Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1903-07-15 · 12 (15.7.1903) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
IV (1903)
Issue
12 (15.7.1903)
Date
1903-07-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2621806-6375623-6375795--0629-4860115
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 12 V Jüdische Bolksftimme Brite 3 bcöarf dcr Schule e,forderlich werden. In dieser Schule werden die Zöglinge außer der Elementarbildung auch die nötigen praktischen und landwirtschastlichcn Pvikenntnisje sich erwerben. Augenblick lich werden für die Schule von den!Geldern 1 ö.OOO Rubel. welche durch Herrn Beikind und Herrn Ujsijchki» für die Waisen von Kisjhincw. gesammelt worden sinn, in Angriff genommen. Uffijchlin fuhr nach Palästina, um dort das Land für dcfl Schulplatz anzukause». Er wird außer dem zur Schule notwendigen Lande auch Land zur späteren Bcrteilung unter die Zöglinge erwerben. Beikind fährt sosort nach Kischincw, um von dort aus mit der ersten Gruppe von 25, Kindern nach Palästina abzureiscn. Obwohl wir bis heute erst einen Teil der »öligen Mittel besitzen, so gehen wir doch mutig und. hoffnungsvoll ä» die Arbeit." Tie Errichtung dcr Schule und die Ansiedelung der Waise» aus dem Boden Palästinas wäre eine ruhmvolle zioniiiiiche Tat. Unsere Gesinnungsgenossen Beikind, dcr wackere Kolonist, und Ingenieur Ujsischkin habe» das Hauptvcrdienst an dem nationalen Werke. Ziicklkche ffelate« in venikchlana. Bei den letzten Rcichstagswahlcn in Deutschland haben im Schlochau-Flatower.Wahlkreise, wo in der Stichwahl ein Pold mit ejneitt deutschen Radau-Antisemiten ordinärster Eoulcur um da» Mandat kämpfte, Juden die denkbar schmählichste - Wahltatik cingcschlagen und teils direkt, teils indirekt dem Antisemiten zum Siege verholten. Uui die Wahl eines Polen zu verbinder» und sich selbst als gute, verläßliche ,Deutsche" zu erweisen, habe» sic allen Begriffe» von.Selbstachlung und Rianneswürde zum Hohne einen ganz gewöliulichen antisemitischen Hetzer aus den Schild eilioben. Der ,Generalanzeiger" veröffentlicht einen jüdischen Wahlausru׳, den er mit Recht als ein Dokument der Selbstcutmannung und Selbstbeschilnpsung bezeichnet. Er flautet wörtlich׳. ,Werte Glaubensgenossen! Herr von Komorowski ist nach seinen gestrigen Erklärungen nicht der Man», dem ein deutscher Jude in dcr Stichwahl seine Stimme geben kann, da er sein Polentum in den Vorder grund stellt. Es wird uns schwer, einen Antisemiten vom Schlage Bocekleis zuip Siege zu verhelfen, es bbibt uns aber keine Wahl.' Wir einpsehlen daher, entweder' Doecklcr zu wählen oder dem Wahlakte sernzubleibcn. Predig er Lew in, Stadtverordneter Blumental, Mühlcnbesitzer Jul. Reumann." Dqs heißt.denn doch die Selbsterniedrigung und Kriecherei auf die Spitze treiben. Dieser saubere Prediger, der seinen Ramcn unter ein so ichaulloscs Schriftstück zu setzen die Stirne hat, verdient mit Schimpf und Schande aus dcr Gemeinde gejagt zu werde», in der er ein jüdisches- An» bekleidet. Ein ,Priester" *) als Prediger politischer Unmoral und jüdischer Helotenpolitik! Pfui Teufel! Yionfrrrm der jüd. Handklangkürlllen und Arbritrr ltzaliriens in Icmberg. 28. Juni, I. Tag. Die jüdischen -Arbeiter und Handclsangcstcllten Galiziens hielten zwecks Gründung einer Lrganisanon am 27. und 28. Juni in dcr Toynbcchallc eine Konferenz ab, an dcr aus verschiedenen Orten *) Ehrwürden lüßt er fick schimpren. schcn Herzen geeinigt, einander genähert. Das Kischinewcr Unglück lras nicht allein jene. Tausende, die jetzt so viel Schreckliches erlitten ׳, es trifft weit mehr die Gesamtheit des jüdischen Volkes. Vielleicht ver stehen dies noch nicht Alle, aber alle fühlen und cmpsinden cs in ihrem tiefsten Inner». Und deshalb geschah in allen Synagogen, wo heute Juden zusammcnkamen, ohne Zweifel dasselbe wie bei uns. Versiehst Tu S nun, mein Kind?- Und nun ging man an den Tisch und die Hanssrau, wartete ihre Gäste mit derselben äfröhlichkeit aus, wie an jedem anderen Sabbath. Das Gesprach bildete Moses, der älteste Sohn Rcb Schlvfios, dcr in Kischincw 'wohnte. Man wiederholte c» Inhalt seiner zwei Telegramme, die an jenen Schreckcnstagc» gekommen waren, wo Moses mitteilte, daß er und die Scinigcn »nt Gottes Hilfe nertttct seien. Einigen Schadenhatte er zwar gelitten, aber keinen großen und empfindlichen wie die anderen. In einem Brief werde er alles aysjührlichcr berichten. Man wunderte sich nun, daß dieser Brief noch immer ausblieb, der doch heute schon da sein »liißtc! Er wird gewiß abends kommen, »icintc Reb Schlonbo, ruhig. — Glaubst Tu, daß man in solcher Aufregung schreiben kann, versuchte einer der Söhne seine Mutter z» trösten, bei solch einer wüste» Zerstörung? Galiziens Delegierte und zahlreiche Gäste teilnahmen. Vertreten' waren: Krakau, Stanislau, Tarnopol, Przemysl, Przemislany, Lancüt, Rzeszow, Trohobycz. Tie Tagesordnung lautete: I. Tic Lage der Handelsangestclltcn in Galizien. 2. Das Verhältnis der jüd. Intelligenz zum jüd. Pro'claziat. 3. Agitalion. 4. Organisation. .־>. Presse. G־>Slcllenvcr mittlung und Konditionslojensond. 7. Eventuelles. Nachdem Gg. Samuel Schurr namens der Einbcruscr mit einer gehaltvollen Begrüßungsansprache die Konferenz erösfnctc und Gg. Salomon Bilbcl, Obmann des Vereines ,Achwa" in Lemberg, die Anwesenden begrüßte, wurde die Wahl des Bureaus vorgenommen. Als gewählt erscheinen: Präsident Gg. Bilbel; Stellvertreter Gg. Freiwald-Krakau und G las-Stanislau; Sekretäre Gg. Eisenstein und ^urnschein. Gg. Moriz I H r-Lembcrg erstattete das Referat über die Lage der Handelsangestclltcn in Galizien. (Dieses Referat bringen wir in der nächsten Rümmer.) Ucbcr das Verhältnis der jüdischen Intelligenz zum jüdischen Proletariat sprach Gg Erb. Der Referent kritisierte vor allem die Kluft die zwilchen unserer Intelligenz und unserem Proletariat besteht. Es sei Pflicht jedes demokratisch fühlenden Akadc,- mikers in den proletarischen Organisationen sich zu betätigen nnd gemeinschaftlich mit dem jüdischen Proletariat an dcr Wiedergeburt des jüdischen Volkes zu arbeiten. Ter Referent schlug folgende Resolutionen vor. I. DiL^MlUtserrnz—der-glflizlschcn Handclsangcstellten und Arbeiter beschließt, daß in den Ausschüssen dcr proletarischen Organisationen 1 .< dcr Mitglieder aus den Reihen der Intelligenz vertreten sei. An dcr sich hierauf anschließenden Debatte bcteiligten sich mehrere Akademiker. Gg Reich gab namens dcr nationalgesinnten akademischen Jugend Galiziens folgende Erklärung ab: Tic ständige Repräsentanz der akademischen Jugend drückt dcr Konferenz der galizischen jüdischen Arbeiter und HandclsangcsteUtcn ihre wärmste Sqm- Patie aus. Tie akademische Jugend, aus demokratischem Boden stehend, versichert die Streiter für des jüdischeu Proletariats Zukunit jederzeit in ihrer schweren Arbeit zu unterstützen und gemeinschaftlich mit den! jüdischen Proletariat für die Regeneration des jüdischen Volkes cinzulrcten. Ucbcr Agitation refcrierlc Gg. K a tz - Stanislau. Das Hauptgewicht, wünscht dcr Referent, solle aus eine intensive Agitation in wirtschastlicher Beziehung gelegt werden, Rur in dem Maße. Ivie wir dcr Masse die wirtschaftliche Lage verbessern, ist eine Stärkung unserer Organisationen zu erwarten. Der Kamps gegen jedwede Assimilation unter den jüdischen Proletariern sei auf׳ das entschiedenste zu führen. Es entspann sich hieraus eine lebhafte Debatte an der die Gg. Ihr, Scho rr, Tanncba » mu. a m. sich beteiligten. Gg. S chvr r-Lemberg, beantragte׳ folgende Resolution. Tic Konferenz beschließt die Bildung einer Arbeiterpartei aus zionistisch-sozialistischer Basis. Es sei ein fünfgliedriges Komitee zu wählen, das die Ansarbcitung eines Pxogiammes vorzunchmen habe und dasselbe dem Erekuliv Komitee des Verbandcs dcr jüd. Handelsangestellten und,Arbeiter Oesterreichs iir Brünn zur weiteren Verhandlung für de» Gesanitparteitag vorzulegcn. Ter Referent Gg. K a tz beantragt, ah die galizischen Handelskammern hcranzutretcn und von-diesen die Ein füllrung des Schulzwanges, sowie die Regelung des' Lchrlingswefens zu fordern. Um Mittel für die Agitation zu erlangen, beantragt Gg. K a tz Sammclblock» ä 4 Heller herauszugcben. Gg. S. Herz stellt den Antrag, die affimilatorischen Bestrebungen dcr jüdischen Zozialdemo- . traten aus das cntichiedcnste zu bekämpfen, und die Taktik der Defensive auszugcben und in die Ofensivc überzirgchen Hieraus wurde der erste Verhandiungstag geschlossen. 29. Juni, II. Tag. Es gelangen die cingclauscnen^ Begrüßung»- schreiben und Depeschen zur Verlesung. Sodann erstattete Gg. Paul Ri es er-Krakau -das Referat über: Organisation". Dcr Referent betonte die Rot- Wendigkeit einer stramuien jüdischen Arbeiter- und (Handlungsgehilsen-Organisation. Rur durch eine solche könne der krassen Ausbeulung, sowie dem wirtschaftlichen Boykott begegnet werden.-Verkürzung der Arbeitszeit, vollständige Samstags- oder Sonntagsruhe, Achtuhrladenschluß, Regelung des Leyrlingswescns, Freigabe während der Arbeitszeit behuis Besuches der Fortbildungsschulen für die L.-Hrlinge usw. müsse die Kampiparole des jüdischen Prolclariates Galiziens werden. Rur durch Selbsthilfe ist dem jüdischen Prolctariatc Galiziens zu Hellen. Die notwendigsten Werkzeuge hiezu seien: Stellen- Vermittlung und' Unlerstützungsiond. Gegen das wucherisch^ private Vermittlungsmcscn müffe ' der Kamps in entschiedenster Form ausgenommen werden. Praktikanten unter dem 14. Lebensjahre dürse» nicht in die Lehre genommen werden. Da» zionistische Proletariat, das sozialistisch Lenkt und sühlt. müsie gegen die Psciidoiozialistcn, genannt jüdisch polnische Sozialisten auslrctcn. Dcr Redner ' motiviert dies damit, daß bei einer Wahl zwischen Zionisten und Klerikalen, die jüdisch-polnischen Sozialdemokraten gemeinichastlich mit den Klerikalen den Kamps gegen die Zionisten sührcn. Zchaisnng von Arbeitsgelegenheit, nationale Selbsilülse muß dic^Deviie des jüdischen Profetariates laute». In der lebhaften Debatte wurde dem Wunsche nach Gründung einer jüdisch sozialistischcn Partei Aus druck verliehen. Es wurde über Antrag des Resc reuten der Beschluß gefaßt, sich dem Verbände der jüdischen HandclsangcsteUicn nnd Arbeiter Lesterreichanzuschließe». lieber Parieipresje referierte 't>,g. T. G4as> Stanislau. Zu Partciblätter» wurden die ,Indische , Vollrstimme"-Brünn, ,Jüdisches Wochenblatt"-S!a nislau, ,Wschöü"-Lemdcrg erklärt. Pflicht der orga nisierten Genossen sei es. für die weiteste׳Vcrbreitung dieser Blätter Zorge zu tragen. Jede Orga niiaiion habe eine Brochurcukommission zu wählen, die den Vertrieb dcr Parteiliteratur zu betreiben Hane. Die Punkte: Stellenvermittlung und Konditionsloscnsond wurden über Amrag des Gg. Pordes nicht behandelt, da man erst die Arbeiten der Ge- : samtcrekutive .in Brünn abwarlen müsse. Ter Sitz . der Erckutive wnrde nach Krakau verlegt. Mil der! Absingung der RalionabHymne schloß die erste Kon serenz der jüdischen Haudclsangestclllcil und Arbeiter!Galiziens. - M. Ihr. — Genug! unterbrach Reb Schlamp. Heute, an den Brief denken. Allein immer wieder und ist Sabbath und seiner Heiligkeit zuliebe wird abends wieder kamen die bösen Gedanken wie von selbst, ein Brief kommen. Geht nach Hause Kinder und!als ob Uc der unter dein Polster deiindffche Bries kommet abends wieder. Beim Hinansgehen bemerkte einer her Lohne: — Ich könnte daraus wetten, daß der Vater bereits eine» Brief bekonimcn, den er jedoch am nicht öffnen mochte. ihn, in den Kops treiben wurde. — So ist cs. dachte er. Tod, Mord, L:m- , vergießen! Nicht genug hatten sic an Donnm'-, abbath! Geld, an jüdischer Habe und jübtichem Gut, wie 1 einst in den schweren Zeiten grausamer Veriolgungcn. Ich glaube kaum, meinte cinc dcr Franc», daß . sondern wirkliches Domiin", Blut, wird uns beute sich der Vater jo lange enthalten könnte, den Inhalt! genommen! ... Ribono-schel olom, schlietzt er lies׳ des Briefes zir erfahren. empört, Du siehsts und jchwcigil?! ... -- Wir werden uns am Abend davon über- Doch nein! hob .er von neuem an, ich zeugen, versetzte sicher der erste. , sündige. Man darf die göttliche ,Führung nubt Nachdem dne Mahlzeit und die ,Semiroth" bemängeln... ' bei Red Schionio-Vorüber waren, setzte sich die alte! Er erhob zrch vom Lager und ,atz einige Augen sromme Gütele wie gewöhnlich zum ..Deutsch Ehublicke, wie verwirrt um sich bcrumblickend, da. mejch", während Reb Schlomo, einem langjährigen! — Ha? B-as wollte ich denn eigentlich an Brauch folgend, sein Sabbathschläfchen halten wollte, j sangen? Ich dachte-ja an etwas, .ech sollte ja ein Er konnte jedoch 'nicht cinjchlasen. Der Briet, den Mittel suchen gegen die bö>cn Gedaicken, er in der Rocktasche versteckt hielt, ließ ihn nicht ruhen. Er nahm ihn aus dcr Tasche, chelrachlcte wiederholt das׳ .Kuvert und prüfte chic -Schrift der Adressb. Doch plötzlich ries er sich selbst wie yorivnrfsvoll zu: ,Sabbath ist heute; am Sabbath darf nicht geklagt werden!" Er legte den Brief unter das Kopfkissen, streckte sich nieder um zu schlafen. Er wollte nicht einmal Und er erinnerte sich, daß er im Begrüßwar auszustehen und ei» Buch zu nehmen. Lermn. Thoralcrncn allein ist ein Mittel gegen alles. . . ,Hast du Kopfschmerze», so beschäftige dich. mit der Thora!" ׳steht ja geschrieben. -. . ד ־-it׳,*), dtdtn:zl im rP^facbidiiMii-n ־״■?lat" Gedenket der Waisen von Kischinew! ץ־

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.