Mannheim
Compact Memory

Der Orden Bne Briss · 1922-08-01 · Nr. 7 - August (8.1922) · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1922
Issue
Nr. 7 - August (8.1922)
Date
1922-08-01
Page
Seite 95 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6727475-6029110-6074535--0228-4866930
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Bücherschau. E. M.i Lilien. Eine künstlerische Entwicklung um’ die Jahrhundertwende von Lothar Biieger mit 226 Abbildungen nungen des Künstlers. nach- Radierungen und erlag Benjamin Harz. Zeich- 1921, Erst dort ist Glück. Vier Berlin W. | Wenn der Name E. M. Lilien im Oehim des ge bildeten jüdischen Mitteleuropäers auftauchte, so stellten :>ich von der Jahrhundertwende an Vorstellungen jüdischen Lebens voller Schönheit und Tiefe, eineir zeichnerischen Kraft ausgeprägter Schwarz-weißrTönung, die auch inder Erinnerung ihre besondere Gestalt nicht verlor, gewissermaßen automatisch ein, und zwei Werke verbanden sich mit dieser Vorstellung: »Juda« vdn Börries Freiherr von Münchhausen und »Lieder des Ghetto« von Morris Rosenfeld — beide illustriert von einem Künstler, von dem der großen Welt außer diesenj Illustrationen lange Zeit eben nur der Name bekannt Jetzt bietet sich die Gelegenheit, die künstlerisch^ Entwicklung eines frühzeitig Meister Gewordenen durch ein vortreffliches Werk von Lothar Brieger zu verfolgen, das bei glänzender Darstellung eine Fülle von Schöpfungen Liliens bis in die jüngste Zeit enthält, gleich fesselnd aus künstlerischen wie aus jüdischen Gründet». Vor unseren Augen ersteht Liliens Jugend, eine ernst«), bittere Jugend im Hause des Drechslermeisters, seines Vaters, in Drohobycz in Galizien, eine Jugend, über der dauernd die Begriffe Not und Kunst, Hunger und Sehnsucht itehen, beim Schildermaler in Drohobycz, beim polnischen Professor in Krakau, in den Ausbildungsstätten Wien, München, Berlin. ' Lilien .zeichnete s^ine Heimat und mite besonderer Schärfe die Juden seiner Heimat, Plakate] Bucheinbände, Exlibris, Illustrationen zu!Romanen in Arbeiterzeitungen, köstliche Vignetten : als Beispiele-»Lex Heinze«, »Genius vor dem Richterstuhl der Prüderie«. Es wimmelt, wie Lothar Brieger bemerkt, von Einfällen. Dem unvollendeten Zyklus—»Trugland«—widmet Stefan Zwfeig die Verse: 1 Erst dort, wossich in wilder Lust die Femen weiten, Das bange Wissen selig sich der Welt entwand, Daß nur die reinen Himnelssphären uns umbreiten, Doch nur, bis' wir dann selbst erkannt, Daß selbst dies freie Lanif der letzten Seligkeiten Verlachtes Spielzeug ist in unseres Schicksals Hand! In »Des Teufels Spielzeug« aus diesem Zyklus sehen wir auf einer Erdscholle in den Händen eines gutmütigen Riesen die Liebe in Gestalt Adams und Evas. Eine Laune hält sie, eine Laune kann sie in den Abgrund stürzen lasagn. J,S Der Name des jungen Lilien wurde mit einem Schlage bekannt, als in der in gewissem Sinne seltsamen Verbindung der'junge galizische Jude und der junge aus deutschem Adelsgeschlechte stammende Bö'ries Freiherr von Münchhausen, — »Ephraim Max Lilien, Sohn Jacobs, aus Priesterstamm, der getreuen Söhne Zions einer« und »der Fremdling, der in deinen Toren weilt« (nach Woiten Liliens) in dem Kunst gewordenen Oedanken »Juda« s ch zusammenfanden (1900) — strahlende Verse und strahlende -Zeichnungen. , »Gleicherweise schufen wir beide, i ' ■ -t . Was unsere Seelen mit Sehnsucht dui|chquillt, Keinem zu Lieb und keinem zu Leid^ Haben wir unsere Sendung erfüllt!« I Börries Freiherr von Münchhausen. In Morris Rosenfelds »Lieder des Ghjetto« hob der Zeichner den mit dem Stoff und der Form ringenden Dichter zu gewaltiger Wirkung: tiefst«) Lebenstragik, Bitterkeit, Leid — Kunst, Verklärung, Schönheit: »Sturm«, »An der Nähmaschine«, »Die Träne auf dem Eisen«. Aus vier Palästina-Reisen erstanden die Zeichniingen zur Bibel: Oeist, Seele, Herz, Liebe, Erinnerung wird Kunst, Vergangenheit wird Gegenwart Der Zionismus hat Lilien viel zu danken, sicherlich auch Lilien dlem Zionismus! Wir alle aber, die wir uns bewußte Juden nennen, haben Lilien unendlich viel zu danken, denn er hat uns Judentum, das man in Vergangenheit und| Gegenwart zu mißachten sich bemüht, in klassischer Schönheit gezeigt. Wir vom Orden Bne Briss aber dürfen ihn mit besonderem Stolz unseren Bruder nennen. i Es dürfte keine Loge unseres Distrikts,, aber auch aller anderen Distrikte geben, die sich nicht! durch Lothar Briegers Buch eine Uebersicht der bedeutendsten Werke "des Künstlers zu verschaffen suchen sollte) Es ist nicht leicht, aus der Fülle delr vortreffliche Zeichnungen, Radierungen oder sonstigen Werke .einigt hervorzuheben, denn die Auswahl fällt ■ schwep. Es mög hingewiesen werden auf die geistvolle Zeichnung, jene so unsagbar tief erfaßte tragische Kunstmotiv im — Ulk des Berliner Tageblatts »Väter und Söhne«: »Wohin des Wegs, ihr Kinder? .* -J »Gen Osten das heilige Rußland sch ckt uns. U Ihr Väter-? »Gen Westen — das heilige Rußland verjagt uns.« Ein Schaudern erfaßt uns ob der Infamie desvzaristisehe Rußlands und der Größe des jüdischen Lids!! Ferner als uns besonders intefessie;nd: auf dl Glasmalereien der drei Fenster im Hamburger Logeatempel: »Leuchter«, »Rabbi Hillel und der ' Heide »Mose«. Gibt es eine jüdische. Kunst? Künstler und Kunstkritiker verneinen diese Frage. — Mit Re<iht.! Rembranflt malte in höchster Vollendung jüdische Menschen ütj jüdische Stoffe und war kein jüdischer] Künstler, gibt jüdische Künstler und jüdische Stoffe. Wenn min jedoch wie Lilien als jüdischer Künstler so mit de Herzen Jüdisches malt, dann haben wir das, was wir. In dem überhaupt möglichen Sinne nennen können: jüdische Kunst. j« Darstellung und Ausstattung halten, steh auf ^leic Höhe. Dr. Alfred Goldschmidt i 95

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.