Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1924
- Issue
- Nr. 1/2 - Januar-März (1.1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I K Not oder auch die.Not des Vaterlandes denkt und nur daran leidet, für den wird vielleicht doch eines Tages die Stunde kommen, wo er klein und eng wird, mißgestimmt, zweifelnd und verzweifelnd. Wer es aber weiß, daß es sich um eine Menschheitsangelegenheit handelt in dem, was er trägt und erträgt, in dem, wofür er kämpft und wofür er duldet, wer dieses Bewußtsein in sich trägt, der wird alsbald emporgehoben über die Sorgen des AHtags, der gewinnt den weiten Blick, der ist immer größer und stärker als sein Schicksal. Dieses Empfinden sollte daher immer wieder gefestigt und gepflegt werden — das religiöse Empfinden in dieser Not und in dieser Hoffnung unserer Zeit. Es ist von dem ersten Herrn Redner hingewiesen worden auf das Wort der Bibel — das Wort, das am Anfang steht, gesprochen gegenüber dem ersten Mord, der auf Erden verübt worden ist: »das Blut deines Bruders schreit zu mir empor.« In dem alten hebräischen Urtext der Bibel; heißt es, wörtlich genommen, nicht »das Blut deines Bruders«, sondern »die Blute deines Bruders«, un'd einer der alten jüdischen Weisen hat daran die Bemerkung geknüpft: in dem. Blute eines Menschen, das vergossen wird, schreit das Blut aller, das Blut der ganzen Menschheit, das Blut. einer Welt zum Himmel empor. ‘ Und in der Tat: es gibt kein Unrecht^ das blos einem Einzelnen angetan würde. Jedes Unrecht, das irgendwo auf Erden geschieht, an dem Fernsten auch, es ist ein Unrecht, das gegen jeden Menschen geübt wird, gegen mich also aurh, denn, es ist ein -Unrecht, das gegen Oott begangen wird, ein Unrecht, das zum Ewigen emporschreit, in dem Bewußtsein davon scheiden sich der kleine, zweifelnde Mensch und der große, 'der stark in seiner Oewißheit und in seiner Hoffnung ist. Wie viel kleine Menschen wir heute in Deutschland haben, — Menschen, die es nur als ein persönliches Unrecht empfinden oder als ein nationales, was dort' begangen wird, oder wie viele große Menschen es gibt, die moralisch* seelisch, sittlich unter diesen Vorfällen leiden, von der Antwort auf diese- Frage hängt die Antwort darauf ab, ob Wir stark bleiben werden, zuversichtlich und gewiß. Es wird uns heute allerdings öft schwer gemacht, die Zuversicht zu bewahren. Wer die Geschichte kennt, der weiß, daß die ganze Ge- ] schichte ein Kampf der Ideen essen ist, oder, was dasselbe isl Olaubeas und des Unglaubens. [und ein der Inter- <ampf des Und heute — daran können wir doch nicht zweifeln — heute haben |die Interessen wieder einmal über die Ideen, ihat der Unglaube wieder einmal über den Glauben gesiegt. Im 18. Jahj-hunaert pflegte man irj der Literatur eine besondere Gattung; man schrieb persische Briefe, chinesische Briefe; man li^ß einen Perser, einen Chinesen aus dem damalsf noch unentdeckten Osten nach dem europäischen Westen kommen und ter Heimat in seinen Briefen erzählen, was er mit seiner alten Orientalischen Weisheit geschaut und beobachtet Jiatte. Wenn heute aus irgend einem unentdeckten Teile der Welt ein Mann, der von Europa noch nichts wüßte, hierher gekommen wäre hnd seit einem |ahr etwa tiun i 1 den Ländern Unseres Erdteils weilte und d;inn seinen Landsleuten von der terra incogniU schriebe, was er gesehen, und wenn er in seinen Briefen vielleicht auch die Frage behandeln sollte; Wer ist eilt gleichberechtigter Europäer, ein europäischer Gentleman? — er würpeuvie lleicht folgendes schreiben: Als die Türken nur ein Recht auf ihjrer Seite hatten, aber keine Kanonen, als die ijürken sich von den Grlecher besiegen ließen^ da waren sie keine Gentlemen, da waren sie njcht’ würdig, in Europa j eingelassen zu werdejn, da mußten sie Klein^siateri bleiben; an keinen gemeinsamen Tisch wollte man sich mit ilfnen setzen, nicht Rede und Gegenrede mit ihnen austauschen; aber als die Türken Kanonen von Rußland erhielten und als Sic die Griechen besiegten, da wurden sie mit einjem Male Gentlemen,; da drückte man ihnen did Hand, da wurden [sie Europäer, gleichberechtigte Europäer, da sietzte man sich mit ihnen an einen Tisch, da sjehwor man ihnen ewige Freundschaft und ewigen Frieden. Das ist das Niederdrückende dieser Zeit: der Unglaube hat wieder gesiegt, die Interessen überIdie Ideen, Macht ist leider wieder mehr als das Recht Wer sind die Besiegten von Versailles? Die eigentlich Besiegten, das sind die Idealsten, die geglaubt haben an die Idee, an Gerechtigkeit und Recht; sie sind unterlegen, sie sind [die, denen Zweifel und Verzweifl mg nahen wollen. Man hat in Frankreich in die sem Jahre das [Andenken an Pascal gefeiert, man hat ihn