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Jüdische Volksstimme · 1900-11-01 · 19 (1.11.1900) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
I (1900-1901)
Issue
19 (1.11.1900)
Date
1900-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Xx. 19 . Ei» weiterer Widerspruch zwischen 6er socialistischen Praxis und der jüdischen Wirklichkeit besicht darin, das« die. Iudenheit nicht immer von den socialistischen Parteien in Schutz' -tznommcn wird. Wiewohl das Prineip und. das EndziÄ des Socialismu« keine Rechtsverletzung de«?»dcnvoUc's zulasten, soerpicht sich doch iehr oft aus der Saftif und dem LpporlunirmnS der socialistischen . Parteien ein passive« Verhallen der Iudcnvcrsolgiing "gegenüber, ja sogar eine Vegipistigung derselben So entgegengesetzt die Loeialdemokratic deilk Anti st-mitismu« im Principe und in der Taktik ist, jo sehlt cs doch nicht an politiichcn Momenten, wo die Socialdemokratie sich ob de« Anljscmilisiiius sreut, oder wenigstens seine Bekäinpsung nnterläirt.' Tie potiliichc Gcichichtc der letzten Jahre bietet gar manche Beispiele eines' derartigen Berhaltcns der Socialdemvkraiic. Al« ein Bciipiel ihr viele kan»' '-hier die Stellungnahme der sranzösiichc» Socialiiten gegenüber der Treyiunäffaire nngeinrt werden. So wie der Lpportunismns der SorialdiGvkratje sie. oft in Widerspruch zu . ihren allgemeinen Grund principie» von dem Endziel des Social,smus. der Revolution u. j. w. setzt, io verkennt diese Partei aus Lpporlnnisinus häutig auch ihren abiolnten Gele-chligkeitscharakter in Bezug aus die?udeusrage Erweist!ich aljo vbt1- Anschließung der?!iden an!die ioeialistiichen Parleien in den rvniiiluiionellen Ländern in der Gegenwart für sie nicht so srucht bringend, wie sür die Unterdrückten aller anderen Art. io' doch Noch weniger dort, wo die Juden jlire Gleichberechtigung noch nicht erlangt haben. Tic Mehrzahl der südffckun Nation, welche1« ׳ Russland lebt, beiindel sich unter dem Trucks einer Ausnahiueqeietzqebikiig, welche bis zun, Triuniph des Sveialismus sortbeitehen muis Ta« Märchen von der Gleichberechtigung der Juden in Rnjstand durch ihrcr.Anichließung an die oppositionellen und ioeialiitii'chcn Elcinenke der Landes >i> eine gcsähriichc Utopie, welche nur noch von Schmachkopsen oder Eharlatanen gehegt werde» kann. Wenn die geiamiiite Tppositivn Ruislands eine Eonsfft.ution nach europäischem Muster ichaisen wzrd, io wird dort der Paragraph von der iffleickiderechiigung der.?,»den fehlen. Tenn welche sociale Elasse hat denn gegenwärtig ein?ntcre.ssc a» der Glrichbcrccknigung!,,»!י Juden? Tie Bauern haben das grollte?nleresse daran, dass die?,»den nicht. außerhalb de« Ansiedlungsrayon« kommen sollen, und das« überhaupt die Gesetzgebung den schwächen Baiicr vor dem von der Bermittlung existierenden srcmdcn?,uden schütze Der Mittelstand mui» cbensall« daraus bedacht sein, die Rechte der?uden -nur einzuichränlen, denn jm iffcschässlcbcn irnd k» den sreuen Beruscn in der?,»de iimner ein sehr gefährlicher Concurrent. Lber werden denn e»va die Großdoiirgevisle, das Beamtcnthui». der adelige Großgrundbesitz bestrebt sein, den?,uden überall Thür und Thor zu öffnen? die einzige E lasse, welche sich der Frage der jü. 1 dijchen Gleichberechtigung neutral verhalten wird, ist die Arbeiterclaffc. Diese Elassc kann au« So^i Ich fragte Wolweln, wo sic denn hin wollten. Er zuckte mit den Achseln und erwiderte kurz, ,Ich joeisi?" Er war schon ein richtiger Jargonmensch, der eine Frage immer mit eine Frage beantwortet,?»dessen ich ließ ihn nicht locker, ״Äollt chr vielleicht nach Hamburg, England oder Anicrika " Wieder sei» abwehrcndes: ,Ich weiß?" — ,Habt ihr1 Verwandte irgend wo?“ Er sah mich scheu, von der Seite an' und sagte dann: *?dl. glaub, in. England. Wie?" ״ Ra. wollt ihr den zü euren Verwandten nach England'?"׳ — ,?ch ׳ weiß? Esscher ja'?" ׳ ' Nach der Richtung war also nid)t« zu machen,?ch versuchte ein anderes Thema anzuschneidcn. ,Wo ist den Euer Vater?" Rasch und diesmal ohne Frage gab er zur Antwort, ,Et richt im (Han Eiden." > Wie sicher und genau Wölwel darüber orientiert war! — Ich hätte nun zu gern gewusst, was der kleine Bursch wohl sür Vorstellungen vom Paradiese der Seligen hatte und fragte darum: ,Ist e« denn da schön, iui Gan Eiden." Er lächelte überlegen: .Li, dorten i'r lichtig und schön. A Pracht." ,So" -fbohrte ich weiter — ,woher weißt du denn da«?" Wie er mich jttzt ansah'! Zu drollig: dieses zuerst etwas erstaunte Gesicht, däis sich allMäliß zu einem seinem, spöttischen Lächeln verzog. Ich musste wegen meiner Unwissenheit doch bedenklich in seiner Achtung gefallen sein. ,A Fräg! — Dorten iS lichtig und schön!" Er blickte vor sich. Ein weiche« Lächeln spielte um seine Lippen. ES war nicht mehr Spott.,. E« war Glückjcligkcit. Wunderbare Bilder schienen Vor seinem Auge zu schweben in lustigem Reigen. ׳-» Jüdisch« BoUijtimwt. Seite 3 . daritätsgesühl mit den jüdischen Arbeitern und au» 'ums Dasein und um die Freiheit aus eigene Faust ihrem feindlichen Elasseninsti'nct gegen alle Be-' mit alle» uns zu Gebote stehenden Mitteln führen, sitzenden überhaupt der Emancipation der Juden.'Aber wer etwa« unternimmt, muis Selbstvertrauen wenigstens glcichgillig zusehen. Ein activcS Interbesitzen, ^!ieincm?ch nicht zu vcrzweffoln, »r muss esse an der. Gleichberechtigung hat sie aber nicht, fest daran^slaudcn, dass er.i,st, existiert, und so Es IH11I nicht», dass sic im Hampsc die Emancipation viele tträsle auizubringcn imstande ist, als es die aller NaUyncn proklamiert: Fm Hample würde jede Turchtührung seiner Unternehmung erfordert. Hampst aiiderr Elaste ein solche» Zugeständnis Machen er sür sei» ciqenc«?ch. io muss et unbcdzngt von Lvbald nämlich die?uden ihre Gleichberechtigung der Ei iitenz dieses?chs überzeugt sein, und st> feint, in Russland erlangt haben werden, werden sic ihren Leislmiqsiähigkeit Vertrauen setzen. 'Rur das lcvWffte. proletarische» Eharaklcr xinbüßcn. sie verwandeln ticsempiundcnc Bewuisistin ieincr- Existenz und des sich in einen Mittelstand. ,War sitr ein?,ulercsse damit verbundenen Lebens-und Erl>al»1,gslricbesist har' das ruisiidie Proletariat den jüdischen Pauper», es. bas dem Mcnicheu Stärke und Muth verleiht, diesen Eandidchzm zur Bourgeoisics die Bahä z» dieser und ihm den Hamps ums Dasein aurzusechken Hilst. Wandtpng zusc-nen? . . Fehlt aberha» Eristenzdrwuistiein. io erlahmt jeder?n Ruislgnd, wo die?»den nicht gleichbe Erhaltungstrieb, sinkt die Muth und der dura! die rechtigl sind dürscn sic au,t> bei einem Umsturz dc.r Natur »othwxndiq bedingte Schlacht ist im Vorhinein politüchen Vcrhältniiie ans ihre Emancipation nichl verloren - , l hoffen. Welche neue Elaste dort auch zur Macht Wenn daher das jiidstche Volk zur Eigenhilfe gelangen und eine» Umsturz der Verhältnisse an der 'dciierproblen Waste des Bedrängten, grein, io bahnep mag. io wird ffdu‘6er Gleichberechtigung muis es als Voll, als Einheil.muftiete» und als der?»den nicht siazk intercstiert sein. Tai» den?uden solcher sein Recht iordern Es »iui», um -iigiirlichz die Emancipation ü»s idcaliiliichcm Duicl, aür Prinzu sprechen, auf dem striegsichauplatz als Nation cipienrciierci als ein Gcich>׳nk in den Sdwß sollen mii nationalem Panz-r, mit nationaler Waffe und wird, daran ist ja abiolutnicht zu denken,?n Fahne erscheinen, ivnst hat cs keine Bere-lsiigung. Russland können I die?»den die Emancipation nur diesen .stampi auszunehizien. D-isindische Volk »»»« im so-ialischen Ziikviislsstaat erringen, dis dahin sich ieincr Nationalität .b-wuist werden. Ti-?uden werden Sie unter de!» Truck des Ausiiahuiezitslaiides müsien als Nation denken und als Angehörige elendlich vegetieren müssen.. , einer solchen sich sühlen. jkenn nicht allcsti Sprach Fjir die?udc«, ergicd.t sich ivmii verhaltniffe, -zcmciniames Vaterland, gemeznianie^ das 'traurige -e re ep l 1 o n e l l e R es ul l a 1. Absla»»»1>uq. auch das T - nkc n und das G , i u hldais-iie im Gegeniatz zu allen andern Unter "-machen die Nation z» --hier iolcheil. ,Ter Begriff des druckten" kein .ida m vs »1 it l e l Hatzen, um Volkes ist nicht durch rein obj ec live Merkmale i» der Gegenwart schon ihre Noth' zu iest unigrcnzt, ionder-n er eriordert auchsü b j e e ti oe lindern. Tie-'Rettung aus bei» Elend jucht Empsiudnnq., Mein'Volk sind dicjemgcn. die ich darum der?udc jetzt wie vor -?ahrhunderten in als mein. Volk atiiehe. die ich die Meinen nenne, der Flucht und in der?tolicrung.?m Wefleir delien ich mich verbunden suhle durch' unlösbare suchen die?»den ihre Zuilucht in der gcsellichast. Bande." .,Rüinclin Wir muffen daher »die ichon lichen?iolierung.- im östlichen Europa in der Emiio oft beknieltc, alte und doch immer neue Frage: grätio» nach freien Ländern. Ein tragischer Zug. , Sind Sie?uden eine Nation, und . ukcr Kat die . weht jetzt in?irsels Lager Ter ewige?udc 1ü>»zste judisch-nalionale Bewegung ins L»ben ge' hat wiederum nach dem Wandrrsiabc ruien?" abermals sireffen. Tas Bestreben Ter gegrisscn. Tic Mauern der isthettos cärter. de- Vorläufers Spinozas, wirr es. züm werden wiederum astigerich-lct. ,Hinaus richtigen Vcrständniiie der Tinge zu gelangen. Er an« dem' Lande!" ,Hinein in das Ghetto!" abstrahierte zuerst jede'? Sein und stellte das Nicht: schreien Millionen Zungen dem unglücklickicn?uden sein an deff'en Stelle Erbittert -bb der ung-Mnzu.'Roth u nd E len d, S chmach 11 nd S ch a nLe qenden .stenninis seines Taieins, srug er sich ,׳st sind wiederum fein Schicksal geworden,. wie vor im iicssten?nncrn ieincr jori-h^nlsen Se-!e,?st an?ahrhundertcn Und dieser?animcr ist umso mir auch wirklich clwds Vorhandenes. Enstie snrchtbarcr, als cs von der Erkenntnis seiner natiirrendes. dgs den Nomen. .Sein" verdient-? Woher lichen llnumgänglichkeit begleitet wird. F. i. weiß tch, dais ich in der Thak lebe, enwstnbe. suhle. - mich bewege, Hais ich ultzrhaupi bin? Vielleicht — . , . ״, ( -Pin alle» nur Vorstellum;. eitler Traum? ׳steauäll ürr?lonrsinus una irmr pqairn. von solchen Gedanken ,Mi -1-1<״״->« von ücrarng.r 'innri ivfiftu iJamoolvernichtender Seepns. dämmerte plotzl.ich ein Ei ll lösungsgedanke in seinem?»nein auk,- der ihn won nationale tUiedcrgcdurt. allen ieinen Zweifeln erlöste und ihm die vollkom- ' menste Ilcdcrzeugunq von der realen Eristen: ieines - י htum ftj: ׳*■ , ... , * . i* . , . v , babracntc. Crr erkannt. nch als - oenktnüc- Also Sclbsteniancipalion. Selbsthilfe ioll und Wcicn. und das genügte ihm als Beweis. >ur die muis unsere Losung sei».- Wir müssen den .stampf Eristenz seines Taieins. ,<lo>:!Iy. vnro sinn!' Er träumte mit glänzenden Äugen. Von Licht und Schönheit und Sonne . . ans jener Welt! -Nur manchmal schien cs mir, al« pH sich ihm ein Seuizcr entränge. . Warum wolll? ... Wölwel ׳iaulc allmälig aus »nd deggün nun in sich übcrslnrMden Worten zu e-rzählcn. Von!'einem Vater, der vor wenigen Monaten gestorben, und iein'em Lnkel in England, der ihnen geichricbcn. sic sollten herüber kommen. . Reisegeld und Schiffskarlc hatte er ihnen zwar nicht ^geichickt --- er war selbst ein ärmer Rlann: Eigarettcnmachcr oder Schneider oder was sonst cbc1»--rin armer?udc ist. Sie hatten ihre ganzen Sachen verkauft, die Betten! soaar auch. Und sür die zwanzig Rubel waren sic dis üach Berlin gefahren. ,Und nun?" fragte ich: .Woher werdet ihr das Geld nehmen, um di-nach England zu kommen.?" Er machte: ein paar gleichgiltige Bewegungen mit seiner freien, linken Hand und meinte iorglos, ,?ch weiß?" Und mit Bestiiymthcit sügie er hinzu: ,Gvtt wird schon weiter helffn-»! — — — Enbsich hatten wir unser Ziel, erreicht. Eine düstere,- mattcrleuchtete Straße. Ein paar kleine und schnecunnvehle Häuschcn. ' Und iumiltcn koch und säst feierlich-lag das Asyl, Ich schellte kräftig an der-Glocke, das» c« laut durch da» stille Haus hin tönte. Draußen fegte der Wind durch die Gaffe. Und Zm bunten.Wirbel stressen die Schnckzügc an uns! vorüber wie Gcspcnstcrrcihcn. %_ J Giftet und Wölwel hätten sich aus die stcickernc ' " ' '־V—- ־ ־ ■ Hausichwclle gesetzt. . Ed daucf-te auch recht.lange, bis geöffnet wurde. I Wir iprachcn kein Wort. Tie drei waren »»!de und zerschlagen^ Und ich emviaud etwas wieiAdichiedSichm'erz -. weiß Go«, ich b-ib mich schwer getrennt von diesen Acrmffcn. - -?ch hätte io gernnoch geiprvchen. Ader mir war. als ob eine eilige Hand die Hehle mir zu-, -schürte.'?ch lehnte mich an die Hauspscffle und! ichautk sie wedwütig an. wie.sie da saßen, hcimloie'l Volksgenossen. Hie niemand aus Erden beneidet. + Armic>ige, «crlumpte?udenkindcr. . was wird au« euch werden in-der Freiben? —- - — '?m?nncrn des Hause« wurde eine Thur ge öffnet. Tie drei, gaben mir zum Abschied die Hand, dann gingen sie hinein: Wölwel und Gmel niu frohen stolzen Mienen stlirrend siel da« Tbor ins Schloss. - ״Noch vic» andre Frauen. Mit ihren Hindern ־ U»V morgen ins ebcnio, und überrag auch und immer weitcr — dis an» Ende der Tage?? . . . Ein dunipses Stimmegewirr im Hause,?mimer jerner.?ch köre noch Schritte . . -leiser und lciier, dis jeder Ton ernirbt. Tic Gasflammen im skorridor, die man durch die Glasscheibe über dem Portas ffkdl. stacker» unruhig hin untz her. Allmälig werden - auch ffc rutager. Alle« ist still im Lbdach, da« mitten in der Großstadt und doch einiam wieein Fürffcnichlois in der Höhe daliegt. - Manchmal ist mir«, als hörte ich ha« leite Athmcn der Schlafenden. . . Ld sie auch seufzen? Ein tiefer,, weltcntrückendcr Friede webt um das stille Hau« der Heimatlosen. . . . L -Höldcr Friede .. . -ד? ■ j

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