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Jüdische Volksstimme · 1906-02-15 · 4 (15.2.1906) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
VII (1906)
Issue
4 (15.2.1906)
Date
1906-02-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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VII. Jahrgang. Nummer 4., Jiditche H,»uS«preile: 'tui (inrrcich-Ungarn halb,adrig . .?c:!:4׳:.m-. gan.Näkrig . . . . *!:•'־ ׳• ganzjädrig - Prag. - Kronen ־-*•JO . M tonen Mark . ^iudcl '2■* ׳ tiriinii, l.־j. februnr WO«,, ־*••j öchrbath Bolk->ttimmc" rrdwin «m 1. und \~>. «ine* jeden IVonaic•. 1-»Ähän-lrnsa>e Vtrttrt»-: tilrnii. 1.'ri»:iq. Powparkanakonlo ^r. Prag. Ziidisltie Zrlbstwrlir. Und wieder haben Hunderte von Juden ihre 't,1!;!nu-; -,1md)i'ri11fcit mit dem Märtyrerwdc Hüffen muii.ui »nd wieder ist die jüdische ('Seict)tclite imoLie dir :einen traurigen Vorgänge um einige scknvarz uiinihmie Blätter bereichert worden, Uncrinefflich iit im■:• n. tiouale Uiiflliirf. das über un? hereingebroeben in.- »ndeschreidlich der Schmerz. die Ein riinune, und das Entsetzen aller jüdischen Kren'e. Unsere groffen Toten linden wir zur Rüde gebettet und trnuernd steht das jüdische Poll lies beivegt.n Herzens. bei den derb zugescharrten Gräbern. -ollen wir Altklugen erheben gegen die ge iamte Menschheit, gegen die Einen, dun iie nniere Bruder mordeten, gegen die Andern, das; üe sic in erden liege»? -ollen wir Anklage erheben gegen jene .Krciie. die Menschenleben zu Schachfiguren herabictzen und aui Kone» unicres Herzblutesuivlitische Schachzuge durchiuhren? \ -ollen wir die Anklagen erheben vor dein Anluerünhlc der Zivilisation.! vor jenem Gerichtshpff. dev immer schmählich versagte, wenn cs sich »in Bilden handelte'? Solle» wir »ns etwa der Heiimmg hingcbcn, das! dies die letzten Pogrome waren? 1 ■ Rein, wir werden keine j Anklagen erheben — die Tote» können wir nicht mehr!um!.'eben erwerken — wir werden uns inch keiner Täuschung lmigedei, — denn unsere Jahrtausende alten Er׳ iihrungen in der Diaspora, die endlose Rette von Mord und Plünderung. Raub »nd Braiidi'iistung. Entrechtung uiid Vertreibung, lassen daraus schlicheu. dass cs »ns Juden in absehbarer Zeit nicht bencr gehen wird, aber höre Israel, wir wollen nicht mehr wie hilflose Schafe zur Schlachtbank getrieben werden, wir wollen nicht mehr mit bin׳ tcndein Herzen oder verzwtifflter Gleichgültigkeit ',wehen. wie Judenkinder von schwarze» Mord- ÄeuiNcton. 1״iaIlno"-6aU. Endlich, endlich ist er da der grosse Tag^k Aufgeregt lausen die Koinitcehcrren im -aale nniher. bald hier, bald dort etwas am Dekorationsarrangcmcnt verbessernd, nervös an den Handschnden;upiend. Kobi Vogel. Kommis in Birma Brüder Bei,. Mitglied des Kasinvvereines. fuhrt das grosse Wort unicr den jüdischen Komitceherrn natürlich tzntcr den christlichen ist er stumm wie ei» Maulwurs und sagt eben zu Moritz Beigl. Kontorist von -tand: Tu Moritz, das wird heut' e grand Hetz loer'n. der Isidor is c Jung, wie nra ihm suchen >'»>;! Er wird heut' c Eouplct Vorsingen, das; die "ent' alle zerplatzen wer'» vor lauter Lachen!" — Der Beginn des Balles war sür 8 Uhr seit gesetzt. Eben schlug cs vom nahen Rathausturme ' ,8 Uhr. als Herr Spediteur Meier mit Brau und 's Töchtern in den Saal trat. -Die hättcn's auch vcrjamt". flüsterte Kobi Bogel seinem Zreunde Moritz Beigl zu. Glückstrahlend trat sfamilic Meier in den Saal und konnte sich nicht genug rühmend׳ über die von schwarz-rot-goldenen Barbe» strotzende Dekoration ausjprcchcn. Tann lieh sic sich i» einer Saalccke nieder, in welcher die Statue Bisniack's ausgestellt ivar. dessen starre, steinerne Mienen antisemitisch — verächtlich aut sie hcrabgrinste. als ob er sagen wollte: »Wie kommt denn ihr daher? Run aber wurde cs lebbaffer im Saale. gesellen entzwei gerissen ׳Werde», wir wollen uns energisch zur Wehre setzen: und wenn auch ivir IN das Massengrab unierer Märtiirer Ivandern. so roll dies »nt dem Bewaffn':», gcichchcn, daff wir unseren A,,greiser,1 nichts schuldig blieben. Das in die jüdiiche Selbstwchr. das sind ihre Motive und Voriatzc. Aber cs ist nutzlos einein Bedrängten eine Waffe in die Hand zu drücken, dem der Min VN auch die Kran fehlt, von der Ärsaffe fflebrauch zu machen. Seien wir aufrichtig. nur sind derzeit physisch niinderwerliger als unsere k!> iffvölker. -vIi sinb die Nachkomme» jener Ahnen, die infolge der rastlosen Vcrsolgun gen aus de» In wegen der Diaspora das Rückgrat eingebüfft haben. Wir und die Nachkommen jener Ahnen, die Jahrhunderte hindurch das Lebe» in dninpscn Ghettogaff'cn irinen mufften. die Jahr, hnndeite hindurch zu leincin andern Erwerbszwcige als zum einseitigen Handel zuqclasscn wurden und ihr Leben hindurch ganze Warenlager, ihr Hab nnd Gut. ans dem Nacken schleppten. Wir und die Erben' j״ncr Juden, denen der gelbe Bleck zcntnerichwcr aus dem Rucken lastete. Es iit auch unklug, sich gegen eine Übermacht zur Wehre ־.:> >ktze».,ohne durch: Disziplin und Drganisation die seindliche Überlegenheit wett zu machen. Wenn wir in Brieden lebe» wolle», so müssen wir geharnischt daitehcn. Und geharnitcht dazustehen, jedem An grine zielbewufft die Stirne zu bieten, das ist die grosse und traurige Ausgabe der jüdischen Turn vereine. Das in ihre moralische Pslichi.. Wir leinen dabei nichts Neues, auch nichts Aufwieglerisches auf d!e>'em Gebiete. Wir ahmen nur andere Völker, etwa die Tschechen »ach. die bekanntlich ׳'eil Iah, zehnten einen hartnäckige» Erinenzkainps mit den Deutschen führen. Groffc. scharfsichtige Männer habe» ihr Volk sür ihre gerechte Sache zu entflammen gcwufft. habe» sofort den grossen Wert der Turnvereine in erzieherischer und orqaniiatoriichcr Hinsicht erkannt und wie Pilze nach einem warmen Regen, io chosse» die tschechischen Sokolvcreinc aus dem!״ז&0י der Länder der böhmischen Krone. Diese 4 olksmänncr Habers sich nicht getäuscht. Die erzie len Erfolge der -okolvereinc bainc» wenige» Jahren nnd unernicfflich. Es würde den Rahmen dies:s Aussatzes überschreiten,!ich eingehender mit den tschechische» Turnvereinen zu beschäftigen, auch in ן es unnötig, sich in Träumereien fremder Völker kinzulaii'cn. aber unerwähnt soll es nicht bleiben. I das! es kein blosser Zufall in. wenn tschechische Sololisle» mit Garibaldis Brciichaare» die rote» Hemden gemeinsgin haben. ' Von den Tschechien können wir derselben Begeisterung, aber mit w Berechtigung müssen allerorts jüdische esititchcn. cs mus! überall, wo Jude» l Organisation gcichaflen werden, die i ilraiiiine Jungjuden zu erziehen, derci ernc». Mit nt grötztrcr Turnvereine wohnen, eine berufen in.; , .... . ... derer Aufgabe cs! aber gleichzeitig ist. jeden gcgncri'chen Angriff nach wohl durchdachtem Plane mit W״ckn ״,׳, ückzuschlggen. Jude», die nicht an vcrdcrblickcr Dbcrfläch lrchkcit leiden und gestrude llncils raff beHtzen. werde,, sich, bewnfft der groffc» Ausgabe, gcrac^in den Ticiiff der jüdischen Turnsache stellen. z»>» Wohle und Schutze des jüdische» Velkcs.! Lk Hirsch, Büchl. Schinicdl. Beigl. Roscnbaum. Beer. Löw kurz die ganze Khillc naht mit Braue» und Töchtern, in den reizendsten Kostümen. Sic alle strahlen, strahlen vor Breude und Wonne und lassen!'ich dann alle um zsen .Meicrwinkcl" nieder. Dock׳ plötzlich springen sic aus von ihren Sitzen »nd stürzen mit Lebensgefahr zur Tür. ״Was iff s? Sagt an?" — ,Der erste Goi!" Eben tritt Herr Stcueraintssckrctär Köhler mit Gemahlin und Töchter ein. Herr Beer. Beigl. Kohn. Löw niw. stellen sich um ihn herum, schütteln ihm innig die Hand und reden io^ lange in ihn hinein, bis er sic ffchn lässt. Nun ziehen sie sich wieder in ihren Winkel zrirück. Immer lebhafter und lauter wird's im Saale, immer grösser wird das Gedränge. Alles io reizend, so nett, io herrliche Kostüme, so eine ivunderbgre Dekoration! — Um die Ecke des Maier Kat sich inzwischen cinc^ ganze Judenkolonic angcnedclt. ein Staat im -taate. Täe e,»tretenden Dsnzicre der kleinen (»larnison danken läs'ig aus die Katzbnckerln »nd tiefen Verncigungen des Hirsch. Beer. Löw »iw. und dicic machen ihre irrauen aüsmerl'gm. wenn cm DsnztA^ihnen dankt. Die jüdischen Komitccherr» bemühen sich eifrig, um die chiisilichen Dame» natürlich, die christ liehen nicht minder, auch natürlich um die christ liehen Da Uten, und so sitzen denn im Winkel um Meier die Dominos. Wäscherinnen.!Zigeunerinnen. Schufferbiiben nnd sofort sitzen »nd freuen sich, freuen nchldas; sic überhaupt in deutscher Gesellichast weilbi dürfen. Die jüdischen Herrn cngagneren chriitliche Dame», die christlichen Herrn auch und so lätzt man Jüdinnen. Jüdinnen sein. Jur 6rl>rr;igullg. "21. י ז י לי dS לד: י ו\1 י1 ס ז ו* o Cv, Wer einmal daran gehen sollte. M. die Geschichte der Kultusgcmeinden Böhmens zu sijircibc». mütztc aus Schwierigkeiten ffoszen. die nicht lettlit;11 überwinden sein dürsten. denn es dl ebc ihm A>en triiineindc ein nichts anderes übrig, als jeder eigenes Kapitel zu. widmen. Währe 1d! die Kultusgemeinden, .weil gleiche Zwecke ieffolgend. und gleiche Ziele anffrebcnd. in ihrem inticicn iüesügc Diele aber sitzen den Sitz dts Gerechten der ״Mcicreckc״. Und io manches Mädchen von ihnen. daS heute zum crstcnmalc de» »Kasino״-Bpll besuchte, war wohl noch niemals io krochen aus einem und demselben Die anderen Mädchen waren dagegen Sic sitzen also und — freuen üd!. strahlen vor Wonne. Tic christliche Gesellschaft künffncrt sich über- Haupt nicht um die .Mcierecke" urd nur der eine oder der andere Herr wirst einen v 1 tig von natten. aber doch entangc. ununtcr- Platze giscsien. schon apathisch. räcknlichen Blick ans die Judcnkolonic hin »nd den! 1 sich dabei im Stille»: .Brauchet ich nicht dein »leid, hätte ich dich schon längst hinauSgcschmisjen So geht die Unterhaltung lu alles scherzt UNlacht, am meinen schiede» die »Meicreckc". Nu» aber kommt die Hauvtsosrnc. Isidor Geier, mit dem Kostür i eines jüdischen Gigerls angetan, tritt aui eine Ert öhung »nd singt das schöne Lied: .Ich bin der Mar: Bunkelstein״ . . Sei» Kostüm pafft eourrus il taut, io hat ihm gewiss noch kein Anzug gepafft, das Monokle im Auge. — die Nas. — die Pl uttuffe. kurz und gut der schönste, beffe. originelli c. reinffc Mari Bnnkclffcin der Welt, als ob! er Dichter und Komponist dieses reizenden Eoupltt» das Lied ihm z» Ehre» vcrsafft hätte. Man lacht, man keucht, man bcrffet vor Vcrgnügen. man klatscht sich die Hän >e wund vor Be geifferung unter .man" sind sclljnvcrnändlich die anwesenden Juden zu verstehen tKcier zu. der .gehorchend seinem;aufgetorderl hatte ihn nämlich ind jubelt Isidor eigenen Trieb-: ״' keinerdas Lied zum Vorträge gebracht hatte. Tvcröreitet den ,.Jüdischen Ivolkskatender" X

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