Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- III (1902-1903)
- Issue
- 12 (15.7.1902)
- Date
- 1902-07-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2621806-6375619-6375757--0404-4859918- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
:ift. 12 CliiMirtic Volksstimtne it'uDfm iit international, soweit nämlich anständiges senken und menschlicher Fühlen auch international in' Zweiten« ist die Inschutznahme Stumänien» - geae» die Angtfisfc mit Rücksicht auf die Behandlung her ,!»den eines so schwache und eine jo allen Tat- ( j.iäien widersprechende, das! man er wirklich nicht oersiehen kann, tote ein Blatt wie der ״Börsen- ‘ feint*“ sich,zh derartigen Auslassungen hergibt s Ta« Handwcrkergcjcy, welches sich gegen die! Ärsländer richtet, richtet sich lediglich gcg.cn d>: Juden, von denen Tausende schön seit vielen Jahrzehnten int Lande wohnen; denn Rumänien hat nm eine ganz' geringe Anzahl Ausländer und diese Ausländer beabsichtigt man gar nicht zu treffen. Tritten« ist auch interessant der Passus, welcher i reu der Entwicklung der rumSniichcn Finanzen! iviickii: während Kenner des Lande« nicht jüdischen j 5:ammt« gerade Rumänien aus diesem seinen Ver»! balten ctnel schr schlechte wirtichastlichc Entwicklung! otevhezeten, stellen die Hintermänner des Artikels die Prognose auf eine gute finanzielle Entwicklung^! natiirlich weil sic auch die Prognose aus eine gute Entwicklung ihrer eigenen Finanziransaltioncn stellen mochten. ■ . In derlAbendausgabe vom 2׳. Juni polemisiert nun der ״Börscnkuricr“ IN einem Artikel. ״Tie Agitation gegen die Rumänen“, gegen das ״Berliner Tageblatt“, und gegen die ,Morgenpost“ und will ans etnem Artikel in der ״Revue-des Deut-Mondes " das Ärgernis der Franzosen darüber ersehen, daß Teutschen in Rumänien lan Terrajn gewinnen nnd die Fränzosen verlieren. . 'Wer cs nun nicht glaubt, daß!die .Hetze“ gen Rutnänieis lediglich gemacht ist Und wer nicht ... setts kleine- und großes Geld zstsammcnpackl. n:n dafür nach den Wünschen des Berliner .Börsenlurter“ Rumänen zu lausen, damit die Finanziers t!re PorkefcuilleS etwas erleichtern, dem, ist eben chl zu helfen und wir!vollen im : Interesse der Jnblikums hoffen, daß er recht viele Leute gibt., .:7׳ noch rückständig genug in der Entwicklung sind? int dem ״Börfenkurter' diesen Artikel nicht zu > .i.auben. ' ' ־t. B. i I?־um Problem der jüdischen £1111(1j Lntwicklllng. $on i'aiar( Kelir Pinku -^eyn. Tic Teutschen sind dar Volk der Tichter nnd T eitler. So lehrt uns. die Kulturgeschichlsschreibung.!Rag dieser Ansspruch berechtigt sein oder nicht, i.tensalls will er sagen, daß die Deutschen mehr zu!־lntosophisch-literarischer Produktion' begabt sind. r .doch waren, als andere Völker. Es ist schon ■ ׳: darauf hingewici'en worden — zuletzt von dem eßen Philoiophcndick ter Ri et s che, daß tnerkwur- : ,nriveijc die Juden mit den Deutschen recht viele arakterzüge gemeinsam hätten. Eine, vielleicht die e.-entlichste dieser gemeinschaftlichen Eigenichasten. -- die philosvphisch-litcrartschc Begabung. Daß .- -ei« Veranlagung bei dem jüdischen Volke in hohem! Raße vorhandtu ist, ja, daß sie sogar die äsihelnch- :::iitlerische Kültur bisher säst vollständig unterjocht! u, ist eine allgemein bekannte Tatsache. Interessant!׳!.es nur, zu erforschen, wie eine derartige Ver! luntiiierung der bildnerischen Produklionskrast ckneS( eh-lkes ctnlrcten konnte. .Tu sollst ötr kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt usw.“ lehrt uns die Bibel. Da« sollte der Grund sein, weshalb eine bildnerische Tätigkeit in Israel nicht auskommeu l.'iinic. Über die bildende Kunst war vonscitcu d,r Religion SaS Anathema ausgesprochen. Alles ist -'-!zu angetan, die Folgerung:' ans erwähntem '׳runde hätte eine künstlerisch-ästhetische Kultur bei - -n Jude»! nicht playgreisen können, zu rechtfertigen. Tas goldene Kalb ist die letzte Reminiszenz an die ־!uns! Ägyptens, nach ihm ist nicht viel mehr von Bildhauerei oder gar Malerei zu hören. So mächtig ,sollte ein bloßes Verbot gewirkt haben? Roch immer .'iud Verbote zum gut Teil zu ihrrr Übertretung geschaffen. Wenn also nicht noch rändere Ursachen maßgebend für die Nicht-Entwicklung (gewesen wären, das Verbot allein — und war cs:auch von dem iscnie eines Moses gegeben. — hätte eine'Entfaltung bildnerischer Tätigkeit nicht verhindernVkönnen. Ader natürliche Entwicklungshindcrifissr wagen in Hülle undsFülle vorhanden. In Ägypten, untfiWt Drucke harter, schwerer. Fröhnarbeit, war eine künstlerische Tätigkeit ganz und gar ausgeschlossen. Wissen wir doch genau, daß individuelle Freiheit >>e Minimalbcdingung für künstlerische« Schaffen iit; wie hätte also in einem Sklaven volle die Kunst festen Fuß fassen können! Aber später, als Israel sein Häm hatte, nachdem die Änechtegencration 1 reite S >It vierzigjähriger Wüstcnwanderung ausgestorben, itnd eine neue, leben« und kraftstrotzende an ihre Stelle getreten war? Run, ganz und gar konnte man den Drang zur bildlichen Darstellung auch im jüdischen Volke nicht unterdrücken. Immer und immer hören wir,' dort und da sei ein Bildnis des Baal oder der -lstarte ausgerichtet worden. Jedoch! solcher Abfall vom wahren Gottesglauben — so ifannte man damal« den Urdrang der primitiven Menschen zur konkreten Darstellung des abstrakt Verehrten -— wurde'scharf geahndet, und nur in den Grenzlandcn .wagte sich die bildnerisch religiöse Tätigkeit hin und wieder hervor. Jedoch die Volksindividualität als solche blieb von ihr frei. »Arme Völker neigen mehr zu phi-los oph i sch-1 i terari s cher, reiche Völksi mehr zu kü nst leiiich ästbctischer Kultur.“ Diesen Latz hat unsere moderne GcschichtSphilofo- Phic als-unleugbar richtig erwiesen, in ihm ist auch die Lösung unseres Problems enthalten. Palästina war nach unseren jetzigen und dc"n damaligen Begriffen ein armes Land. Richt arm an materiellen und wirtschaftlichen Gütern. Keincsivegs, wohl aber a.rm an Kulturwertcn. Einen Augenblick muß ich nttch^bei der Erklärung dieses Wertes aufhallen. Kulturwcrtc nenne ich diejenigen Erzcugnisst der Produklionskrast eines Volkes, die es einer dcstimmlen. größeren Anzahl Individuen ermöglichen, chrc Eristcnz aus Kosten anderer zu fristen, ^indem sic selbst an der Erzeugung der eigen!- lichcn Sachgüter unbeteiligt sind. Solche Individuen hervvrzubringcn, war im'Altcrfum nur möglich durch den Sklavenstand. Wo recht- und.besitzlose Sklaven vorhanden waren, die für, ihren Besitzer alle Arbeit verrichteten, dort konnte eine soziale Klasse entstehen, die unbekümmert um wirtichaitlichc Sorgen, sich ganz der Muße eines künstlerischen Lebens hingab. Ein Land, da« eine solche Klasse besaß, war reich. Rur, wo cs einer bestimmten Klasse ermöglicht wurde, unproduktiv > m -streng 'wirtschaftlichen Sinne — zu leben, konnte von einem Reichtum gesprochen werden. , Das war in Griechenland der Fall. Dort konnte sich der Bürger mit Wissenschaft, Politik und bildender Kunst beschäftigen, daheim ersetzte indessen die Wenge der Sklaven seinen Mangel an wirtschaftlicher Produktivität Richt so in Palästina! Wohl gab cs Sklaven auch dort, aber diese waren durch Rechtsnormen in ihren Lebcnsverhältniffcn beschützt, und schließlich winkte ihnen nach dem siebenten Jahre immer die Freiheit. Schon dieser Ümstand allein gab dem Sklavenstaud eine ganz andere Basis als in den übrigen Ländern. Ter Sklave tvar in Juda nicht das recht- und schutzlose Arbeitstier, sondern Mensch — Mensch, in de« Wortes vollster Bedeutung. Hantig. - ja, sogar m c i st e n s. arbeiteten Herr und Knecht gemeinsam, so daß. der Stand der Arbeitsgeber immer am wirtschaftlich produktiven Schaffen aktiv beteiligt blieb. Eine unproduktive. Klasse wurde jedoch auch bei den Juden hervorgebracht. So arm war das Land doch nicht, daß c« ihm nicht möglich gewesen wäre, diesen einen Stand, der ihm durch dar Gesetz aufcrlcgt war, zu ernähren: Tic Priester'und Leviten. Die Hüter des Heiligtums und der Religion Hallen jedoch naturgemäß ein'Interesse daran, jedes, auch nur das gcringsle Gebot der religiösen Satzungen aujrecht zu-erhalten: um wievtrl mehr mußten sic ihre Aufmerksamkeit einem Fundamenlalvcrbot. wie da« Bilderverbot, schenken. -׳ _ In ihrer Mitte war also eine bildnerische Tätigkeit ausgeschlossen. Eine zweite unproduktive Klasse heryorzubringcn, dazu war das Land nicht reich genug. War. doch zudem die gesammtc Rechtsveriassung darauf zugeschnitten, daß Eigentümer von Grund jtn& -Boden und.ArbciiSaebcr gemeinsam mit den Sklaven arbeiteten. Fasse sich zum Schluß alles noch einmal zusammen, so gelangt man auf Grund. dieser Be'- trachtungcn zu folgendem Ergebnis: Die Möglichkeit, eine bildende Kunst zu entwickeln, war!«י Altertum, wie sie es auch jetzt ist. abhängig von der Fähigkeit, eine wirtschaftlich-unproduktive Klasse heroorzubringen. Diese Fähicsteit stand im engsten Zusammenhänge mit der Rechtsnorm unter der die arbeitende Kläffe, d. - j. der Sklavenstaud; lebte. Bei allen Völkern des Nt er rums findet man einen: recht- und schutzlosen, niemals zur Freiheit gelangenden Sklavenstaud als unterste Schicht, des Volkes. Zwei - Stände dienen der Entwicklung der Kunst in philosophisch-literarischer und bildnerischer Hinsicht. In Juda, ttand^ der Sklavcnstand wirtschaftlich und rechtlich eine Stufe höher. Die Menge her wirtschaftlichen Güter reichte daher nicht aus, außer dem Priester- und schriftgclchrtcnständ stoch eine unproduktive Klaffe zu entwickeln. Als dann die Acra des Kapitalismus cinsctzte und mit ihm für die Volker die Möglichkeit > geschaffen wurde, aus neuen Grundlagen eine dildendc Kustst zu entwickeln, da fand diese Zeit Israel in der Zerstreuung. Und wiederum war es ein harter, eiserner Drück, der das Aüskommcn einer jütuschen Kunst verhinderte. Erst in neuester, jüngster Zeit regt sich ein jüdisch-künstlerischer Geist. Sicher-!ich aber wird.die jetzt noch jo zarte Pflanze jubischer Kunst erst zur vollen Enfjattung im eigenen Lande kommen. Rationale Kunst ist abhängig pou dem heimatlichen Boden und drn aus ihm lebenden zugehörigen Menschen. Tie Kunst ist eben nicht nur das jeweilige Produkt ihrer Zeit, sondern sie spiegelt auch im hohen Grade nationale, also Rast'cneigeirschäften wieder. Wenn das religiöse Verbot bildncrtjchcn Schaffens auch im neuen Inda sortbcstehcn sollte, die Entwicklung einer bildnerisch tätigen Kunst wird cS jedoch nicht verhindern könücn, weil ihm die wirtschastitchc Grundlage, die cs allein wirksam machte, fchlekt wird. Vas Schekel-5eS in Bulgarien. In ganz Bulgarien, überall wo eine-'jüdische - Gemeinde crifticrt, wurde diele« Jahr Vas Rationalfest — der Jom Hatchckcl — mit besonderer Feierlich- - keil begangen. Auf Veranlassung deS Landeskomitecs s in Phstippopel halten alle zionistischen Gruppen große 'Vorbereitungen getroffen, um dem Rationalfcstc desonderen Glanz zu geben. In Sofia, dem Zentrum der politischen Lehens Bulgariens, hat der Jom-Haichekcl!den Bulgaren ist dieser Ramc ebenso geläufig und vertraut, wie ein offizieller Feiertag! besonders dtz.Ausmc1ksamkeit aller politischen Organe auf fich gelenkt. Die ziv> . nistüchc Prozession, an welcher suns Vereine teilnahmen-, und zwar: ״Erster Zionsvercin“.- ״Bene Zion“, Damenverein ,Tcborah“, TurnvereinSamson“ und Gesangverein ״David“, stellte.ein seltener Bild dar. De» blau-weißen Fahne mit dem Mögen- David und den sieben-Sternen an der Spitze, folgte die national gesin -tc Gemeinde, ivclchc aus 2000 Menschen stieg, die Rationalhymnc .Hatikwa“ singend, durch die mcnschcnvollcn Boulevards der bulgarischen Hauptstadt. Diese jüdische Maste, Männer. Frauen und Kinder, stellten Israel mit seinen Leiben und Freuden t'n seiner Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft liar. Tic Gg. Karl Herbst, Toiror Jvsttc Calcb, Cohen, kand. zur. Ras Caleb und F^ählcin Horn hielten die Propagandarcden. P h-i l t p p o p e l ist der Sitz de« ziön. Landes komitecs und da« Zentrum der ganzen zionisrischcn Organisation. Dar Fest wurde hier von dem Raddiner der Stadt mit einer nationalen Rede eröffnet.! Mehrere Mitglieder des Landeskomitecs sprachen über die ׳'Bedeutung des Jom-Haichekel'und -die Eni- Wicklung! und Zukunft der zionistischest Organisation. Mehrerc Korrcipondenten bulgarischer unck türkischer Blätter nahmen während des ganzen Tages an den ׳ Feierlichkeiten teil, wtbmetcfi am nächsten Tage ganze Spalten deut Zionismus and sprachen ihre volle Shmpaihic der bulgarischen Lrgani-ation, an deren Spitze Männer von tadellosem Rufe -und angeichener geicllichnstlicher Stellung stehen,' aus. Der Pastor der evangelischen Kirche Herr Pondchow, ein begeisterter christlicher Zionist, deklamierte mit wunder- . barem Pathos ein scldstvertaßtcS Zionslted >n Hutgarischcr. Sprache. Es sprachen Prcsjiad.v :Ho-׳ inan o. Dr. -Rimalowskt, Tr. Maren R v - ma.n o und Advokat Aich er Romano. Jin Samofofi nahmen an' dem ztonisttschcn Feste alle RotabtSt der ktetncn lüstichen Gemeinde uil. Es waren unter anderen bei der Eröffnung der Feier anwesend: der Rabbiner R ab bt M'air Rc hnt o - aras. der Direktor der Schule der .Alliance! Herr B a j i 0 n und andere. Ein gemi'chter Chor, zuiannnengestellt von Mädchen und Knaben d,r beiden Schuten, sang di- Rationcklhnmne. Es iprachen die Herren Leon Arie, Isaak Lt'-wy und Jakob Ha im. In Rikopot wurden an dem Ute“ der Donau zionistische Lieder gesungen,- Dcllamattonen und Reden gehalten. Eine große Zahl Schekel wurden vrxkauit bnd eine größcrf Summe für den Rationalsonds gesammelt. Gg Älkalay hielt die Festrede. ' In Stara-Sagora wurde der Jom Haschckcl als wahrer Feiertag angesehen. Die Mitglieder der beiden( Vereine .Or-Zion“ u,d ״Eipcranza“ entwickeltjen während dieses Tages eine rege Propaganda, infolge deren viele nette Adepten für unsere Sache! gewönne» wurden, und wurde eine bedeutende Summe für den jüdischen Rationalsonds gesammelt. In Dudniya nahm das F«st seinen Anfang mir einem Gebet in der.Synagoge. Herr Jakob Gedenket des jüdischen Nationalfondes!