Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1924
- Issue
- Nr. 11/12 - September (9.1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 120 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dankt es seine Anerkennung. Die alten Gebete bedienten sich der Bezeichnung »Neujahr« überhaupt nicht; für sie ist der Tag »ein Tag des Gedenkens«, ist er der Gerichtstag, an dem die Menschenseele Rechenschaft abzulegen hat über ihr Denken und Tun. »Wie ein Hirt Musterung hält über seine Herde, wie er die Lämmer durchziehen läßt unter seinem Stabe, so lässest Du vorüberziehen und zählst und überschlägst und musterst die Seelen aller Lebenden, teilst jeglichem Geschöpfe zif, was ihm bestimmt, und verzeichnest den über es gefällten Spruch.« — In unbekümmertem Realismus malt die jüdische Geberlieferung mit greifbarer Deutlichkeit, mit der ihrer Lehre eigenen Anschaulichkeit die Einzelheiten -des Gottesgerichts dichterisch aus — ein naiver lebendiger Glaube, der rationalem Denken nicht standhält, der aber ein hohes sittliches Pathos erzeugt, ein gesteigertes Verantwortlichkeitsgefühl der Einzelseeie in die weitesten Schichten getragen hat. »Wer ist’s, der heute nicht be-’ urteilt wird? Das Gedenken aller Gebilde kommt ja vor Dich, das Tun eines jeglichen und was er ersinnt, das Trachten des Menschen bei jedem seiner Schritte.«' So wird der Neujahrstag zum Tage der s i 11 liehen Erneuerung, regt er eine W ie d e rg'e b u r t des sittlichen Menschen an. ln unserer Zeit ist viel von Wiederherstellung, von Wiederaufbau die Rede. Nur wenig hören wir jedoch vom sittlichen Wiederaufbau,. der eine Vorbedingung jeder materiellen Wiederherstellung ist Was bedeuten die zerstörten Gebiete Europas — so traurig auch ihr Anblick ist, und eine so trostlose Lehre sie auch predigen — gegenüber dem moralischen Trümmerfeld, das wir auf der ganzen Erde gewahren, gegenüber der Verwilderung der Sitten, gegenüber der Zerstörung von Treu und Glauben, gegenüber der Gewöhnung der Menschen an Lug und Trug und all’ die Laster, die sich daraus ergeben? Hat die Kriegsfront Tausende erschlagen, so hat das Leben hinter der Front und die Nachkriegszeit Myriaden vernichtet! Es wird keinen Wiederaufbau und keine wirkliche Befriedung Europas geben, ehe nicht der Geist sich wandelt, ehe die sittliche Wiedergeburt vorangeht. Die wird freilich nicht durch Staatsmänner und Konferenzen beschlossen werden, die' das Machtprinzip in den Vordergrund stellen und steh als Meister im Schachern utjd Ueberlisten Erweisen, sie ist Sache der Einzelseeie. Es ist am der Zeit, daß der durch den Krieg und die Nachkriegszeit erzeugte Kampf aller gegen* alle aufhört, daß das Streben nich VWahrheit und Redlichkeit, daß Gemeinsinn ufid S ilbstlosigkeit wiedej unter [uns erstarken! |Ein jeder hat in seinem Kreise Gelegenheit, für d:n sittlichen Wiedaraufbau, für die Wiederbelebung der sittlichen! Verantwortlichkeit zu Wirker. Das Neujahrsfest ist der rechte Anlaß, sich auf diese hehre (Pflicht zu besinnen und ihr;r Durchführung pie Kraft zu weihen! ir uns Juden treten in dieser Zeit des Wiederaufbaus noch besondere Pflichten hinzu. Der Wrieg hat uns schwere Wundei geschlagen, er hat blühende Organisationen, heilsame Institutionen zerstört, hat Menschen entwurzelt, Familien zerrissen. Erst jüngst Ihat Jie Welthilfskonferenz in Karlsbad ein ersehe tterndes Bild vom Jüdischen Elend, besonders im Gebiete von SowjJtrußland, enthüllt. Der Kr eg und die Nachkriegszeit haben uns auch vor neue Aufgaben gestellt, von denen als die bedeutsamste nur ier Aufbau Palästinas genannt sein mag. Die neuen Verhältnisse haben atkch eine neue Lage ln unlerer Heimat geschaffen. Auf den verschiedensten Gebieten erweisen sich Umstellung und Wiederaufbau als notwendig, wie in der Festnummer zum Ordenstage von berufener Seite für die einzelnen Bewegungen dargetan werden wird. Ein Jang erstrebtes Ziel, der Zusammenschluß d£r jüdischen Gemeinden zur gegenseitigen Förderung und zur Erfüllung gemeinsamer Aufgaben, hat sich endlich erreichen lassen, und der »Preußiindesverband* schreibt seine ersteh Wahlen! Eine erdrückende Last von Aufgaben, deren ig reinsten Willen, j lauterste Hingabe errn! Werden wir die sittliche kraft für diese lerige Arbeit aufbringen? Wjir dürfen uns# sehe | aus. Lösufr fcjrde schv nicht Jahre lassefr Metf verhehlen, daß wir uns rin den letzten gar zu tief haben in die Politik verstricken daß politische Fragen und politische »den die sachliche Arbeit zu überwuchern dfohtn. Zu zahlreich sind die Wortführer in unserer Mitte geworden, die allp Fragen nur dürcli die Brille der Partei t^etraj:hten, die es nicht fertig bringen, das Hindernis des Schlagwort :s zu überspringen und zu ejner sachlichen Werbung vorzudringen, denen die Taktik wert- - 130 h-