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Jüdische Volksstimme · 1903-08-15 · 14 (15.8.1903) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
IV (1903)
Issue
14 (15.8.1903)
Date
1903-08-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr,. 14 jüdische Bolksstimme Sfitf 3 iD und Mitgefühl mit den unglücklichen Märtyrern ,., Judentums empsunden, haben überall mehr oder »ander beträchtliche Summcn zujammengcbracht, ,,׳die erste Not zu lindcrn. Was wurde seitdem ,ernoininen? Was wird jetzt getan? Nichts! Ganz ,.d gar nichts ,»ehr! Ist denn Geld nicht ei» All- 1׳mittel? Was kan» man mehr In», als Geld, immcln, wohltätig sein, den crliltencii Schaden eryen? Tie Toten können allerdings,nicht mit Geld derbclcbt und die verstümmelten Glieder mit Geld icht wiedcrhcrgcstcllt werden. Was kann, und soll r Jude aber mehr leisten als Geld Kebcn? Was!!ten jedoch andere Völker und Nationen, was die austen Bolksstämmc in gleicher Lage wie die ud.n getan? Sic hätten einen gewaltigen Sturm regt, der den Himmel und die Erde' hätte erolmen gemacht; sie hätten laut und öffentlich stur- ,,ichc Verwahrung gegen solche unerhörte Barbarei, zen solche namenlose Verticrthest und rohe Gier r Nüssen in Kischincw eingelegt, hätten so lange :,׳dt und gelärmt, bis die regierenden Schläfer S die schlascnden Regierungen cnvacht wären, - gehört hätten und cs hätten hören müssen! ' Warum haben wir Juden nicht überall in den >uvt- und Großstädten, in jeder Stadt, in jeder :mcindc, in jedem kleinsten Torfe laute uud stürichc Versammlungen abgchaltcn, Verwahrung gen die Unmenjchlichkcitcn in Kischincw eingelegt, :1 cs die amerikanischen Juden, die etwas vom ׳:eien Geiste Amerikas in sich ׳verspüren, getan haben? . llerding« sagen unsere überklugen BeschwichtigungSrüder, un>ere ängstlichen, nach oben sehr nervöien ׳.׳äupter: ,Es hat ja doch nichts genützt". L nein, nützt hat cs und cs wird noch nützen. Es wurde ehört, es muffte gehört werden, das! auffcr den luden noch andcrc Menschen über die russischen ׳׳:ausamkeitcn gegen die Juden in Kischincw empört und entrüstet sind. Uns Juden fehlt leider der Mut, die moralische straft und unter unserer m o - ralijchen Schwäche leiden wir viel mehr als nutcr unserer leiblichen uud unserer Minder» zahl, — Tarum und dazu müssen wir Juden getröstet d, (!"'gestärkt werden, Tiefen Trost und diese Stärke verleiht uns nach dem Prophctcnworte: ,Tröstet, tröstet mein Volk", der Gedanke an daS j ü - ü 1 s ch c Volkstum, der Zionismus, der das lüüischc Volkstum zu neuem Leben wiedererweckt hat. Wie so mancher Tcnker, so mancher grimmigste Gegner des Zionismus in diesen Tagen sich gestehen n»d sagen muffte: ״Kischsnew hat mich zum Zionisten gemacht", jo muff die gesamte Judcizhcit jetzt sprechen: Kischincw gibt uns zu denken, Kischincw in uff uns j amt t und sonders zu Zionisten machen! So lange wir schwach, mutlos, ohne Selbstvertrauen, ohne .Selbstbewußt!»׳«!, ohne seiten moralischen Rückhalt dastehcn, so lange droht uns immer und überall, an jedem Tage, in jedem Augenblicke, an jedem Lrte ein neues, ein anderes Kischincw, Tan» darfauch jeder andere wie der-russische Minister uns drohen, uns nach Belieben bis aus den letzte» Mann aus unseren Wohnsitzen hinauSdräugen z« können und, zu dürsen. Gewinnen tvir aber den Mut, die moralische Kraft, uns, alle 10 Millionen Juden, aus dem weiten Erdcurundc als eine einzige Nation, als ein einheitlich:« Volk zu erklären, als ein Volk, welches das unaOvcirbare Streben und den unbezwingbaren Willen hat, eine eigenbercchtigte Heimstätte zu erlangen, zu besitzen und zu bc» Haupte». eine Heimstätte, die jeder Jude aus Erde teilen, j.der Jude als sein Vaterland betrachten darf und wohin jeder, der anderwärts nicht wohlgelitte» ist, einkehrcn kann, dann werden die Voller, die Nationen, die Staaten und Länder den Juden nicht mehr vor die Wahl stellen, entweder sich wie in Rußland und Rumänien zu Tode quälen zu lassen, oder auszuwandern, dann werden die Juden gewissen rat- und hilflosen Staatrministern nicht mehr als Blitzableiter für die Unzufriedenheit der Völker mit deren Regierungen dienen. Das müssen die Juden erstreben und erreichen, dann sind sic getröstet, d, h. immer und überall sicher lind gesichert, weil sic in sich selbst Macht und Stärke haben werden und weil nicht die Starken, nur die Schwachen angegriffen und verfolgt werden, Tcrhalb müssen wir Juden die alte Regel bcsolgcn: Ehre den Arzt und die Heilmittel, bevor du zum Gebrauche gezwungen bist Warten wir nicht, bis wir die vielen Millionen für die Räuber, Plünderer und Mörder in irgend welchem Kischincw zu zahlen haben und deren Gier damit nur mehren, wende» wir früher die Millionen Zion, den Bestrebungen und Arbeiten für Zion, sür die Stätte unserer Heils, unserer Rettung und Zuflucht zu! Erschlieffen wir alle unsere inöglichcn Mittel den Bedürfnissen des jüdischen Volker und des jüdischen Volkstums, wie cs die kleinsten Bolksstämmc in unserer Nähe mit brwllnderungswürdigcm, politischem Vccständ nissc und nachahmenswerter Opfern!,lligkcit getan! ^n wenigen Tagen wird der VI. zionistisch: Kopgreß in Basel zusammcntretcn, die Besten und Edelsten der jüdischen, Nation werden sich da zusackmenfindeu, Tie traurig»» Ereignisse in Kischincw werden Veranlassung geben, über das künftige Geschick dcs)idischen Volker zu sprechen, zu beraten und mehr nvckßz» handeln, Ta »tüfftc ein Schlußwort des Propheten auch ein letztes Wort des jüdischen Volkes sein: ״Nicht einer soll fehlen"! In Zion und sür Zion soll die ganze Größe, die volle Macht und die unverkürzte Zahl׳ und Menge des jüd, Volkes sich entfalten: nicht einer darf da fehlen, nicht einer, der sich nicht zu Zion, zum jüdischen Volke bekennt, de? sich nicht einen treuen Sohn der jüdischen - Nation. nennt, der nicht bereit ist, Hab itud Gut, Leben und -Leib zu opfern, mit allen Kräfte» zu arbeiten sür Zion, für das jüdische Volkstum, sür ein jüdisches Vaterland, Zionismus: d a s i st des jüdischen Volkes einziger, wahrer und letzter Trost, Mnikischr Kolonisation. ü-oii Laeis Triel'üi, «*citm. Kolonisation und Zionismus — sind das nicht Widersprüche? Hat der Zionismus nicht der planlosen (oder doch wenig planvollen: ,Kolonisation vor sechs Jahren Halt geboten, ohne dafür inzwischen etwas Neues gegeben zu haben? Macht nicht der Zionismus den Ehartcr, die jüdische Autonomie und die Garantie der Mächte zur Vorbcdihgung der Kolonisation in Palästina und ist er nicht Lurch sein Programm an das engste Palästina gebuuden? Kann irgend jemand sagen, wann.wir den Ehartcr bekommen werden, und wenn man er nicht kann, ist dann unter heutigen Umständen im Zionismus von Kolonisation zu reden? Andererseits: Haben denn alle diese zionistischen Voraussetzungen heute noch tatsächlich Geltung? Hält man nicht längst dabei, zur Kolonistrtionstätigkeit!wenn auch größeren Maßstabcss zuruckzukchren? Ist nicht die Gründung des Nationalsonds, der ausdrücklich den Charter nicht zur Voraussetzung hat, im Widerspruch mit der Chartcr-Jdcc? Oder - wenn das zweifelhaft sein sollte — haben nicht die russischen Zionisten in Minsk, hie sich doch gewiß sür gute Zionisten halten, mit großer Mrhrhait dafür gestimmt, daß der Nationalfonds sofort anfangcn solle, Land zu saufen? Werden diejenigen Zjonisten, die der Bewegung beitraten, weil sic in ihr größere Kolonisationrmöglichkeiten erblickten, als früher da waren — «erden diese länger untätig bleiben wollen - Wird die Masse der Volker — aus Parteibefehl! — weiter warten wollen, was für viele heißt: unter ihren Mördern zu bleiben? Und schließlich hat der Zionismus sich in Be zug aus dar Landprtnztp .treu" an Palästina gehalten? Haben nicht vielmehr Verhandlungen stattgesunden wegen Gebieten inKlcinancn und Egvptcn? Haben wir nicht von osstziellster Seite in Bezug auf die politischen Aussichten einer Verwirklichung der Zionismus die widersprechendsten Tinge gehör!? Hat man uns nicht in diesen sechs Jahren östmals gesagt ״bald, bald," und ebenso oft ״wartet, wartet"!- Hat man nicht — je nachdem — diejenigen abzuschüttelu versucht, die schnelle Ersolgc verlangten, und bet anderen Gelegenheiten dic!cnigcn zu Feinden der Sache gestempelt, die an einer schnellen Perwirklichung auch nur zu zweifeln wagten? , . Aber diese Widersprüche und Unklarheiten sind die, Folgen der absoluten Sicherheit, mit der man im Anfang der Bewegung die Massen berauschte und blendete, Wohl hatte dieser Rausch und dieses Feu,׳rwe:k auch die gute Wirkung, daß viele cmpovgcrüttelt wurden und viele Kräne der Bewegung gewonnen wurden, die wohl geeignet und rähta hätten sein , können, um das, wozu cs an allen und jeden Unter lagen gefehlt haben mag, durch eine gemeinsame uud wohlorganisiertc Anstrengung zur Tat werden zu lassen. Aber man begnügte sich nick» mit dem grundlegenden Fehler, der wenigstcus auch, grundlegende Vorzüge hatte, sondern jede Turchtudrung wurde durch ctne grundfalsche Politik unmöglichge macht — grundfalsch, insofern als man — ziel bewußt, aber nicht wegbereit — das End: einer möglichen Entwicklung als erste Forderung u nd a lS Vo rb edin gung j cd es Handelns ausstellte! , ״. Man verlangte »ine jüdische Autonomie und einen Charter — als ob die nicht eine ffidische Ma ־. , . . ^v vT ׳ ״׳.,״׳--*״ -״״ «tu. Uli umu jiuumuuicu AU viuuuumi ,uaoiu uuimu in wui| Und so kam es, daß eine dem Herrn Por^ einen Bries übcrbrachle, der ihn ins heUstc L:auneN j Und ^eydenznadl cnchelncn>.en ^ocheiu^rin. mt,זי,ר. י.ז\1 ttir (ו ז _ _ .»> . - . .. 1 .. .. __ . - - . ״ " ' ' X akademisch gebildeter Mastn mit Titel, mit dem man reden kann und der auch ganz andere Ansichten von der Ehe hat als etwa rin Kausmanii oder gar ein KvmmiS, Aber mit einigen tausend Kronen ist cs io schwer, einen Doktor zu bekommen. Und überdies ist Liscl nicht ״Eine, die cs versteht". Deshalb ׳alten auch ihre Eltern bangen Herzens der Zukunft >»!gegen. Doch seit einige» Wochen trat eine Wendung e:n, Herr Buxbaüm, der den Präsidenten vertrat und ׳ast selbständig die Gemeinbegeschäste besorgte, wurde anläßlich der ausgeschriebenen Rabbiner-Konkurrenz mit einem Schlage eine pert-ona pralissima bei all denjenigen, die einen Kandidaten zu protegieren haltend" ‘ unbekannte Person eines Tages bei ach und im Name» des 11». Jakob, ciuos Konlurvtnzlcr erklärte, dieser wäre nicht abgeneigt, ^Tochter^es Herrn Vorstandes zu chestcheu, falls ihm tenic Wahl zugesichert würde, Herr Buxbaum samt Frau waren außer sich vor Freude, Und die Tochter hüpfte den ganzen Tag in den Zimmer» herum. Und dar Geschäft wurde'abgemacht. Man beschloß eine silberne Hochzeit zu feiern, obwohl der Zeitpunkt dafür schon längst vorüber war. Zu dieser Hochzeit sollte natürlich der gesamte Vorstand in erster Reihe cingcladcn werden. Uyd es wurden ferner ein regelrechter Plan entworfen, wie man, wenn die Stimmung so recht gehoben sein wird, die Herren für den Kandidaten Jakob zu ge- Winnen Hab waren vom >e, Herr, Frau und Fräulein Burbaum Gelingen ihres Planes auf tzas scsteftc j Das war eine Aussicht aus großen Gewinn. T1c!c konatc sich Herr Kohn unmöglich cnsgeben überzeugt, Tenn was sollte der Vorstand,: dem doch j lassen. Etwas Unangenehme; war ja an der Lache: der Ausgang der Wahl ganz gleichgiltig ist, da-' er hat just diesen Abend dem Buxbaum die Wahl dagegen einzuwende» haben?, eines Anderen bestimmt ver'vrochcn, ,Tar Gc,ck,a׳t 1 geht aber doch vor allcni, * * . I Und er setzte an Baron ,Katzenstein folgende Kultusgemeinde Präsident der Tcpeschc auf: ' ״ ־ ־־־Herzlichsten Tank, Wunsche komme ,elb't redend nach, . ,Kob» ' Herr Kohn, der Stadt K,, wurde eines schönen Morgens aus das angenehmste überrascht. Er hatte die ganze Nacht nicht gcichlascn (er wohnte der silbernen Hochzcitsscicr seiner Freundes Buxbaum bet, und die hat bis zum Morgcngranc» gedauert ׳, noch lag ihm der Kgtzcnjamincr in allen Gliedern, als ihm die Post Ungefähr sechs Woehen nach all diesen Be gcbenheiten war in den Spalten der in der Hauptversetzte. Ist das wirklich möglich? Er nahm das Augenglas, dar er nur in seltenen Fällen gebrauchte, und las zu wiederholten Malen, Ta stand es dcutlich geschrieben: ״Sehr geehrter Herr! Wir erlauben uns heute Mts Ihren an uns vor drei Monaten gerichteten Brief zuiückzukoutmcn. Wir haben Ihrer Bitte, Ihnen die Kohle zu den vorjährigen Preisen auch dieses Jahr zu überlassen, infolge d»r immer steigenden Tendenz nicht entsprechen können. Wir sind'aber Schasar", Zentralorgan sür die gesamten' Jntere,׳.׳:, des Judentums, folgende Korrespondenz aus der.Siadt K, zu lesen: Gestern wurde nach heiitem Kampfe die Wahl eines neuen Rabbiners in unserer Gemeinde durchgeführt. Als gewählt erscheint Herr!>r. Felix Fluß, 21'in in Betracht ׳ Lekommener Gegenkandidat Herr Ilr. Armin Jakob hatte ebeniallS einen bedeutenden Anhang, Nur eine ganz kl.ine'Gruppe stimmte >ur esiie» Kandidaten Namens/lr. Baruch Unsere Ge jetzt in der Lage, Ihrem Wunsche für dieses Jahr mcinde hat allen Grunh^intt der erfolgten Wahl z nachzukommen, . > . , frieden zu ׳e,m Leusder gewahlteMabb.ner t,t . Achtungsvoll Baron K atze nsie 1 n,, illunrer Gelehrter, ein zündender Redner und au P. S. 311' würden uns sehr verbinden, wenn gezeichneter Kenner jüdischer Moderne, Sic die Wahl des Herrn Ilr, Felix Fluß zum Zöglt, g Rabbiner der Stadt K, durchsetzten,"! d.s Wiener, -eminarr. Gedenket der Waisen־ von Kischinew!

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