Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXXIV (1934)
- Issue
- 5 (31.1.1934)
- Date
- 1934-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 5. I 3l.janner 1934. FRAUEN BEIL AGE Jakob Wassermann u. die jiidische Frau Von Ing. Artur Steincr. I'er Tod Wassermanns hat die jiidisclie Velt namentlich aber die judisché in tiefe Trauer versetzt; denn hier einer der GroBen unseres Volkes, desse i Dichtungen, insbesonders die Seelei der jjdischen Frau aufriihrten und sie traunriiaft in eine bessere Well verselzten. Wer seine Erzåhlungcn kennt, wird diese veunderbare Wirkuiig vollauf begreiten. Sie liegt nicht nur in den zdhlreichen jiidischen Gestalten seiner Dichtungen, sondern auch in deren typisch jiidischen Weseisziigen, die aus seinein Urinnerstenj aus H lut. Temperament und Ahnenbestånden «. mporsteigen. liclton in seinem Erstlingswerke „Die Juder von Zirndorl" iiber das sich, kraft des fiewaltigen Vorspieles von Sabbate! Zwi i tessianische Hoffnung wdlbt, folgt e^ der Stimme seines Blutes. Hier wird vor* bildli :h und in Abkehr des zweiflerischen Judentypus, den Heine schuf, ein positiver und aufrechter Jude gestaltet, der ein all* umfassendes Leben nur in Palåstina fur mdgljch halt und dem tiefen und geheimen Sinnij der Dinge nachspurt. In seinem Schaffen spiegelt sich Selbsterlebtes aus seiner mit physischer u. seelischen Not erfullten Jugendzeit, vornehmlich als der ZusammenstoB eines ’dealen Menschen mit der Stumpfheit und Versi andnislosigkeit, mit dem trSgen Herzen der Umwelt. Am deutlichsten kommt dies n seinem die Entfuhrung eines JudcnmSdchens in ein Kloster behandelnden Konipn „Der Moloch” zum Ausdruck, in welchem der Held in gluhendem Kampf um Gcrechtigkeit in die Polypenarme des Molochs GroBstadt gerat und von dieser morifliscti vernichtet wird. Dieses besonders die Frauenseele so erschutternde Ringen um Cerechtigkeit, die nach Wassermanns Bekenntnissen schicksalhaft wie eine azurne Flamme uber ihn ning, tritt am augenfSIligsten in seinem grpBartigen Roman „Dér Fali Mauritius” he'rvjor, in welchem der junge Etzel Andergast geradezu heroisch fur einen unschul- Verurteilten, gegen unbeugsame Jp- und Geistigkeit kSmpft. DaB Wasséri diese schicr unerfiillbare Aufgabe in -lande der Jugend legt, beweist, wel- Sendung er ihr flir die Erneuerung des .Merschen, wie im Judentum, zuspricht. 1n das Tiefinnerste der jiidischen Frau grei t der Roman „Die Geschichte der jun- Renate Fuchs", die entgegen der dagen literarischen Gepflogenheit, den chen Fail des jungen Madchens zu gestalten, zu ihrer miitterlich-sch'wésterliche i Bestimmung emporsteigt. Aus die- Empfinden heraus gibt uns der Dich dig stiz man die che gen mal sittl ter m Eheroman „Laudin und die Seinen” weibl. Gestalt, die von ihrem Manne verlassen, ruhig und in unwandelbarer Trejue ausharrt, bis er gebrochcn und eine Stiitze suchend, zu ihr und den Kindern zurpckkehrt. Wahrlich der Typus einer duldenden jiidischen Frau, die das Gesetz Goites in sich tr5gt! Eine jiidische zauberhafte Gestalt, eine Botin aus citer anderen Well, ist die tapfere kleine Ruth in „Christian Wahnschaffe”; es scheint, dali Wassermann bei diefeer Madchengestalt, die er mit rDhrendetj Einzelzugen ausgestattet hat, das Bild seiner frOhzeitig verlorenen Mutter oder jener russischen siebzehnjahrigen Judin voikchwébte, die stolz und anmutig in Seinen verwunschenen Kreis in Miinchen trat, und ihn votn unheilvollen Band einer erotis< hen Sklaverei befreite. Es scheint aber am h, daB der Dichter mit dieser lieblichen Ru ft, dje durch einen greulichen Mord en* dele, das Geschick ihrés ungliicklichen Vo kesversinnbildlichen woilte. Der Held lit ses Buches ist zwar kein Jude, aber geradezu jOdisch in der Cberwinderkraft seine Liebe zu den Elenden und Bedruckten un I in seinem revolution3ren Willen, den sel bstgew3hlten Weg vom Wohlstand bis zu den Hohlen der Armut zu Ende zu gehe i. Ergreifcnd ist hier auch die opfer- -fre adige Liebe der Mutter zu ihrem verlorenen Sohn, und die Frauenwiirde, zu der Vorbofcn des Frtihlings - die kommende FrQhlahfsnode. (Fleurette). Ein Modebrief von Irene Kurcz Gnådigi* Frau, sicherlich steckert Sie noch tiefvermummt in Ihrem Breitschwaiizinantel und Ihnen frontalt, wåhrend in den Modeateliers fteberhaft daran gearbeitet wird, ihnen eine entzikkende feenhaft diinne Bekleidung fur den Sommer zu FiiBen zu legen . . . doch davon ein andermal . . . heute sind. jedenfalls die Obergangsmodelle und d»«k Kfrstlinge furs Friihjahr schon langst fiir „Sie** vorbereitet und fertiggestellt. Wie alljahrlich, sind fur den Ubergang Complets und Jackenkleider zu sehen! Das Material wird siéherlich ihre Zustimmung finden: Jersey, schwere handgewebte Stoffe, derbe Homespuns und Wirkstoffe in Dunkelgrau, Dunkelgnin und Hraun, Diagonales, kjeine und gro- Ce Karos und — lebhafte Schotten. Der zum Kleide gehorige Mantei ist % lang, vom« eng anliegend, der Riickcn von betrachtlicher (Ober-) Weite, die manchmal durch eingebiigelte Falten erreicht wird. Die Ach.åelgarnlerung und'Klappen sind, wahrscheinlicfi als Zeichen. der Abkehr von allem Militahten zur Friedenspolitik, ganz verschwunden. Mantei- und Jackenarmel zeigen wohl noch interessante Steppnahte, weit ausladende Ellenb .gongamierungen. Halt! pie Taschen: Gnadi?e Frau, den unterhalb des Gurtels angebrac »ten grotten aufgesetzten Taschen widmen Sie i! ire besondere Aufmerksumkeit... sicherlich keine Stofferspamis, aber dafiir tragen sie den Fruhjahrsmantel kragenlos — bevorzugen Sie den,Ihnen so reizend stehenden Schal ... und schlieGen sie ein festes Biindnis mit Hut und frisur! „Hans” wird ihnen sicherlich seit Wochen die. Creation deT Wiener und Pariser Salons ins t)hr geflUstert haben und auch s:e werden es hoffentlieh nicht verabsaumt haben, durch Geduld und MuBe sich auf den griechischen Knoten vorzubereiten?! Ihre Modistin — éur Handarbeit, gnadige Frau! — bringt zum FnihjaHr sicherlich den scbicken Sudwester, Lotsenhut genannt, niackenfrei, vorerst aus Séide, viel Stepparbeit, wie das Steppen iiberhaupt groBf Mode wird, aus feinem Stroh, wolliger Strohborte, i ndi vi dueil mit Låck und kleinen Fantasiegestecken garniert, auch der Rolihaarhut kommt zu Ehren, hoch hinaufgeschoben und mit turbanartig gerollter Krempe ..bords roulés” ist der Fachausdruck... wie ich Ihneh gerne verraten will. Leise, ganz leise sprichtls sich auch schonherom,, daB Stickerei auf Kleid und Hut korrespondierend der kiinftige „letzterSchreiM werden soli....?! A propos, ^nådige Frau, def weit aus dem Gesicht gerdcate Hut schlieBt jom« meist mit der Anaatzlinid des Haa res ab 4erinnem sie sich an den Ma :rosenhut, den. si^ ais Schulmadchen trugen? — er wird ihnen auch heute reizend stehen! An-egungen aus derllieben „KinderzeiV’ also....dss ,^UQe Wiener Madel" tragt den Madonnenl ut aus Filz, oder St^oh, mit einer Bandgami ur in zartem blau yrtd zartem rosa —- der Hu schlager fur die bluhende Madchenwelt - råimt er doch das jun'gfrische tie sich t diademarti? ein und fugt sich <fem klassischreinem Stil e n, den die neue Frisur im „M&donnenscheitel" die Richtung gibt. Freueit Sie sich mit mir, gn^dige Frau, der Canotier kommt wieder, bestimgit wieder, mit reizenden (lorten verziert, ein kteines Gedicht, in den kon^menden Modefårben: 2iegelrot, Låane und Klfee — ein h&uchzarteu Griin, KastanienbraunJ ein zartes Blau, schwan und weiB selbstverst indlich ... mit .Lederstreifcben und Lackbandc len ... Ein besonderes Kapitel sind die Verscl lu s.se fur Jacken und1 Kostume, wie Kleider! l/åhlen sie: Tressen und Låtzen flir die Aufscl ilage und als renende Umrahmung der Kragen... Hakeniund Osen riesigen Formats — si rherlich beim An- und* Ausziehen ein wechselrei :hes und zeitraubendes Problem. Die Rocke zeij en einen ausgesprochenen sportlichen Zug, gera llinig mit tiefangesettten eingelegten Faltei.. Der einf&rbige Mantei l&Bt seine Zugehorig ceit zum buntgestreiften Kleid darin erkennen, daO der Innenrand des Manteis mit dem buntf estreiften Stoff de& lOeides ubereinstiramt. Auch der aofgeschlagene Revers kann mit demsclben MaterisJ gefUUert werden! Verzierungen aus geflochtenen Lack sind entziikkend und werden stark forciert.. Nadilrag: Die konservative Mode der schlichten eleganten Lederhandschuhe kehrt zuriick. V ttbsche Knbpfe und jiparte genahte Rippen bl åben der einzige Schuguck ihrer Vornehraheit. Die elegante Frau bevorzugt die miteinander iibereinstimmenden Schuhe und Handtasche aus j ur edlem Material, eid Krokodilleder und Eidec isenleder sind en vogue, g&miert mit gro Ben, N ckelspangen und Knopfen, verchromt. Gnad ge Frau, vergeasén Sie nicht den ersten Wep — hevor sie ihre S^neiderin oder ihren Schneider aufsuchen — zur Corsetiér zu mach en, 4enn die Parole lautet noch immer ,^chmal i ut einer zarten Andeutung der Brustpartie”... Verz- åben Sie den sicherlidi gutgemeinten Rat ihrei i Irene Kurcz Bannkrcis zieht. Vor che Kunst Rhythmus sich die Qefåhrtin desselben, eine Verworfene. in ihren Todesstunden erhebt. In dejn deutschesten von Wassery manns Romanen „Das GSnsemånnchen" erhålt fiir den.groBen Musiker Daniel Nothafft, wie jer saj»t, die wunderbare Judin Regina Sussmann eben als Judin eine eigene Bedelitung von Gemiitsgewalt und prophetischem Flug, und sie erhebt ihn durch folgfnden wundervollen Ausspruch: „Uns kannl nur einer erliisen, der Musiker; und der léjzte Ttost der Seele liegt in der Musik.” Und ijioch vieles andere finden wir, das spdzidl die jiidische Frau in den der Dichtungen Wassermanns allem einmal die unvergleichlider Sprache, die in ihrem und Ausdrucksreichtum wie Musik-wirfet u. die Sinne gefangen nimmt; dann die ferofJartige Ciestaltung und Vcrsinnbildlichung von Personen, die oft prophetische ISeherkraft. bezeugen; und die ungeheurel^Spannung seiner Erzåhlung, die immer wetttere Kreise hildet, sich bis in exotische Formen verliert und immer neue fesselnd.e Gestalten, Begebnisse und Verstrickungen heranzieht. Hiezu tritt noch das Phantastische, Geheimnisvoile und Mystische^ das ihm ats ein jahrhundertealtes Vermåchtnis des Judentiims im Blute lag, das er aber auch seit seiner Jugendzeit in sich trug. Damals geriet er in seiner Einsamkeit fijiters in rauschhafte Verzuckungen oder érregte Traumzu&tMnde und suchte sich iib^rdies aus der Ertge des Daseins durch Stu lium der Geheimnisse des Weltalls zu beireien. So geistern durch fast alle seiner EnShlungen Phantome und Zerrgestalten, die durch Abschreckung oder uber- _i:_i_ ri. L.i if _ -ri I sinnliches Gehaben die Tendenz und Spapnkralt der Handlung ins Ungeheuerliche'steigtrn. Als c in Abgla'nz seiner eigenen bitteren Jugendzeit erscheinfin in seinen Dichtungen vi'il Armut ud Elend, viel Verdammung dei Geldmacht, viel Recht — und ende, viel Hoffnung und Verwas alles diafe Herz der jiidi- LiebcsucL zweiflung seben Fraju aufwuhlt unt| in ihr nicht selten das Leic noch da> des eigenen Volkes zum BewuBtsein brii gt. Urid uber »llem schwebt den- Wunder des Myth<)s, der Haucfi der Gblilichkeit und der Gjaube an Er- Idsung. I DaB insbesonders die judisché Frau Wassernann bei Lebzeiten yerehtte, f6rdertc urd auf sein Schaffen 3uch persdnlich einvdrkte, erfahren wir atis seinem Bekenntnisbuchc .JMein^ Weg als Deutscher und Jud;”, in welchem er in [seinen sch6nen Erinnerungen an Wien die. jiidischen Frauen und MSdchen als denjedelsleé und verheiBendsten Teil des Judejntums und in ihren reinen Bildungen als unvergleichlich bezcichfiete. Dieses Bekenntnisbuch, das hauptsåchlich den als aussichtslos beende- ,:en Kampf Wassermanns um [das Deutschtum schildert, ist ein ergreifendes Dokument iiber die furchtbare Haltung Deutschlands, die der D:chter propketisch schon voraussah. Das Verbot der Verbreitung seiner Werke in Deutschlahd hat ihm trotzdem den Todesstofi versefzt. Die erschiitternde Tragik seines Einzelschicksals, das dem des jiidischen Volkes in Deutschland gleicht. hat sicherlich die jiidische Frau stark bewegt. In seinen Bekenntnisscin anerkennt Wassermann auch* die aus dir Noj geborenc Lebensberechtigung des Zionismus, erklart aber mit einem Unterfon schmerzlicher Séhnsucht, daB ihn Gojtt dazu nicht geschaffen håbe, diesen Weg mitzugehen. Sein letzter Etzel-Romah, der demnSchst erscheinen und tief dn religiase Probleme eingreifen soli, wird, wie er selbst schri,eb, Bekenntnisse énthalten, die er dreiBig' Jahre mit sich herumtrug, Wie diese auch ausfallcn miigen, Wassermann wird in die judisché Geistesgéschichte »Is groBer Dichter einziehpn. Blyt und Seele des Judentums sind stårkerials Sprache und Landschaft der Umwelt, ils der Wille noch einer anderen Nation jnzugehfirin. Und die jiidische Frau, die sjich mit di|tn Dichter in der Tiefe ihres WeSens verbunden fliblte, wird ihm auch liach seinem Tode Liebe und Trette bewafiren. 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