die beiden Italiener ein Fehlurteil war, darf , heute in Deuischland kein ehrlicher Mensch zu beurteilen wagen. : WaS wir über die Tat und über das gerichtliche Verfahren wiffen, beruht auf lückenhaften Mitteilungen amerikanischer; Blätter, auf hingeworfenen Worten einiger zufällig in Deutschj land reisender Amerikaner, auf den — selbstverständlich ein- , fettigen — Erklärungen der Verteidiger und Familienmitglieder ' der Verurteilten, fuy auf Schreibereien und Redereien, die sich unserer selbständigen Nachprüfung völlig entziehen und denen die sehr bestimmten, auf Grund des Attenmaterials abgegebenen Erklärungen des Gouverneurs Füller sowie der Spruch; des Obersten Gerichtshofs von Massachusetts gegenüberstehen. Unter diesen Umständen von einem Fehlspruch, einem Akt der Klaffenjustiz, ja sogar von einem Justizmord zu sprechen, ist frevelhafte Leichtfertigkeit. Dieser Leichtfertigkeit aber hat sich seit Wochen Tag für Tag ein Teil der j deutschen Presse, wie übrigens auch der Presse anderer Länder, schuldig geinacht. Alis dieses verantwortungslose Pressetreiben sind in letzter Linie die Ausbrüche Zeines Maflenirrsinns zurückzuführen. der diesseits und jenseits des großen Wassers in Bombenanschlägen, im Barrikadenban, in Tötung und Verletzung ganz unbeteiligter Menschen, in Zertrümmerung von Fensterscheiben und Kaffeehaus-Einrichtungen sich ausgetobt hat. Es ist menschlich begreiflich, daß solche Ereignisse in dem Gouverneur jede Neigung zur Gnade ersticken mußten. Die hemmungslosen Zeitungsschreiber, die täglich zweimal „Gerechtigkeit" schrieen, ohne, zu wissen und wissen zu können, was wirklich in diesem Falle Gerechtigkeit ist, die durch ihre blindwütige Voreiligkeit aus einer Frage überstaatlicher Menschlichkeit d i e amerikanische Prestigefrage machten, — s i e tragen in erster Linie die Verantwortung dafür, daß die zwei Verurteilten dem Tode nicht entgingen, daß daneben eine Anzahl ganz unbeteiligter Menschen zu Tode oder zu körperlichen Schaden kam und daß kostbare Sachwerte, das Vermögen ebenso Unbeteiligter, in Trümmern liegen. Auch heute ist der Rummel noch nicht am Ende. Ein Abendblatt veröffentlicht Lichtbilder der beiden Todeskandidaten, wenige Tage vor der Hinrichtung hinter Gitter st äben ausgenommen. Auf dem einen Bilde sind auch die weinenden Kinder des einen Verurteilten zu sehen. Die Bilder stammen aus Amerika, natürlich. Aber wir Deutschen tun uns ja oft etwas darauf zugute, daß wir mehr Gemüt haben, als die nüchternen Geschäftsleute jenseits des Weltmeers. Flammt nicht unsere Empörung auf ob einer so grauenhaften Gemütsverrohung? Aber noch mehr. Man verkündet in Zeitungen, die Schwester des einen Gerichteten wolle mit der Asche ihres Bruders eine politische Propagandareise machen und überall „Trauerfeiern" veranstalten, auch in Deutschland. Soll es wirklich dazu kommen, daß auch dies noch an uns verübt wird? Sollen wir mit ansehen, daß ein Vorfall, der unS als Menschen bewegt hat, der aber unser Deutschland in keiner Hinsicht berührt, zu parteipolitischer Hetzerei in unserm deutschen Vaterlande ausgenutzt werde? Die Joulnalisten, die auch jetzt noch nicht begriffen haben, welchen gefährlichen Brandherd sie nähren, seien in tiefstem Emst gewamt. Und doppelt gewarnt seien die Juden, die unter ihnen sein mögen. Die Hetz« des Grafen Äeventlow und seiner Freunde, die wir un Eingang erwähnten, zeigt deutlich genug, daß schon wieder Versuche im Gange sind, auS dem Fall Sacro-Vanzetti eine „jüdische Affäre" zu machen. Der jüdischeJournalist, der durch sein Gebühren dieser Hetze den äußeren Vorwand sch afft,-ladet schwere Verantwortung auf sich. Verantwortung vor seinen jüdischen Stammesgenoffen im deutschen Vaterlünde und vor dent Vaterlande selbst, das in seiner traurigen Zerrissenheit nicht noch fremdländischer Anlässe zur Selbstzerfleischnng bedarf. M. N

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