Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXX (1930)
- Issue
- Jubiläums-Festnummer 1900-1930 (15.3.1930)
- Date
- 1930-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
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JUBIlj.ÅU MS-AUSG ABE 1900—ftho lenry Marx, Paris; 27 Bar Ittizuiab. Aus „Sous nn vis ase d'homftie". bel! Flatnmarion in Paris ersenienen. Hines Abernds, als meine Familie vor dem hlafengehen. sich die Zeit vertrieb, unteibrach der Vater die Gespråche aller mit einer Stimme, die er feierlich zu machen wuBte: Ich håbe heute Rafael getroffen. Wir mussen an die Bar Mizwah Philippa denken und ihm Heforåischstunden gaben lassen Der Junge wird im Feber dreizehn Jahre alt — wir haben November. Es ist Zeit. Ich werde morgen, beim Ausgehen, Lazare besudten . .. Es ist wahr, gestand meine Mutter. Dreizehn Jfihre! Und Justin im nachsten Jahre - Ich war, wåhrend eines Augenbliekes, der Oegenstand zårfhcher Aufmeiisamkeit; ich fuhlte mich wohl dabei und horte die groBe Wanduhr gehen, die mir seit meiner Geburt alle Stunden gesdilagen hatte. Rafael war mein Onkel, der die Schwester meines Vaters geheiratet hatte, Oberrabbiner an einem bedeutenden Tempel in Paris. Er war der Stolz der Familie, die ihn bewunderte, ohne seinen Glauben zu bejpeifen. Seine Eigenschaft als Reprisen tant der judischen Religion fldBte uns diesen Respekt ein. Seine Anwesenheit in unser em Kreise war selten und wertVoll. Er war, fur mich, eine Persdnlichkeit vdl GroBe. seine Frau diercte ihm in iudischer Bescheidenheit, ergriffen vom Judentum und von den Aufgaben, die es dem Glauben einer Frau; stellt. Dnkel Rafael hatte davon gesprochen, daB mein dreizehntes Jahr zu Ende gehe. Acht Tage spater begann ich bei dem Lehrer der kleinen jfidijchen Gemeinde, deren Mitglied mein Vater waij. Religionsstunden zu nehmen.!1 Ich stand diesem wunderbaren Eingeweiht-; iver den offen, das einen jungen Juden aus mir! a< hen und ihn seinem Votke und seinem Gotte j ie dergeben soilte. Die Stunden lenkten meinen jben, indem sie meiner kindlichen Sehnsucht :ine Riditung gaben. Meine Gedanken, die alles »enihrten und meine Hi ngabe selbst den niedrijsten Dingen zuwandten, fanden Objekte, die ihrer Aufmeiksamkeit wfirdig waren. Ich trat in das Gesetz des Judentums eih und fand eine starke Freude darin, ihm in tåglichem Gehorchen zu dienen. Von da ab hatten meine Erlcbnisse und das U under meiner ensten Ergriffenheit ein Ziel: Si; fuhrten mich zu meiner ersten Gemeinschaft n it Menschen. Id) wuBte, daB ich nun die Knapenhceen mit den langen eines Mannes vertausc it hatte, Meine Bar Mizwth war fur meine Familie weniger wichtig als-das: Es wurde einirest geben, wo man mit einem Schlage alle Binladungen erwidenn konnte, die man erhalten hat. Es soilte meinen Eltem die Anerkennung der alten Juden des Viertéls bringen, die mit ei|ner stets bereiten Verachtung jene St ammesgenossen schnitten, die ihren religiosen Pflichten nichi nachkamen. Fur michl allein bedeutete sie viel. Sie war die Geburt (Jes Jiinglings. der in den Kinderkleidern gewadhsen war. Herr Lazare war ein Handler mit Hebråisch unid Heilrger Geschichte, die er meiner Glaubigkeit voiiegte, ohne die Stunden leidenschaftlich zu gestalten. Er unterrichtete weitab von seinem Herzen. Ich håbe die Leiden der Juden von einer gleichgfiltigen Stimme zum ensten Mal vemommen, die durcjh kein Schhrchzen zerbro- éhen wurde, auch in den blutigsten Augenblicken nicht, . Fiir meinen Lehper waren alle die . ungeheuerliohen Tatsachen Vergangenheit. Das Judentum hatte, in Frahkreich, sein gelobtes Land. Wozu solite man im Angesicht des wundeibaren Paris weinen und die Almen beweinen, wahrend judische Kinder in Paris und am Strande Frankreichs mit Idemen Christen spætten, die antisemitisc i waren, aber lieblich anzusehen? Man quålie mich in der Schule, die ich besuchte, wegen meines Judentums. Idh verstand den Schandfleck meines Ursprunges nicht. Unid durch Herm l.azare lemte ich ihn nicht ^åter.... i enken .-i Wi« jpwer T ig kam len scone* tnit chen wentg. Worte Moglicherweise gibt es auch .noch eine fifiådliche Ueberlieferung, speziell aus dem Lejen des groBen Landesrabbiners Marcus Benedikt. Dieser wurde in Csurgo, im ungarischen Konitate Somogy geboren. Seine Fam lie soli zuerst in dem benachbarten kroatisclien Befirle St. Georgen (Gjurgjevac) gelebt haben jjne von dort durch ein E,dikt im Jahre 1721 ius^ewiesen worden sein. Gerade fiber diese Juden Kroatiens in den Zei en des 17. und der ersten Hålfte des 18. Jahrhunderts, die im Verborgenen lebten und 'ren Glauben nur insgeheim ausubten, Tehlen Jisher positive Daten, Vielleicht sind solche;bei in Måhren zu finden, ebenso — woriibet ch bereits Dokumente besitze — fiber den oskauf von Juden, die als tfirkische Unteranrn in Brfinn als Kriegsgefangene schmacheten. Die Geschichte dés Judentums ist allumassend und — wie schon Graetz hervorgeho- >er — mit jener aller Valker und Staaten eng ,’er cniipft. Es gilt also, fiberall nachzuforschen, ve m mani die Schicksale der Judenheit eines Stattes schreiben wilL Aber auch die Tåtigkeit ler jfidischen Gelehrten ging weit fiber die 3renzen des heimischen Gaues. Dier beste Kenner.der Geschicht^ der Juden n Slowenien, speziell jener der , groBen Gene nde in Maribor (Marburg), ist der Godinger ’al »biner Dr. Heinrich Schulsinger. Seine bisiet nur in kroatischer Sprache veroffentlichten \neiten werden die weitesten judischen Kreise ibrr die ihnerr bis heute noch unbekannten Forsel ungsergebnisse auf dem Gebiete der skxweni-;cl en Literatur orientieren und gewiB berechig es Aufsehen erregen, insbesondere, da er ffir las neue Werk noch. ausfuhrliches, unediertes Vis terial verspricht. Ueber Marburg selbst muB es aber in vliihren unbedingt noch verechiedenes Material ■*é »en, denn wenn auch im Jahre 1498 die meiser Marburger Juden nach dem Suden auswanieften, fur die sfidslanvische Judenheit 9ind die meinem Bruder. Wir sprades Bekennens waren, wie gesagt, ffir die Gewc hirheiten der Familie Zu zart Steierall sein. Splitter Morpurgo’s von groBter Bedefitung, so kamen einig|e von i inen doch auch najen Måhren. Dr. A|rtur Rasenberg erwåhnt beispielsweise in seiper Geschiclite der Juden mårk einen Isak Marburg, dessen detn Grabsté^ie seanes Sohnes Sal Hotzenplotz verzeiqhnet ist. Dies k; dcich unmofjlich bloB ein,vereinzelter; Sehr Wichtig wåre weiters auch nauer Nachweis fiber die personlichen Beziehungen der sephardischen Juden Jugoslawiens, speziell jener in Beograd und I Saloniki, mit jenen Måhrens. I j DaB der Forscher auf dem Gebiete des Juden.ums noch immer ein reiches Feid der Tåtigkeit findet und zu fiberraschenden Resulta ten gelangen kann, beweist die im Budåpester „Mult és jovo“ (Dezemberheft 1929) veroffentlichte Mitieilung des Trenciner Rabbiners Dr. Pinchas Keller, welcher der Autor des ‘ einizigen in kroatischer Sprache verfafiten Lthrbaches des Hebråischen ist. Vor dem in Banja Luka, Pozegaund Backa Topola tatig, entdeckte er nun an seiner neuen Wirkupgsståtte die Genealogie des einstigen, beriihmten Backa- Topolaer Rubiners Leibesch Barach auch(Leibesch Charif und Leibesch Pucho genannt). Es gab eine Zeit in Israel, da man der etgentumlichen Anschaung war, di^ Judenheit eines jeden Landes håbe iltre Schicksale fiir sich erlebt und zwischen den Juden der einzelnen Stadte oder Staaten hatten nur ganz lose Verbindungen bestanden. — Heute wissen wir aber, daB es bloB ein einziges Judentum gibt und geben kann, daB unsere gesamte1 Arbeit ihre Zentraiisierung finden muB. Nirgends in der Welt werden derartige Werke ^ie das groBe mahrische und — wir wollen hoffen — bald auch das jugoslaiwische Judenbuch so sehnsuchtig erwartet, wie eben in PalMtina. — Die neue Generation betatigt sich ja nicht nur im Wiederaufbau des Landes, sie wirirt yielmehr auch im Interesse der Konzentration aer judischen wissenschaftlichen Arbeit. „J0D1SCHE VOLKSST1MME« Gegen unsere Gleichgultigkeit unmittelharen Regungen gegenuber wån; Liebe hart aufgetreten. An uiesein Aoend konnte ich nicht emsdtlafen. Ich hatte Eieber und war verwirrt. Ich dachte nach. Ich dachte an meine kleine Vergangenhc t. Alle Eflebnisse der Liebe und des Lemens zogen an mir voriiber, die mich bis zu diesem Abend geffihrt hatten. Zwei meiner kleinen Kameraden waren gestorben; andere waren dem Weg ihrer Eltem gefolgt; mein erster Lehrer war an eine andere Schule gegangen, — ich stand allein am Ende meiner-Vergangenheit, an einem Kreuzweg, von dem zebtt Wege ausgingen und ich hatte zu wåhlen . .. Meine Eltem wuBten nichts von mir und konnten mir nicht raten. lob war unter der Last meines Lebens zu Boden gedrfidet und wollte mich befreien. Was wurde ich nach der Bar Mizwah machen? Ich war nichts ais ein reines Herz. Ich wuBte nichts von den Dingen, von den Menschen und ihrem wirkliohen Leben. Keine Lust gab meinen Wunschen irgend eine Richtung. Meine Eltem lieBen mich mit meinen Studien fertig werden und warteten auf den Zufall. So lag ich angstvoll a nsges tre det und suchte meine eigene Sehnsu. ht zu erkennen, aber alles sdiwieg. Ich hatte trotzdem nach meinem Besteg,gelebt, ohne Gott Tag um Tag aus dem Auge zu verlier en. Ich hatte ihn in allen Dingen, in alkn Menschen erkannt. Was soilte ich beginnen, om Grutes zu tun und ein Mensdi zu werden? Wer wird befehlen, auf daB ich gehorche, ohne diq Verantwortung und die Aengste vor nicht wieder gutzumachenden Fehlem auf mir selbst? Ich wuBte, daB das Leben eine Folge von Augenblicken sei, von demen man keinen wiederbeginnen konnte und daB die Schande eines, der nicht bætand, groB war. Und ich wollte die Jugend meines Korpers nicht verschleudem .. Ein EntschluB kam fiber mich: Morgen, wenn ich mein hebråisch es Gebet ganz laut vor der aufgeroilten Thora lesen wurde, im Angesicht des siebenarmigen Leuchters mit den brennenden Kerzen, wollte ich Gott entgegenstrdmen. Ich wollte mir ein Mehr an Pflichten, an ermfidenden Auf gaben auf er legen. Weim mridh mein Leben sterben lieB — dann konnte idh nichts besseres tun und wurde sterben wie André Masseron, mein Kamerad. Justin neben mir atmete, aber er schlief nicht Ich blieb wach. ji Um siében Uhr morgens begann ich mich anzuklcilden. Meine Unruhe war vorfiber. Es gab soviel im Hause. zu tun! Keiner Iriimmerte sich um mich. Ich wollte mich auf die Freude ydrbereiten. Freude schien mir ein glficklicher Zustand der Seele. Ich dachte an die Oe9chenke, die ich zu erwarten hatte, die man nach dem Ritus den jungen Juden gab, die vor der Religion erwachsen w ur den. Simon, sagte meine Mutter, geh’ mit dem Kleinen voraus. Wir werden deine GroBroutter erwarten, um mit ihr zu gehen. Die eine GroBrrrutter von Vaters Seite liebten wir sehr. Meine andere GroBmutter, die blind war, blieb zu Hause; aber sie sol]te am Abend beim Familienessen den Ehrenplatz haben. Nimm von der GroBmutter Abscfi-ed, sagte mein Vater mit einer andåchtigen Stimme, die mir die Wichtigkeit des Wunsches bewuBt machte. Denn nach judischer Sitte ist jede Hof— lichkeit, die. man den Greisen erweist, eine groBe Tat, die dem Liebenden angerechnet wird. . Ich lief m das Zimmer. GroBmutter war beim Ankleiden und setzte ehie schone’ Haube auf ihr weiBes Haar. Guten Tag, GroBmutter. » Ah, Philipp!' Ich gehe in die SchuT, mit Vater ... Ja, ja, mein kleiner Junge. Die Hånde der Blinden lagen auf meiner Schulter, strichen fiber Hals und Kopf und ruhten in einer Liebkosung auf meiner Stime. S:e erhob ihr Gesicht mit den leeren Augen und sprach ihren Segen, — majeståtisch . vr-Meine Herlige, wie groB du wanst! Ich schloB die Augen und wartete, in mein Idopfendes Herz verstesdet. Geh’, mein kleiner Philipp . GroBmutter, du, die du mein Gebet nicht wirst leren koimen, siehst du mich? Ich håbe dem Zeichen auf meiner Stime-— si di! Aus dem Franzosischen iibertragen von Karl Baum.