Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- IV (1903)
- Issue
- 10 (15.6.1903)
- Date
- 1903-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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XT7\ 3at>rcjcmfl. Wrünn. 15. Juni 1903. mr. 10 •^1S1t!1vlu־e»c; ,vüv Ceiicvroidi ttiuiarn halbjähriq : Svumtdniib!ן׳ז1(1וו{\וןו1ן Mark t £1tmu*:v Aiiinlrcidi, Italien, Jihtci,?Kumümctt, K U•'-". iian;inln>;1 K I. inti. $ui;Inni> ,rau;/ävrnr <? A’iilni: 21’vImcu. Biil'icnlen »nu».!Vf*. יי• . Hednlrion und Äd»1׳.n1üranr׳n: Brunn, idm:• ..^üdk'tt«׳ Bolko'nrrnnec1id...nt nur J. und . . . Bud11״nd!-.n׳'d1c ■i'vitronntןל: C:10 Mlcnmt. prolctariürrtc ^kadkmikerberufk bri Iudcu und BlidHiuiirn. »Das alte fiiib von dcr Jlnoiuaiie jiidiiftenj. Tic gleiche Melodie b>i allen נ Stlajirn, die eine Vcrbesserun z ihrer hälinisfe herbeisühreu oder eine Betihrer Lebe,!-Haltung und sozial,,> Lage wollen Wo immer finden in größerer n soziale» .Stampfen ihrer Bei, je unD chuicii, dränge» sie ihre Spezial! oüniche und Lpezialsördcrunge», zu denen sie ihres Judenlumes wegen gelangen, ganz zurück und vergessen, das! >S für sie zweierlei Not gibt: die alle eineine, zu deren Abunhr sie sich in Reih und Gl.ed ״nt den ntchtjüdifchen .Stampsgenosse» sicllc», u >ü eine .spezifisch jiidisckie, die andere Ursachen, andere Forinen hat und auch andere Mittel, anvere Trganisationen verlangt. 20 selbstverständlich und geboten die aktive Förderung aller aus Hebung der Lebensdedingiingcu der ganzen St lasse und des Gejamtberuses gcrichtiten Bestrebungen ist, io »nveftzcihlich und beklagenswert ist die lässige Vertretung und Ignorierung jüdischer Fragen, vie in das wilrtschast- ' liehe Leben des jüdischen Teiles jener Stlasje» lies eingreifen. Was vom jüdische» Arbeiterproleiariat und den ungezählten Masj n jüdischer Luslmenschtn gilt, deren Lage die allgemeine Schablone zur Linderung sozialer Rot und zur Befreiung eines leidcnden Proletariates nicht verträgt, ist — ,nutalis limtandis — auch beim jüdischen. Jntelligqnzprole'- tariate dcr Fall/ für welches nach Absolvierung der allgemeinen Gravaniiua der einzelnen Berufe immer ei» starker Bodensatz von reinjüdijchen Forderungen und Beschwerden zurückbleibt.!Sn Hort danfr freilich auch die Solidarität der. Gleichbedrängien. das sozialc Einpsinden der ihr-r Ration u״d Abstammung wegen- Ro,leibenden auf. Und doch ,»engl sich in den Rotschrei, dcr bisweisen die Sesjentlichkeit und den Staat zun, Schutze bedrängter Berufsinenschen aujrust. mit schriller Tigonpnz der Notschrei der jüdischen Intelligenz, der Notschrei eines gauzcn Volkes.! Auch aus dem Medizinerkongreß, dir vör einigen Tagen in Wien tagte und in so erhebender Ein- > mütigkeit aller Teilnehmer ohne Unterichied der Nastionalität verlies, ward für kurze Zeit diese Tisios»a»z hörbar. Ein jüdischer Arzt erhob sich und ן sührte Klage darüber, daß der mililärärztliche Stand : für Juden immer niebr und rascher seine Pforten!schließe. Als ob sonst nirgends und niemals jüdische Aerzte als J»dcn zurückg-esetzl werden! Wie viele! Gemeinden gibt es denn noch, welche Judenärztc!anstellen? Wo kann ein Jude, wen» nicht ganz!besondere Umstände milspielen, Tiitriktsarzt, wo!noch B׳z!rk-arzt werden? Tie Provinz bietet ihm wenig Erwerbs,nöglichkeit. Und bezeichnender Weiie!in den großen Städten muß er sich mit der kargen!! Entlohnung dcr strankenkasjen begnügen. Tariiber! schwiegen . aus dein Medizinerkongreß die jüdischen Auguren, die das'große Wert führten. Jüdisches Elend interessiert sie nicht, jüdische Schmerzen lassen sie kalt. Die Prvlctarisierung des Medizincrbcrujes, über welche geklagt wurde, macht unter seinen jü dijche» Angehörigen unheimiichc Fortschritte. Van Jahr ׳ zu Jahr flieg bisßcr die Zahl dcr jüdischen Mediziner und von Jahr zu Jahr wird dcr streis der Stellen cnger, die für Juden noch offen sind. Wie bei Juristen wird auch hier die S:l»alion immer kritischer. Tie Gymnasien sind überfüllt von jüdischen und »ichtjüdische» Schäfern und draußen im praktischen L den herrscht zwischc» Angebot und Rachiragc ein krassses Mißvkrhältnss, für Juden doppelt fühlbar »ckrd gefährlich. Ter Mangel an!״Arbeitsgelegenheit^ ergreiit auch die jüdische Intelligenz und schaifi ei» geistiger Proletariat, das die traurige Lage des jüdische» Volkes erst recht zum Bewußtsein bringt. Auch hier erhebt sich angesichts dcr fortschreitende» Prolelarisierung und Teklassicrung drohend die Frage: Wo hinaus? Tem jüdischen Proletarsate wird mit den Schablonenmittel» der Andersnationalen wenig geholfen. Tas Uebel sitzt bei »ns tiefer, die .Heilung muß griinSlichcr sein. Nur im Wege der allgemeine» jüdische» Volksgesundung und nationalen Volksbesreiung ist radikale Abhilfe möglich. Alles Ilcdrige ist gegen jüdische Rot ivziale Sturpsuscherarbeit, bei der die .Krankheit üppig weiterwuchert. Man hat bisher in jüdischen Kreisen den erschreckend anwachsenden Reih?» des' J»1c!ligenzpro- JeuM'eLon. 3U1)ild)c Klink mt 1י Wissenschaft. t'0,1 Cbciingenieur Zofe! itali. Frohe Botschaft wurde u»S durch den Mund unseres wackeren Mitkämpfers Israel Zgngwill aus London zu!Teil: Ter Tag dcr Verwirklichung unserer Bestrebungen rückt mit merklichen Schritten immer näher. Zangwill, ein bclsebter englischer Schrijlstellcr, untcrjchcidet sich vorteilhaft von anderen minder bekannten BerusSgenossen dadurch, daß er, anstatt die-anerkannten Führer nutzlos zu befehden, sich bescheiden,in ihren und unseren Tienst gestellt hat, so daß er jetzt sogar im Borderlressen eines Entscheidungskaiupses steht. Sowohl das Vcrhalten dieses wahren Volkssreundes als auch die frohe Stunde, die er uns in jtimr letzten, denkwürdigen Rede zukommcn ließ, ist geeignet, eine nähere Belrachtung der in letzter Zeit so viel g:brauchten Zchlagworte von Stultur, Kunst und Wissenschaft näher ins Auge zu fassen. Zunächst kann nicht mehr behauptet werden, daß es vorzeitig sei, sich mit Tetailsragey der künjtigen Heimat zu befassen; ein denkender Mensch be> zieht kein unfertiges Heim, sondern denkt rechtzeitig an dessen wohnliche Ausstattung. Tie He mar eines ganzen Volkes bedarf allerdings einer gew sfen Minimums an Stultur, um überhaupt ein incstschenwür diges Tasci» zu gewähren. Run behauptet eine kleine ׳?nippe von Gesinnungsgenossen, daß wir unserem | Volke erst eine solche Minimalkuliur beibringen müssen.' Ich will versuchen zu beweisen, daß dieic Bchaup tung unrichtig ist. Unter Stultur verstehe ich Skis Resultat >c! nützlichen Arbeit. Ter Baues fördert die Bodenkultur, der Lehrer, Künstler, Tichtcr die Geisleskultur, der Ingenieur, Stansmann, Industrielle die materielle Stultur in. Allgemeinen. Zoserne »u» unser Volk seit Jahrtausende» nützliche Arbeit verrichtet, wo, man ihm dies gestaltete, mußte es naturgemäß Stultur bezeugen und nur in diesem Sinne darf cs sein Alter als Verdienst um die ganze Menschheit geltend! uiachen. Tie Leute nun, die unserem Volke de» J Besitz von Stultur absprechen, rauben ihm seinen, ehrlichsten Ruhmcstittel, können also keineswegs aus! den Namen von Freunden unseres Volkes Anspruch! nehmen. Bei der Beurteilung eines Volkes darf man I nicht die kleine Gruppe der Reichen allein ,» Betracht ziehen, wie cS Unsere Feinde tun, wenn sie deren Ncberhehung uns auss Kerbholz schreiben: ein sehr berühmter Volksgenosse hat den Airsspruch getan, daß eher ein Stamecl durch ein Nadelöhr als ein : Reicher ins Himmelreich ko-nml. Tabci hat er rSSHl! nicht allein an die reichen Juden gedacht. Ebenso. falsch ist es aber auch, ein Volk nach feinen Ent-! erbte» zu.beurteilen. Wenn einmal der Londoner Coficr mongcr weiß, wer Shakespeare, und jeder iletariateS wenig Beachtung geschenkt. Tic Gesalir j in größer, als man in der jüdiieve» Familie begreift. I eine striie näher, als man erwartei. Es wäre unf verantwortlichdie Eniwicklung dcr Gefahr ruhig j abzuwarten und arme jüdische stinder auch weiterhin! gedankenlos in ein Sludium hincinhktzen zu!lasse», das ihnen.nach Entbehrungen und stäiüpfmi f aller Art nichts bietet als Enttäuschung, Zurück-!fetzung und Teklassierung. Tie staiinisch erhärtete Tatsache, daß für die sllkdiercnde indische Jugend j im österreichischen Beamtenstand und in den freien f Berufen kein Platz in,' soll,e endlich doch beachiei jw.rd.n. Besonders in che» Zchichlen solcher Juden, l ״deren stinder nicht lange Himer- Müllers Schürze j hocken und aus Valers großem Geldbeutel efi n s könne», bis sie ins warme Rest gesetzt werden..." Der Lcmpcldirntr von Kifchinrw. Unter den vor'׳Len Aug.u der BthärLen in stiichincw Hingeme'ldeten befand sickv ein Held. Es! war dies Nicht etwa ii:r Jiinqling. der erbittert über!die seinen Biiidcrn angetane Schmach nach der Waffe ״! griff, um da» Leben greiier M.rnn.r und die ElireZ! wehrloser Frauen zu schützen — nein. Tenn er g.dl"!»och ausder Erde Punkie, wo dar heiligste Reeyr ׳ eines Menschen,'Rdiwehr gegen Verbrechen zu »b.u.. das Recht des persönlichen Schutzes durch sich selbst im Notstände, nicht anerkannt wird. In s.nck tti freien Ländern, in solchen von jedem Kuttnrmake: freien Ländern blüht kein Heldenium. linier H.ld war vielmehr ei» simvler Jude. Und jimoia als er selbst war'sein, ganzes Leben, das er 10! -!denmistig, so groß, so unendlich groß schloß.-Ter Mann war ein Tcmpeldiener -nur und er d-iaß .::ze grrüe «eele. Stellet Euch nur vor: In Krchinew >,1>.ä,z! man Juden. Und man schlägt sie i acn gut »der lieferten historischen Traditionen. Mas! uberf-illt sie mit Eifenstangcn und Messern und mordet sie hin wie das zusanimengclriedene Wild auf' der Hatz - Ter Mord ist hier nicht Miltcl, sondern Selbstzwick. - Tie Stadl bekommt ein höllenarliges Aussehen. Ter blutrünstige Pöbel, diese menschiiche Bestie, johlt in seiner Mordluft, während die unglücklichen Tp-er. dcutichc Rekrut, wer Goethe war, -weftdc» auch wir jeden! jüdischen Torrgcher die gesammelten V-.rke Awad-Haams in die Hand geben. Vorläufig brauchen wffr auch unsere Acriuslen noch nicht in die letzte nie zu stellen. Als Volk im kulturellen Sinne k>rnn nur dcr dem bitterste» Taieinskampie entzogene Mittelstand gelten und diesem wird auch unser ipngster Tokivr einen ganz anständigen stullurgrad nicht'abfprechen.' Run komme ich zum cjgenilichen Thema, zur jüdi-chen Kunst und Wifienschasl. Schönheit n, d Wahrheit sind laiiächlich des Lebens höchste Zierde. Unser Volk ha! diese Ideale, vom Tage der Ab-- schüttelung des ägyptischen Joches ,in inrensivster ' Weiie gepflegt. Tie vom ״hohen Vater"!Ab ram! . aus dcr babylonischen Heimat in Ur׳ kasdim mitgebrachte Verehrung des EI fchadai wurde am Sinai in eine noch heute bewundene Form gebracht und hieran ein musterhaftes Sv'tem geistiger und ma:r rieller stultur geknüpft. Tas war die Pflege.der Wahrheit, die noch heute bestehende (Hundlage der jüdischen Wisfenichasi, die nur nach den neueren Erfahrungen ergänzt werden muß, »m>anr der Höhe der Zeit zu stehen. Unf.r alles Recht, jinsere hygienischeu und sittlichen Vorschriften dedüne» kaum um׳ sangreicher Ergänzungen. Unsere Ethik ist im wirk-' lichen L.ben von keinem Volke erreicht. Wenn wir heute eine spezielle jüdüche Wissenschaft gründen wollten, so kann cs nur eine wich.- fein, die das Godenket der Waisen von Kischinew! ^44642