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Jüdische Volksstimme · 1903-04-15 · 6 (15.4.1903) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
IV (1903)
Issue
6 (15.4.1903)
Date
1903-04-15
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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Nr. «> Jüdisch« Polksstimme Seite 5 ,iNo, da« macht mir doch keine Sorge!" rief Frau Sarah besänstigend aus. ,Bei den paarjSechserln, die wir täglich für uns braschen, wird cs doch nichts ausmachcn, wenn wir drei bis viHr Kreuzer für den Indian ausgeben. Wo vier egen, kann noch immer ein Fünfter satt werden. Und warum ' sollte er sich da bei uns int Zimmer nicht aushalten können?" ״Nu, und hast Du welche Ersparnisse?" sorschte der Gatte halblaut. ,Zwei Gulden habe ich wohl, aber Hamit kann man nckch keinen Indian - kaufen. sagen: Ja, jetzt ist er zu Hause. Er erhob sich von cs ist gleichsam ein Spier, dar wir Gott dringen... seinem «iy und bat um die Erlaubnis, hinauszu-! allenfalls könnte sich aber der Mensch ciir Beispiel gehen. Kaum war die Türe hinter ihm ins Schloß > nehmen... weißt Du denn, was Morgen kommt... gefallen, als er die Arme einbog, sie in die Seiten! weiß man überhaupt etwas?.. . Und was man stemmte und wie ein Reh davonstürmte. Er lies^weiß, heißt das gewußt...? Ter Mensch isr nur über Stock und Stein, wie ein gehetztes Wild. Als! ein Mensch .. er ist in der Hand des Allgewaltigen, er um ein Ecke bog. schlug er mit einem Burschen I wie. nicht zu vergleichen, ein Stofs in der Hand zusammen und beide purzelten der Länge nach hin. ׳ eines Schneiders... will er, macht er einen Rock. Ein jäher Schmerz ergriff ihn! das Bein, doch Joßl will er, macht er eine Hose.... -- ,Mutter." sagte der ältere Sohn, ״ich habe mir einen Gulden erspart und den gebe ich her, wenn Tu uns einen Indian kaufst." ,Und ich steuere Dir auch was 6ei;" rief sich Joßl an. Sprach'« und holte aus der Diese eines Rumpelkastens, der sich in einer Ecke der Stube bcjand, ein altes Z'daakcl (Arba-Kansoth), das er seiner Mangelhaftigkeit wegen nicht mehr, trug, löste den hineingemachtcn Knoten, der mit einem Schaufaden umschlungen war und befreite s» sünsundzwanzig Heller aus ihrem Gefängnis. Mit einer stolzen, aufgeregten Gebcrdc legte er das Kupfer nicht ohne Geklirr auf den Tisch. Alle hielten sich die Seiten vor Lache». ,Woher bast Du das Geld?" fragte der Vater. ,Das sammle ich schon seit einem Jahre. Ich babc cs hei meinem Geschäfte im"Cheder verdient." ,Nu, Sarah, ich gebe Dir auch einen Gulden, jetzt hast Du des Geldes übergenug. Kchls morgen einen Indian!" Eine Helle Freude brach bei den beiden Söhnen au«.• Joßl flog vom Vater zur Mutter, umarmte und küßte sie und schlug auf dem Fußboden einen mächtigen Purzelbaum, was er doch nie in Gegenwart seines Vaters zu tun. pflegte. Auch der Alte hatte seine ungewöhnliche Freude, der er fteilich nach seiner Art keinen Ausdruck verlieh. Sarah aber .strich das auf dem Tische zujammengclegte Geld ein und war nicht wenig stolz daraus, daß sie morgen auf den Markt gehen werde, um einen x Indian zu kaufen. Da cs inzwischen spät wurde, beschleunigten sie die Gebete und begaben sich zur Ruhe. Und sic hatten alle ihre Träume, vom Schmul bis zum Joßl. Und im Mittelpunkte ihrer Träume stand ein großer,^ mächtiger, radschlagcnder Indian. achtete nicht darauf, sondern lief weiter, immer weiter, bis er sein Ziel erreichte. Er riß mit aller Gewalt die Türe aus. Zunächst säh ^cr nichts, denn die Augen versagten ihm vor Aufregung, Dann erblickte er etwas sich Be» wcgendes. Befiedertes und als er gut hinsah, da war cs ein richtiger, leibhaftiger, wirklicher Indian.. . Und dann ruhig ein. schlief er gewöhnlich -sanft und ' Inzwischen näherten sich die Feiertage immer mehr. Man begann zuerst selten und schüchtern, später jedoch immer häufiger und dreister vom Tode des Indians zu sprechen. Joßl, der gehört hatte, daß der ״Kropf" vom Indian die größte Delikatesse Nun schien die Familie erst den richtigen Inhalt ׳ sei, bedang sich denselben bei der Mutter aus. Ta ihres Lebens erhalten zu haben. In ihrer Mitte aber auch der ältere Sohn von diesem Teile haben stand jetzt ein neues Lebewesen und diesem war : wollte und der eine sich durch den anderen bcdrobt alle ihre Sorgfalt gewidmet. Alles drehte sich uttt 1 sah, kam es zwischen beiden zu Tätlichkeiten, denen den Indian, j Jeder erblickte in ihm etwas Neues, in der Regel durch das Tazwischentrcten des Vaters Merkwürdig«, noch nie Gesehenes. Und was die ein Ende bereitet wurde. Hauptsache war, man konnte sich von den Leuten Auch Fräu Sarah hatte bereits ihren fertigen beneiden lassen. ' j Plan. Es stand bei ihr bereits unerschütterlich seit» Dem Indian aber ging es famos. Kaum j wie der Indian zubereitct werden sollte, um.sür alle blickte die Morgenröte durch die niedrigen Scheiben, acht Tage ausgenützt werden zir können. In ihrem da stand Joßl schon bei seinem Liebling und fütterte Geiste zerlegte sic ihn schon unzähligcmale in seine ihn mit Kukuruz; außerdem gab er ihm die Hälfte! einzelnen anatomischen Teste. Jeder Knochen harte seines Frühstückes. . Frau Sarah erfand für ihn j für sie eine Bedeutung. Nichts sollte verloren gehen, täglich neue Leckerbissen. Schmul aber sorgte für. und sic ergötzte sich in-Gedankcn an dem königlichen seine Kurzweile, indem er ihm unbrauchbare Fäden Mahle.... und Stosfabsällc zuwarf, mit denen sich der Indian die Zeit vertrieb. Es kamen täglich immer neue Gäste, entferntere Bekannte und Verwandte der Hauses, um sich das Und als endlich Erew Pessach wurde, nähme» sic. alle wehmütigen Herzens Abschied von ihrem Liebling. Man wollte ihn niemandem anvertrauen, Frau Sarah selbst sollte unter der schützenden Be- Wunder anzuschaucn. Und der Indian ließ alles gleitung Joßls den Indian ins Schlachthaus tragen, über sich ergehen, ließ sich greifen und betasten, I Im letzten Momente aber sagte Joßl ab, da er von Nur manchesmal, wenn ihm die allzu großen Be-!seinen Freunden cingclaücn wurde, an der Verschränkungen seiner persönlichen Freiheit zur Last j brennüng des in der Straße gesammelten Chauuz. fielen, kauerte er sich aus sein in der Ecke der Stube - »cilzunehmen. Sein älterer Bruder mußte ihn vererrichtetes Lager und verteidigte sich mit Schnabel! tretest. und Krallen gegen seine Widersacher.! Und cs trugen Mutter und Sohn abwechiclnd Mit den Hausleuten aber lebte er in größter, den Indian, dessen Gewicht sich beträchtlich ve׳>. Zufriedenheit. Er war der Fünfte beim Mittagstisch,! größer! hatte, seinem Ende entgegen. Sie taten es räsonnicrte nie über das schlechte Essen, pickte die j beide nicht leichten Herzens. Speisen aus der Hand und war mit einem jeden! Und nachmittags lag er bereits cntieclt a>rs gut. Er war im allgemeinen ein stiller Beobachter,! jcincm Lager in der Zimmcreckc mit ausgestrcckieu der seine Meinung über alles zu halten schien, ohne, > Füßen. Joßl trateinen Schritt zurück, als er ihn- Am nächsten Tage in -Gottes Frühe befand^!als ein echter Philosoph, die Notwendigkeit einzuerblickte, es tat ihm im Herzen web, seinen Freund sich Sarah bereits auf dem Markte. Sic feilschte und handelte bei einer Unfahl von Bäuerinnen, bis sic sich endlich entschloß I und um drei Gulden-- einen Indian käuflich erwarb. Obwohl die Last ziemlich schwer war, trug sie sic doch mit Wonne. Sic sah sich, nach allen Seiten um, ob sie wenigstens gesehen werde. Leider begegnete ihr keine einzige bekannte Person in dieser frühen Morgenstunde, deshalb faßte sie auch, als sie bereits in der nächsten Nähe ihrer Wohnung war, den Entschluß, einige Straßen zurückzugehcn, in der Hoffnung, ein be• kanntcs Gesicht zu erwischen. Und als es ihr dennoch nicht gelang und der Indian unruhig zu werden begann, ging sic endgiltig nach Hause. Als Sarah in die Stube trat, saß Schmul bei der Maschine und nähte. Er wußte wohl, wer jetzt cintrat, doch hob er nicht den ,Kops und sah sich nicht um, um סן gewissermaßen die Freude der Erwartung nicht abzukürzcu. Erst als Sarah hart an der Maschine stand, erhob er sich vom Sessel. Sie übergab ihm mit einem stolzen Lächeln ־ den Indian. Schmul bewegte ihn aus und ab in seinen Händen, um das Gewicht zu erraten. Tann blicß er ihm in die Federn, um sich vom Zustande seines Fleisches zu übcrzeuoen. griff ihm in den Kropf und sprach: ״Ein prächtiger Kerl!" Hieraus wurde der Julian, nachdem er seiner Fessel» entledigt worden, aus die Diele gestellt. Er reckte sich, schüttelte den »Si raßcnstaub von seinen Flügeln, streckte den Hals und schlug ein Rad. Schmul hielt sich die Seilen vor Lachen. Frau Sarah sah beglückt auf den neuen Gast. In diesem Augenblicke trat der ältere Sohn ein. Als er des Indians ansichtig wurde, schrie er mit lauter Stimme: ״Bcruch habo!" Joßl aber saß im khedcr und lernte den Wochenabschnitt. Es ging ihm schon lange nicht lo bei von sehen, sie einem anderen mitteilcn zu müssen. Seinem I so regungslos liegen zu!chen. .Es war der eine Freunde Joßl war er besonders anhänglich. Von!Tote, den er in seinem Leben sah. Er trat deshalb diesem lernte er so manches Kunststück, das er'mit leise aus seine» Sohlen aus, ohne eigentlich zu wissen, großer Eleganz aussührte. s warum. Und so kam er, daß Schmul eines Tages alle! Und als Schmul nach Hauic kam, begann die Chcder-Kollegcn Joßls in seiner Stube versammelt Zerlegung. Er sagte cs näuilich ausdrücklich, daß , r fand. Joßl hatte ihnen nämlich schon lange vondabei sein wolle. Sarah ösinete' kunstgerecht den einem Indian fabuliert, der so groß wäre wie ein großen Leib, nahm das Eingeweide heraus, und Kalb und die schönsten Kunststückchen auszuführen I beide staunten über die schöne» und feilen Organe, verstände. Er würde sich sehr gerne mit diesem! Ta ergriff plötzlich Schmul mit einer raschen Indian, ’ den sein Vater auf fabelhaftem Wege er- < Bewegung den Arm seiner Frau und zeigte mir der worben, produzieren, wenn die Freunde ein kleines; anderen Hand auf ein winziges Weizcnkörnchen, das Eintrittsgeld zusammcnbrächtcn. Und als das Sümmsich auf einem Darm befand, chen zusammen war, ließ Joßl seine schaulustigen I Beide erblaßten. Freunde dieses großen Genusses teilhaftig werden.! ״Laufe zum^,Tajcn"-Rechtsgelchrtenl". sag:e * | er mit lautloser Stimme. Wenn auch Schmul durch die ganze Woche- Und sie lief. Atemlos, keuchend,, mit geröteten seine Freude am Indian hatte, so war er doch von; Wangen und zerzausten Haaren. Er schwindelte ihr, seinem Berufe allzusehr in Anspruch genommen und ‘ als sic die Gassen und Gäßchen durchkreuzte, saii abgelcnkt, als daß er seine Aufmerksamkeit so voll '■ versagten ihr die Füße, aber sie achtete aus nichts und ganz dem Indian hätte zuwendcn können, wie'und lies. Endlich, endlich stand sic vor dem greis-u er cs mochte. Dafür I aber holte er am.Samstag! Dajen. _ alles nach. Da fütterte er ihn, trieb mit ihm Scherze ״Rabbi," sagte sie mit vor lrrregung tarmi und tat alles Mögliche, um ihn bei guter Laune verständlicher Stimmc^üsthcl nur, ich habe in meinem zu erhalten. Indian ein Wcizcnkökichcn gefunden " Und da regte ihn oft der Vogel zum Nach- Ter Dajen nahm den Indian, betrachtete genau denken an. Wenn der Indian radichlagcnd. stolz undf die Stelle, auf der dar Weizenkörnchcn 'lag/ und aufgeblasen durch die Stube schritt und Schmul ihm! schüttelte stumm das Haupt, vom Lager aus, aus dem er am Samstag sein ״Wer seid ihr?" , Rachmittagsschiäschen zu erledigen pflegte, zusah,״ ןIch bi» die Frau von Schmul Blitz, deui da dachte er sich: Wie dumm das Tier doch ist!; Schneider." Ta wartete er mit seiner Enticheid»::g Es glaubt schon wirklich alle Glückseligkeiten erreicht' zu, denn hie Leute sind ja arm. Er entnahm dem zu haben, wenn es bei sattem Magen sich ausblähcn l großen Bücherschrank einen. Folianten und Verluste kann. . und dann kommt der Tag, mit einer Handsich in denselben. Ein stiller Mißmut, man könnte bcwczung ist cs hin... keine Spur mehr von seinem fast sagen, ein Gram legte sich in ieine Züge. V»n Dasein... Wie anders, ganz ander« schuf Gott den! Zeit zu Zeit seufzte er aus tiefem Herzen, während Menschen... diese Welt ist ja das reinste Nichts,!die Aermsle keinen Blick von ihm verwandte m:d ' ־» —•--» ~־־■^־ ־■■י •< ׳ ־—:—» --- --- •— Tode Verurteilter des erlösendem schlecht wie heute. Er war ganz einfach rstch: ein Hauch... und das schönste Leben beginnt erst, wie ein zum i der Sache, konnte, so oft cs der ״Behelfe!" wenn dieses Leben zu Ende ist... Uns kann der Wone« harrte während? er so einem armen Ta hob er sei^i greises Haupt und sprach mit > ihm verlangte, den Satz nicht wiederholen und Tod nichts anhaben, ... .. . mußte daher in einemsort mit Rippenstößen oder;Tür alles nimmt, ganz einfach alles... Und vielumflorten Augen da» einzige P-vrt: Kopfstücken vorliebnehmen. Er saß da mit glühen-! leicht sollte man cs auch deshalb nicht löten. . . . den Wangen und leuchtenden Äugen und cs war ׳ Es wird flbet bajü£__fluf! andere Slciie entschädigt, nur ein einziger Gedanke, der ihn beschäftigte: Ist!denn schließlich wird es doch von Menschen gegeben, er schon zu Hause oder ist er noch nicht zu Hause? während wir von Würmern gefressen werden... Als es endlich elf Uhr wurde, mußtc er sich und schließlich ißt man cs doch an Feiertagen,,. ״Trcse." Sic stand; da mit starren Gliedern und rührte sich nicht. i ״Trese," wiederholte der Greis. Sic rührte sich weitet nicht. v i

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