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Jüdische Volksstimme · 1930-03-15 · Jubiläums-Festnummer 1900-1930 (15.3.1930) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXX (1930)
Issue
Jubiläums-Festnummer 1900-1930 (15.3.1930)
Date
1930-03-15
Page
[Seite] (sequence 41)
Language
German
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Dr.! Hnnry Felbcmann; i Eline Partie Schach tiende nachstehi Wahrheit, die durdi sjch noch im Besitze Mendez, Nacl inz, béfinde^i JUIHLAUMS-AL Di< M wildes SOABE 1900—1930 41 Na :hdruck verboten Begebenheit beruht auf Fatnilienpapiere, welche les Adefegeschlechtes Rckl- Jptkotnmen des Rabbiners nachgewiesen werden guez on Kann. Im zwolften Jairhundert oder, um ganz genau au sein, von 1153 bis 1107, lebte in Mainz in berihmter Rabbiner, der durch sein groBes Ni'issen und seine F ommigkeit bei allen judischen (iemeinden, niiht nur seiner Heimat, sonern anch weit entfe nter Lander, in denen Tu een wihnten, in hchem Anseben stand. Man prach sehr viel ubeseine fromme Lebensfttti tung und sein ungeleueres Vrissen, und anch teute aoch sind die jfidischen Theologen m>t -emem Namen vertriut und zitieren ihn oft als gijoBe Nutoritåt. Unter anderen [Vorzugeri wurde diesem gelehrtm Rabbiner i achgeruhmt, daB er ein Meistei des Schachsp ieles sei, und der damal’ge Eursteizbischof von Mainz, der gleichfalls .em legeist;rter Anhang« r dieses Spieles war, for derte ii in oft auf, sein Partner zu sein, wobei, er den At stand zwischen ihren sozialen Stellungen iir die Zeit des Spieles ganz vergafi D:r Rabbiner war damals ein noch junger Mann und Vater za ilreicher Kinder, unter der»en ein Knabe von mgefåhr séchs oder sieben ahren sein besondeier I.ieblinjt war. Das Kind batte von seiner fru! testen Kindheit an heryoragenc viel Intelligenz gezeitigt. Wenn sein Vater sturtdenlang Svhach spielte, saB es immer (leben ihm, sah dem Spiel mit gespannter Åufjnefksa mkeit zu und wuBte oft im vorhinein, jvelehen Zug sein Viter machen wurde. Nichts bereitete dem Kinde groBeres Vergmigen, als weiin der Vater zur Belobung eine Partie mit ihm s| telte. >E nes Tages he^rsctite in der judischen Getreindf von Mainz jjoBe Bestfirzung, und; wie Feuer verbre den konnte an da; geheimnisvo ben g Hcnfipft, aber s. hme zbetroffenen fluBrechér Personen primitjve Dorfsynagi aucti wenn er nach nifide torkelt oder s hc ti. jedd Familie ist nur rverliigbar, das nur < i tete sich das Gerucht, daB das Kijnd des Rabbiners verscbwunden war und n>cht die geringste Saurvon ihm gefunden wer- Zahlreiche Vermutungen wurden le Venschwinden des Knaalle Bemuhungen der sehr F.ltem und anderer ein- ~ selbsj des FfirsterZbischofsl das Kind iu finden, waren vergeblfch Man blieb ohne jeden Anhaltspunkt fiber sein Schieksal. - \o na te und Jaire waren; vergangen und noch mmer war das Geheimnis nicht gelost. pge zur Abendandacfit geht, des Tages schwerer Artoeit ngend einnickt Kinderreichtum, hochstes judisches Gut — Not dieser Inklavcn judischen Bauem- Wohin mit depi GeburtemiberschuB? Fur ein winziges Stiick Boden ne "bestimmte Zahl (vort Mågen kummerlich nåhrt. Die Tochter gehep in die« Fabrik, verdingei sich als Mågde und F/eldarbjiterinnen auf ten Feldeni sieht man zwischm den bunten Cewåndern der rumånischen Bai lernmådchen die Schwarzrocke der Judinnen -i aber aus dem nberschiissigen månnlichen. Na diwuchs, der zu Hause nicht gefiit+ert werder katm, im Taglohn kein Bjrot findet, rekrutter t sich dås Berufs ich norrer ti >m, welches vycithin das Land iiberfl itet. Stille Tragodie: Fin Ende ten des judischen i Vokes hat sich am FuBe der Karpathen an der hej igenden Frde zu gesundem, båuerlichen Le-f ben erzogeri, lebt in bestém E invernehmen mit dei fremdvolkische i Umwell, ist in Flur und Wikt zu Hause — und just »eine Sohne sind den Fluche entwurdigender, vemichtenden Wrndeibettlertums verfallen Man gebe dies an gemigsamen, einfachen. kraftvollen, seit Generationen mit der Scholle vertrauten judischen Stamme i die palåstinensi scHe Ende!! Von dem Augenblicke, in dem der Rabbiner seines Kindes beraubt worien war, ånderte er sein ganzes Wesen, sonderte sich von der AuBerrwelt ab, wehklagte seinen unersetzlichen Verluit, und alle Ueberredungskiinste, ja spgar alle Drohungen des Fursterzbischofs, eine Parti: Schach mit ihm zu rpielen, vermochten nicht, ihn der Seelenqual, in die er versu'nken war, jzu entreiBen, und man sah ihrr seit jenem Tage ni« wieder spielen, Oft horle man ihn zu sich sagen: „Ich weiB und fuhle, daB mein Kind lebt, aber die UngewiBheit fiber sein Schieksal brjngt mich albnåhlich um.“ Ein anderes Mal wiedér rief er in heftigem Schmerze aus: „Welchen Ruhm håtte er Israel gebracht! Er wfirde Glant fiber mein Geschlecht verbreitet haben!“ Seinen anderen Kindern, die heranwucbsen und ihm Ehre bereiteten, schien er wenig oder gar keine Teilnahme m schenken; immer wandalen seine Gedanken zu dem ’verlorenen Sohne zuruck. Die Zeit verging, doch die langen lahre geduldigen Leidens brachtm seinem Kummer keine Erleichterung. Seine anderen Sohne! und Tochter waren jetzt beinah? alle verheiratet, er wiegte schon Enkelkinder aif seinem Knie,jaber wåhrend er sie liebkoste, sah man schwere Tråren aus seinen Augen herv Drquellen, ohne daB er rgendeine Anspielung auf den groBen Kummeseines Lebens machte. Niemand wagte es, ihri zu trosten. Eines Tages wurde dei Rabbiner durch die bedeutungsvolle Kunde utx rrascht, das Papst Gregor VIII. Mainz einen lesuch abstatten und daB bei dieser Gelegenheit die Vertreter dér jud'schen Gemeirtde unter Fuhrung ihres ehrwucdigen Rabbiners Seiner Heili gkeit éine Bittachritt Oberreichen und um Absch iffung gewisser Einschrånkungen, die ihnen a lferlegt worden waren, bitten sollten. Als der Tag gekomme t war, legten die jfi G-srfien Aeltesten und der Rabbiner ihren JFeier tagsstaat an und erschienen so vor dem Papsf, der, im Getjemsatz zu sein :n Vorgångern, das geistige Oberhaupt der Jtden mit bemerkenswerter Auszeichnung und l.eutseligkeit empfing und mit dem Rabbiner dur h lange Zeit gewisse Dogmen der jfidischen l.iturgie, fiber die er im Zweifel war, besprach. Kaum hatte der Papst den alten .Mann mit gut igen Worten angesproc hen und sich nach seiner Oesundheit und Familie erkundigt, da wurde der Rabbiner geiste haft bleich und ein Oeffihl des Schwiodels und der Schw'åchie fiberfiel ihn. Der Papst bemerkt: dieses Unwohlsein unid bat ihn, sich zu setzen. - „Leiden Sie oft an : olehen Unfållen.?“, - Jer Papst m noch g itigerem Tone als 1 j or. „Sie sehen krank ais.“ „Nein, Euere Heiligkrit,. es ist disjerste Mal in meinem Leben, daB mich ein deraiftiges Geffihl fibermannt hat. Und ich kann es cimnal der .groBen, ehrfurc ltsvollen Sche mir Euere erhabene Gegevwart einfloB schreiben, denn ich håbe Gelegenheit gi vor zwei Euerer Vorgångcr Deputation ffihren. Aber etwas in Eueirn Gesicht,. mehr in Euerer Stimme, offneteine alte, n lipilte Wunde, die mein ganzes Leben g t;ne Wunde, die mir lange Jahre Martemlpund Todesqualen verursacht ltat. Und dann hielt er innf versunken. Als er sich ein horte man ihn sagen: „We|l< Welche TrugbiHer!“ Ms sich die Deputatioji rung des Papstes, daB ihrer gebracht werden solite, entf Heilige Vater den Ffirsterzbi: nach dem Kummer, der auf und den er sich verborgen Er wollte diese .Frage nicht ten, aus Furrht, ein Themu das Leiden des Befragten „Die Juden“, erwiderte dm „sind eine auBergewohnlich e groBe Kraft, ein Ungemach UCD1SCHE VOLKSSTIMME* empfinden sie seelischesLeiden vielleicht tiejfer als ] die ubriger Menschen.“ Und dinn erzåhlte er, was er fiber den Rabbiner wuBte: daB er ein sehr geliehrter Mann war, dem sowohl Juden als Heiden hohe : Verehrung i oilten, daB er vormals als deii beste SchachspieFr des Jahrhunderts bekannt f war, daB efn Vofgånger von ihm (dem Ffirsterzbischof) oft mit ihm ge^>ielt hatte, daB der Rabbmer jedodt seit ungefåhr 33—40 Jahrerj, dem Zeitpunkt, vo er sein Lieblingskind vejrloren hatte, das Spiel nicht mehr pflegte. j; Kaum war der Ffirsterzbischol mit Jeinem Beficht fertip, so rief der Papst erregt: ,i,Er ist ein groBer Sehachspieler! Ich selbst bin Anhån- , gei* des Spieles und nichts freut mich mebr, als einen sfarkpi Gegrter zu finden. Vielleicht låBt ér sich ubejrreden, eine Partie mit mir zti sptelen?“ | ,j „ich will mein Moglichstes tun“ erwiderte der Fiirsterzbischof, „obgleich mir .erzahlit wurdej daB mein Vorgånger, der ein leidertschafthcher Schachspieler war, kein Mittel iri! seiner Macht unversucht lieB, um den Rabbiner zum Spiel zu besvegen, aber ohne jeden Erfolg, und eiaB er bis |zu diesem Tag nicht wieder Schach gespielt hat. Doch vielleicht willigt er ein, wenn Euere Heiligkeit es wfinschenE1 Ein B< te" wurde sofort zum Rabbirter gesandt, um hn zum Papst zu rufen. Bei! seiner Arikunft sapte ihm dieser in freundlichemi Tone, ,-er håbe erf; hren, dafi er ein gewandter Schachipieler sei i nd er erbitte es als besonderen Gefallen von ihm; daB er eine Partie mit ihm spiele. Als de- Rabbiner horte, um was es 5KI1 handelte, filerfjel ihn ein Beben und seine ganze Gestalt zitterte, als ob er zusamrnenbrechen nifiBte. Sein Gesicht war von Angst verzerrtr^- aber,das dauerte nur eine Sekunde, denn bald geWann er;seine Selbstbeherrschung wieder und sagte ruhig: „Es ist der Wille des Allmåchtigen. Er geschehe! Der Ketch meiner Leiden ist noch nicht bis zum Rande gefullt. Ich erwarte F.ueren Béfehl.“ r I Der Papst befahl mit einem Zittern in seiner Stimm?, daB das Schachbrett gebracht wercle und erruchte alle Anwesenden, sich zuriickzfiziehen, wobei er den strengen Auftragerteilt-1, ihn un|er keinen Umsfånden zu storert. Das S wurde gesjpi suBer das gu ren. $piel dauerte eine Zeit lang, kein Wort rochen. Kein Laut war vemehmbar, Geråusch der sich bewegenden Fi-| wie in Gedtjnken wenig erholt hatte, che Hirrgespjnste! ’’ ■< mit der Versiche- Beschwerde Abhilfe £mt hatte, frug der ischof mit Interesse den Rabbiner laste zu halten bemfihe dhrekt an ihn richzu beruhren, das reigroBern komite, r Fureterzbischof. Rasse. Sie haben tu tragen und doch 1 ’ Plotziich bewirkte ein gewisser Zug des Papstes, der die ganze Berechnung deS R;:bb riers urpjtiefi. daB dieser betroffen in dié Hohe fuljr, aber nach einem iETen und forschenden Rlick ih die Augen des Papstes nahm er das Spiel wieder ruhigi auf.; . Als si :h das Spiel seinem Fnde nåherte und es den An;chein hatte, als ob es ffir den Papsl, unmoglich sei, den verlorenen Boden wiederzugewinnen, ånderte er abermals durch einen Zug die gan?e Lage und die Wage senkte sich zu seinen Gu isten Da sprang der Rabbiner von seinem Sit:i und ohne daran zu dertken. daB er den Papst-vor sich hatte, schrie er: „Wer sind S’e? Wo haben Sie diesen Zug gelemt? Das ist mein Zug. Kein lcHendes~Wesen auBer meinem larrj; M-rlorenen Sohn-TAnselm kannte ihn. Ich ftat^c S;e i'ochmals, wer sind Sie? Wie.“ Er sp -ach den Satz nicht zu Ende. denn in diesem Augenbl’d« hielten sich Vater und Sohn, der Rabb’per von Mainz und das Oberhaupt der rbrstl chen K;rcly, innig imtschlungen. Autorisierie Uébersetzung aus dem Ertglisdicn 1 Von Dora Munch. MITTEILUNG DER REDAKTION. Zahlreirhe Einsendungen ' unserer gesch. Mitarbeifer konnten wegen Platzmangels nnd wei| sie vérspåtet einfrafen, in der vorliegendén Ausgåbe ijjcht mehr zttm Abdrnck kommen. Wif werdfn sie nach Mafigabe des Ranmes spater verdffentlichen. Die nachste Ausgabe der ,, fudi«chen Volksstimme“ erscheint am 20. Mårz.

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