Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1903-09-15 · 16 (15.9.1903) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
IV (1903)
Issue
16 (15.9.1903)
Date
1903-09-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2621806-6375623-6375801--0669-4860151
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ZT7־. Äclvrgang. ׳■?ärünn. 1-־>. ^cpfembcr I90:i. "51 x10 .־ .11 סיחס 1י1 •י• ז : fTi1r Cctti'iYcidi thnuun luildiulin.׳, K ,;,;•"ן ן!11ו1'1111י1ו;ו-;?cnlichlaiid ׳jan׳,,uDn-f Malt 1.׳״ ׳ ׳',. ^lalion, Jiivtci, Nnmöuu־H, 2al’u11׳, Bu. ־.i , um Jahreswechsel entbieten unseren Eesinnnngsgenossen und Treunden die herzlichsten «,• « ucKwünscbc und Zionsgrüsse **»»•■ן Die Redaktion und Administration der ,Jüdischen Uolksstimme“. « < Aiiliriirliina aal. 1jei)a[ten am VI. Zionisleukongresi in Jta'd" jdoii Dr. [ז. C ppe 111)f i ma. Sollt Zionismus ist eine Ausguß gon-llt jh'11 .aieritor Schwierigkeit. Er soll eine Völker- Lotung organisieren erstlich von einer Massen-!:.steil, wie sie die Weltgeschichte kaum je erlebt . Denn es handelt sich um die Etpatrierung und Ansiedelung von Millioiten armseliger, elender ii'ckien in kürzester Zeit, während doch, die Pol׳ :oauderungen der alten Zeit kaum ebenfoviele iderttaujende in Bewegung fitzten, und während ck> die grösste Völkerwanderung der Welt, nämlich -eilige der deutschen Ackerbauern nach den Per- .::.tfen Staaten von Amerika mehr als tst) Jahre :uclite, um ungefähr 14 Millionen Auswanderer : kolonisieren. — Tie zweite Schwierigkeit, besteht :::n, daß dasjenige Gebiet, in welches diese Aus- »iderung aus unabweisbaren Gründen gelenkt . :den muß. ein veihSltijirmäßig enges ist, so eng, von vornherein mjt einer sehr bedeutenden :chtigkeit d.r Kolonisation Zu rechnen ist. mit einer Eiligkeit 'der Bevölkerung, wie sie nur in den Hst entwickelten Kullurslaaten als Ergebnis einer gjährigen friedlichen Entfaltung von Ackerbau Industrie hat entstehen können. Die dritte :vierigkeit besteht darin, daß dieses Gebiet nach :na, Bodenlage, Pflanzenproduktion usw. sehr verden ist von denjenigen Ländern, aus denen der 1>11t der Einwanderung abzuleiten ist. Ter Unter- 0( schied zwischen der ertensiven Äckerkultur Westeuropas mit seiner reichen Bewässerung einerseits unh der schon nahezu subtropischen .Kultur der Steppe, die' künstlicher Bewässerung bedarf, sind ebenso viele! Schwierigkeiten der zionistischen .Kolonisation. Tie ׳ vierte' und grösste Schwierigkeit liegt in der Be- . ן ichassenheit des sortzusülirendeu und anzusiedelnöen i Menicheu-Materials. H:,r ist weltgeschichtlich durch; qus. Reues zu leisten, ja selbst Rabbi Ben Akiba i müsste zug.be». daß sein Lieblingsipruch liier einmal' unwahr wird: denn alle Völkerwanderungen der Pergangenheit gingen aus entweder von reisigen H:nenkriegern, die aus ihrer Steppe hervorbrachen, um in den Schwemmebenen der Ströme die Herrschuft über leibeigene Bauern zu suchen, — oder von friedliche» Ackerbauern, denen die .Heimat ausirgend einem Grunde zu eng geworden war. und die nun auszogen, »ni.m:: Pflug Und Karst eine . neue .Heimat zu gewinnen. Das Bolk aber, das wir aus dem furchtbarsten Drucke zu erlösen haben, der j.mals aus einer Menichentiiasfilastete, die zu Parias herabgesunkenen und jeder'Gcwalttal vögelfrei preis, gegebenen, zum liessten denkbaren Grunde Mensch, sichen Elends niedergedrückten Juden Halbasien«, das sind weder Krieger noch Acker-r. sondern fast durchaus städtische Handwerker. Seitdem vor 20!JO . Jahren das Schwert der Römer die Wurzel zer-' schnitt, dir das Bolk in seinem Stammlande ge-! schlagen batte, hqt man ihm in all.r Welt die Be-! rührung mit der -Mutter Erde versagt, die den Riesen Antäos immer wieder in ungeminderter Straft : sich wieder erheben läßt: sie dursten nirgends Bauern seine Und so haben wir es heute mit einem körper-: ' lieh minderwertigen und außerdem noch durch Hunger,; schmutzige Rot, Gram und soziale Ecniederung ver-;! kümmerten Menschenmaterial zu tun: unzuverläßliche' j Bausteine für ein neues Volkstum. j! Diese Schwierigkeiten sind von io ungeheuerer : Größe, daß es wohl zu begreifen ist. wenn auch ' 1ber Lplimismus mutlos den Arm hängenläßt, der' Ziels.n möchte. In der Tat, wenn man nur diej Ponderabilien der Geschichte in Rechnung setzt, so - erscheint die Ausgabe unlösbar. Aber es gibt zum Glück Imponderabilien in der Weltgeschichte, unwägbare, unmeßbare Seeienkra!:.׳ von solcher Spann»ng, baß |!e imstande sin dt das unmöglich Schei-- »ende dennoch möglich zu machen. Mit diesen Kräften müsse» wir rechnen. und, meine Ich, dürien wir rechnen. Diese Kräfte sind das Ungebrochene Herrengesühl des Volkstums, das hier errettet werden!oll. Dieses Herrengesühl. wurzelnd in der uralten Ueberlieserung von der Gottes-Kindschast, hat dze' Juden Rußlands und Rumäniens trop aller Rot bislur davor bewahrt, unter dem grauenhaften Drucke der vereinigten Hölle,!,nächte des Absolutismus, des Feudalismus und Antiienntismus^ zermalmt weiden, währeifd doch der Sklave unter den beiden I elfteren allein alles Gestihl. seiner Menschenwürde, und alle Widerstandskraft eingebüßt hat. In d.:>! Juden erzeugt immer noch der Druck.von oben den entsprechenden Gegendruck von unten: je stärker diG ,Jeder der Volksseele zuia»iMe1i׳g>׳preßi -wird, um >e stärker preßt sie zurück. Ta« beweist der unstillbare Bildungshunger dieier.unselige» Proletarier, die in Rot und Schmutz nie aufgehört haben, alter Weisheit nachzuhängen und »ehe Weisheit zu sckopfin Mit diesen Imvondeijabilien. mit dre-er unzähmbaren Kraft der Seelen werden/ io dürfen wir hoiien, unsere Kolonisten das ausglerchen. was ihnen an Kräften des Körpers mangelt. Und wir dürfen mit einem zweiten Iiuvonherabile rechnen, mit der Sehnsucht dieser Verbaunt.it von 200" Jahren nach dem Lande ihrer Väter. Tie Sehnsucht, Dfi 2000 Jahre der Golus imnier steirker und stärker gstpannt haben, ist auch eine ungeheuere Förderung der zio nistischen Kolonisation und nur der zionistkichen ' Kolonisation. Tie Zuweisung der herrlichsten Äck-.rbreiten in Kanada oder Argentinien ivürde nicht imstande sein, die Kräfte Ahasvers so anzuipqnnen. wie die Ansiedelung i» einer ärmsten Steppe, durch die der Jordan fließt und aus die der Libanon herabschaut. Dennoch ist es die heilige Ausgabe derer, die eS wagen, diese modernen Ziegelstreicher und Festungsbauer vom Drucke des Pharao zitzerlos.n und hinauszusühren in das Laub, wo Milch und Honig JeuiQ'eton. ctier die mo-crnk ״Iargon"skirre. Kon Theodor Zlocifti. Die jüdisch deutsche österatur, soweit sie auch! ' Anrecht hat als Litetatur zu gelten, ist kaum »zig Jahre alt. Aber sie hat-schon ihre Tradition,' welche jede,sich regende junge Künstlerkräft hin-' :-'keilt zu werden scheint. Seitdem Abramowitz! iendele Moicher-Ssorim" (Mendele der Bücher- .käufer) in seinen klassischen Erzählungen Fischst- Krumme (Lahme) und d e Matsche (der Schin-. .gaul) den Grundton angeschlagen — eine eigene׳ i stichung von Tragik und Humor in der ganzen lala von dem vorüberhuschenden Lächeln bis zum, ob Possenhaften — und de» Stoßkreis erschlossen,׳ >:gen die gleichen Akkorde und die gleichen Mp-* 1 ■ fast in allen belletristischen Jargonarbeiten durch, o ergibt sich eine gewisse Monotonie, die schmerz- -י berührt, weil nicht durch ein einzelnes Werk Iir. sondern durch eine ganze Literaturgattung b ein .Leitmotiv" hindurchjchlängelt. Und dazu - "tun noch: Seitdem die jüdisch-deutsche Sprache ': modernem Sinne Literatursprache geworden ist, ü sie es, die in vielen Fällen dichtet und denkt, 'mime seelische Interieurs, für deren künstlerische Wiedergabe das schmiegsame und durch seine souve- : :ne Verfügung über das Wurzelgut dreier verchiedenen Sprachstämme aller zartesten Nüanzierung and Abtönung fähige Jüdisch-deutsch die Möglich- ׳ keil gewährt.Zverdcn fast in denselben Worten nachgeformt bei allen neueren Jargonpoeten uns als gute Bekannte grüßen. Dabei drängt natürlich der Jargon - wie jeder Dialekt! — aus' die Darstellung seines Milieus hin. Der volle Reiz seiner Schönheit liegt in dergelreulichen Darstellung unjerer östlichen Volksgenossen, die bei einem so eigenartig uiiqleichinäßig eingeengten Gesichtskreis die Freuden und Leiden der Ghetto htnuehmen und die Diese des Judentums und seine bis zum Throne des Schöpfers ragende Nähe durchleben und durchträumen. Dabei -sind die Taseinsdedingungen so verzerrt, die Art zu schauen und zu träumen, bei aller Eindringlichkeit so verbogen, die Lebensanschauung jo seltsam untermischt mit altjüdischen Atavismen und jlavischen, Milfiuctiarakteren, daß eine ganz spezifische. in sich geschlossene Manschengruppe entsteht, die zwar der künstlerischen Schöpfertust ein geeigneter Vorwurf ist, aber eine starke Versührunq zum Schema in sich birgt. Djese Gefahr der Einförmigkeit und Eintönigkeit ist.um so deutlicher — und. so viele Schriftsteiler sind ihr um so leichter erlegen! — als das moderize jüdisch-deutsche Schristum!ich nicht in umfassenden Werken präsentiert. Große, wohlgesügte und abgerundete Dichtungen, die breite Ausschnitte aus dem Leben — Leben im weitesten und höchsten Sinne! — wiederspiegeln, fehlen fast ganz. Tie Künstlerkräft strömt nicht aus ein weites Gelände aus, mit dem elementaren Hochdruck eine« vulkanischen Schöpferdranges herausgejchleudert, und treibt nicht große Charaktere und Schickiale zur Blüte: in ' sorgsamer Pstege Werden, Wesen und Verwesen ent-; wickelnd. Sie verpufft in kleinen Skizzen und Stim- ׳ \ mungSbildern, die an sich wohl köstliche RiMes-! siguren geben, niemals aber Das Leben umspannen J oder unter einem eigenen Gesichtswinkel sehen und wiedergeben. Es kann hier nicht die Ausgabe sein zu untersuchen, welche äußeren und.inneren Momente dahingeführt haben, daß das Gesamtbild der modernen '. Iargonliteratur sich nur aus den Mosailsteinchen! kleiner Skizzen zuiammenseyt. Entschieden hat aber > hier das Beispiel L. P e r c}' 'Der Klassikers der modernen jüdischen Belleiristik ' vorbildlich ge-!-wirkt. Ec hat die Jargo»sktzze zu einer Vollendung j gebracht, wie keiner vor ihm und nur wenige nach -! ihm. Wenn man von einigen mißglückten symbolischen! und allegorischen Spielereien! absieht, so ist doch jede,!! seiner Erzählungen ein geschlossenes Ganze, in dem׳' 1 die leitende Idee, Gedanken» und Stimmungsgehalt ■ ineinanderklingen und in einer zielsicheren Sprachj und Tarstellungrtechnik ihren adäquaten Ausdruck : findet. Seine Studien sind bei aller Gedrungenheit und Kürze doch -nicht kurzatmig. Und wenn auch seine Lebensarbeit sich vorzugsweise nur in der Skizze . offenbart, so weist sie doch nicht auf asthmatischer!Künstlertum bin. Bei der großen Zahl der Jünger P e r e z' tritt diese organische'Schwäche freilich dem!!ich zu Tage.! Selten ist wohl ein Schriftsteller so gründlich imitiert worden wie P^r e z. zumal der enge Stofi- Gedonköt des jüdischen Nationalfondes! ^44642

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.