Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 8 - August (8.1928)
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 116 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Herabgleiten der Debatten in mehr gesellschaftliche Unterhaltungen. In dem Berichte, der der englischen Großlogentagung vorlag, geben die einzelnen Logen Rechenschaft von ihrer Tätigkeit im vergangenen Jahre. Der grundlegende Unterschied zwischen englischpn uncf deutschen Logen liegt nicht in ihrer Tendenz, sondern in ihrem Alter begründet. Es ist selbstverständlich, daß junge Logen, wie die Jugend Oberhaupt, zunächst nach außen wirken. Erst im Alter kommt dann die Einkehr, der Gedanke an sich selbst, die Sorge für die eigene Familie. Vielleicht ist das Gefühl der schicksalsmäßigen Verbundenheit, das eigentliche Brudergefühl, das erst ein Produkt jahrelangen Zusammenlebens und Wirkens ist, erst im Entstehen begriffen, und zunächst will man negativ die Möglichkeit von Streitigkeiten durch Schiedsgerichte, wie sie alle Logen besitzen, 4 ausschalten. Der Kreis, aus dem sich die Mitgliedschaft des englischen Distrikts zusammensetzt. ist für das Zusammenwachsen zu einer Bruderschaft günstig: es ist die Schicht des gebildeten jüdisch stark interessierten Mittelstandes in auskömmlichen Vermögensverhältnissen. In dem auch bd uns nicht entschiedenen Streite, wer als Mitglied der Loge in Frage kommt: ob diejenigen, die sich bereits durch Bildung oder öffentliche Betätigung 4einen gewissen Namen gemacht haben, oder überhaupt alle »edeldenkenden Juden«, wurde theoretisch für das Prinzip der breiteren Masse votiert. Praktisch -r allerdings findet jedoch eine ganz bestimmte Auslese statt. Die Tätigkeit eher Logen und der Großloge spiegelt ihr starkes Interesse an Judentum und ^jüdischem Leben wider, das auch in der Wahl des Dozenten am Rabbinerseminar Dr. Samuel Daiches zum Großpräsidenten zum Ausdruck . kommt Man will durch Vorlesungen und Schriften jüdischen Inhalts, besonders auf die Jugend, in erster Reihe-auf die Akademiker, zu wirken versuchen und die jüdische Jugend in Beziehung zum Leben der jüdischen Gemeinden bringen. Preisausschreiben sollen junge Leute zur Beschäftigung mit jüdischen Problemen anregen. In Edinburgh hat man einen'jüdischen Literaturverein wieder ins Leben gerufen, in Leeds einen Klub für Jungen und Mädchen geschaffen, in London wird von der Frauenloge ein Mädchenklub für 100 arbeitende Mädchen unterhalten und vpn beiden Logen eine Vorbereitungsschule mit Kindergarten betreut. Die Großloge will mit den andern außeramerikanischen Distrikten in Verbindung treten, um gegen die Propaganda durch''christliche Missionsschulen, besonders auf dem Balkan, Maßnahmen zu ergreifen. Andererseits wiil1 man unter Nichtjuden durch Vorlesungen Kenntnis von Juden und Judentum verbreiten (London, Manchester, Liverpool, Edinburgh). Trotz der beschränkten Mittel, die den Logen zur Verfügung stehen, sind doch die Beiträge in Lohdon Mk. 42.— jährlich und der ganze Jahresetat der Großloge ca. 4000 — Mit, hat jede Loge ihre besonderen Interessengebiete. In London wurden für die Juden in Polen, in Manchester für Juden auf dem Festlande und in Syrien besondere Sammlungen veranstaltet. Einen breiten Raum,nimmt die Krankenfürsorge ein in Verbindung mit der englisch-jüdischen Gesundheitsorganisation (London, Edinburgh, Leeds, Manchester, Liverpool) Daß diese und andere Fragen in Referaten und Vorträgen in der Loge behandelt werden, bedarf keines Hinweises. Von sonstigen Themen sei noch genannt: die Völkerbundsliga, die Lage der Juden in einzelnen Ländern, der intellektuelle Stanjd des englisch-jüdischen Lebens, die Schechita. ,{ So jung die Logen in England sind, so rechnet man jetzt bereits mit ihnen und zieht sie in allen allgemein jüdischen Fragen hinzij. Auch die Presse geht an ihnen nicht vorbei,' wie sie sich andererseits die Förderung' derI ITA (Jüd. Telegraphenagentur) angelegen sein, lassen, weil sie mit Recht betonen, daß durch eine solche Agentur die Logen mit jüdischem Stoff versorgt werden ‘'können. Als anläßlich der Vorkommnisse in Rumänien jüdische Protest-! resoluti jnen in Amerika ergingen, sandte diej j London-Loge der rumänischen Gesandtschaft inj , London eine Abschrift ein, und erhielt diel j Antwort, daß seitens der rumänischen Regierungj . Maßnahmen gegen die Unruhestifter ergriffen| seien, iklan empfindet das nicht als ein Ueber-j greifen ih die Politik, sondern als die Pflicht,, den Opfern oe^ Verfolgung zur Hilfe zu kommen.j Zusammemassend darf gesagt werden, daß; der Eindruck, den man vom englischen Logen-; leben bekommt, stark ist. Ob die Führung der; Judenheit, die Hegemonie, wie Dubnow in seiner Weltgeschichte des jüdischen Volkes sich aus-: drückt, die einstmals die spanischen Juden be-j saßen und die dann auf die deutschsprechenden Juden überging, jetzt, wie es den Anschein hat, dem englisch sprechenden Teil des jüdischen! Volkes anheimfällt, ist nicht zweifellos. Sicher] ist, daß die Organisation der englischen Juden-i heit im Fortschritt begriffen ist, und daß den 116 —