Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1921
- Issue
- 3 (Dezember 1921)
- Date
- 1921-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
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I! Ein Nachwort zum Reigenpfozess. Es unterliegt keinem Zweifel, daß in die Agitation gegen dir Rcigenauffübrungcn auch die Judcnfeindstbaf» hineinsp'elt. Die Jünglinge, ^ie ihrer vorausbestimmten Entrüstung mit Stinkbomben und Trillerpfeifen so kräftigen Ausdruck gaben, arbeiteten im Zeichen des Hakenkreuzes. Es mag dahingestellt bleiben, ob ste alle ebenso entrüstet gewesen wären, wenn sic die Vorstellung als Privatleute mit bezahlten Eintrittskarten besucht hätten. Aber als sicher darf gelten, daß ihr AergerNis nicht geklappt laben würde wie ein gutgeleiteter Feuernberfall, wenn man ihnen nicht bei Darreichung der »Freibcrger" ,gesagt hätte, cs bandle «ich »in eine Kundgebung gegen den »jüdischen Geist', Do Meinungsverschiedenheiten in sc anmutiger Form zun? Ausdruck kommen, verschärfen fick regelmäßig die Gegensätze. Bevor tie^Stinkbomben flogen und die bercitstchenden Polizisten zugriffen' konnte jeder Staatsbürger christlichen, jüdischen oder sonstigen Glaubens die Aufführung harmlos oder widerlich rinden, ganz nach persönlichem Geschmack. Heute, nach dein Skandal, ist die Parteinahme sozusagen Ehrensache. Man ist »für" den Reigen", wenn man Jude oder Gegner der Hakefikrcuzrittcr, man ist »gegen" den Reigen, wenn man "-Gegster der Juden ist. Aus der Geschmacksfrage ist eine Gesnjungsfrage geworden. Der vernünftige Mensch sottle versuchen,' sich von solcher ' Verwirrung fernzubaltcn. -Man' kann Jude und trotzdem ,gegen" den Reigen sein. Man kann das Dichtwerk .rls solches gelten lasten und sich irovdcm gegen die Bübnenkarftellung sträuben. Mau kann gegen die Aufführung sein u»d dabcr De bei alchr Gcscbäftstüchrigkcir garantiert »arischen" Bühnenleiter ganz außer Betracht lasten. Der Dichter Schnitzler, der diese Aufführung zugclastcn hat, ist .«s, gegen den nur hnsrc Stimmen erheben.! , . Den jungen Herren des Sturmtrupps bar man gesagt, hder »jüdische Geist", gegen den sie demonstrieren sollten, sei der Geist machtloser Erotik. Das paßt nun freilich auf den Reigdn wie der Igel zum Schnupftuch. Es gibt kaum ein Diclffwerk, das weniger erotisch, weniger eros-freudig ist. Man bat sticht mit Unrecht gesagt, die Grundstiinmung des Werkes sei tiefste Melancholie. Das gezeigt wird, ist, daß der Mensch bei stur sinnlicher, von tieferem Eiizpfinden nicht gelenkter Betätigung des Geschlechtstricbs immer das Tier bleibt, daß seist Vzcttschcntum das Tierische mir zeitweise durch Vcrlogpitl-cit bemänteln, aber niemals wirklich überwinden kann, dagchieses Tierische immer das Gleiche ist, ob der Mensch die Mannschaftsmontiir des gemeinen Soldaten trägt-oder d,e Lfsiziersuniform des Grafen, der-wobl eigentlich ein Erzherzog ist. -Ein -Gedanke, über den ein sittlich ernster Mensch trost aller amüsanten Enzel heilen Tränen ohnmächtigen - Gr„nms vergießen kann, wenn er das Buch in stiller Kammer liest. Aber der Dichter, der tie'sechKammerspiel melancholischen ftumoes schuf/ hat cs geduldet, daß es in das grelle Acht der Schaubühne Egezerrt wurde Dir Schaubühne; die von 'erst, Ndnisloscn und sensationslüsternen Spießern und Unzuchtichnüfflern bcsncht'wird, voN Menschen, denen der erschütternde «Rur ygedanke verfluch: gleichgültig ist, die im Theater nichts suchen,. als das Stück, in dem nminnal der außereheliche und einmal der 'eheliche Beischlaf vollzogen wird, wenn iiich »schamhaft" hinter grüner Gardine und bei Musikbeglc kuiig. Daß — nebenher bemerkt die »dezente" Aufnicht daß lasten er führt ng diesen Andachkslicher» eine Enttäuschung bereitet bat, zur Schadenfreude stimm»!,!, aber wesentlich für zins ist es Wesentlich ist, daß der Sichler sich sagen mußte: Der Lb er spielerisch ein Liebeepkoblcm uintändelt, ol^ er schmerz lich mit sich selbst ringend den »Weg ine Freie" sucht, ob er schauernd an die geheimnisvolle Pforte des Jenseits tastet, stets kommt er schließlich, nur zu dem verzichtenden Lächeln, dem hoffnungslose^ Achselzucken, in dem so vieles enthalten, ist, das"»Alles ist eitel" dev alten Königs Salomo und der Spruch des modernen Wieners: »Da kannst halt nix machen". Und diese Gebcrde der Mutlosigkeit, der auf herzhafte Taten verzichtenden Unterwerfung ist es, die den Deutschen zur inneren Auflehnung zwingen muß,^auch»'wenn er nicht die Kunst mit den Maßstäbcn des Herrn Professor Brummer mißt. Diese Geberde ist es, die in gewissem Sinne allerdings der Ausdruck »jüdischen Geistes" isst' Aber nicht des Geistes der deutschen Juden schlechthin^, nicht des Geistes der nationaldeutschen Juden und auch ^nicht des Geistes der Zionisten. Denn beider Streben hat positiven Gehalt, beide haben den"" . Austrieb, der ihnen die Krctft gibt, szur Höhe zu stoben, beide haben ein Vaterland, das sie lieben, mag es dem einen ^Deutschland, deüi andern Palästinas heißen. Der kraftlose TVerzikbt, die unfruchtbare Vernftnung ist das Keimzeichen kessen, der nicht fest . in ^ein gesundes^ Volkstum hineingewachscn ist, der zwischen den Nationen, zwischen den Schichten steht. Nicht allgemein »jüdischer" Geist ist dieser Geist der l'offnungsarnrcn Müdigkeit, es ist nur der Geist der jüdischen Zwischenschicht, wie cs auch der Geist der wesensgleichen nichtjüdischen Schicht ist. ' Undeutscher Geist ist cs, ein Geist, den ein aufstrebendes, zukunftesreudiges Deutschland nicht brauchen kann. Und darum lehnen wir nationaldentschen Juden es ab. diesen Dichter der Unkraft einen deutschen Dichter zu nennen, mag er auch ein genialer Gestalter, ein selzerischer Erkenner menschlicher Schwäche», ein Aesthet von feinster Kultur, ein achtungswürdigcr Mensch sein. So wenig wir eine Form der Kritik billigen können, die mit Stinkbomben und Triller-- pfeifen arbeitet, so wcnigj wollen wir verkennen, daß in dieser Kritik ein gesunder, ein deutscher Kern enthalten ist. § FMar. Naumann. Vermischtes.? - kanff i'icht. cha rpöbel sucht in der öffeiüüchcn Aufführung des Werkes Lebens,' sondern die Schweinerei. Und r^oy .m mit lässiger Gebcrde die Aufführung zuge hat. - ' D ese selbe Geste mücer Resignation ist es, die auch für k,e rfinftlerische Peffönlicbkejit Schnitzlers kennzeichnend ist. —U-i.-^--- Das Palästtnaspiel. Zin .Hamburger Zvcaelirischen Familienblatt (Nr. 44 von, z. i l.ri) ffnket üch unicr den Buchbesprechungen folgende Noch: Adele Sandler, Palästina-Reisespiel. . . Dat nette Spiel zeichnet sich durch gefällige- Aoußtrc und einen für di« Kleinen äußerst anregenden geistige» Gchalr au-. Spielend gewinnen die kleinen Reisenden Einblick in die Geographie und Länderkunde Erez Zi-rrel- und auch manche geschichtlichen Daten, kn Verbindung gebrach« mir drm lebendigen .Heute, verlieren ihre Schrecken, wenn ste so im Spiele in Fleisch und Blut übergehen. k>icsr Ankündigung ist in gleichem Maße bezeichnend für di« Methoden, denen dar liebliche Spiel dienen soll, und für da- Blatt, dadies« Methoden empfiehlt. Die zionistische Seelenfängerei, di« sich — leider bisher mit allzu gutem Erfolg« bemüht, deulschfühlenden Eltern ikrc Kindrr zu entfremden, und die schließlich doch nur die Kinder selbst in Verwirrung und Enttärrsrbungen stürzt, setzte bi-her erst auf der Schulbank, mit drr Propaganda der Blau-Weiß-Bereine usw. ein. Das »Palästina-Neisespiel" soll offrnbar dazu dienen, bi« Entfremduug-- eirbeik in einem noch früheren, Sttzdium de« Kinte-lcbenwirksam rorzubcrciten. Es ist zu hoffen, daß deutsch empfindende Eltern den freundlichen „Snkeln und Tanten", die versuch«», sollten, den »kleinen Reisenden" in dieser Form da» Gift in dir Kinderstube zü schmuggeln, dle gebührende Aufnahme bereiten wcrdrn. M. N. Beran>rn>errl. kckstikrleiter-> Dr. Dar Naunarn. tz>ar!««rnrarq. Inick Berliner kltecl«m»-Dnick«rr> G,»r« Mareu«, Berlin Tr, Brrnlaoer Grr.