Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 19 (1890)
- Issue
- N° 27. (3.7.1890)
- Date
- 1890-07-03
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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m Aber seitdem die Juden in den meisten Staaten Bürger geworden sind, wie die Christen, unterliegen sie auch dem Einfluss der Umgebung, in der sie geboren wurden, in der sie leben, ohne es sich dessen bewusst zu werden, nehmen sie die Gewohnheiten und äusseren Gebräuche derselben an; die tiefer in ihrer Religion begründeten Sitten widerstehen länger, aber für viele ist das jüdische Leben nur noch eine poetische Erinnerung wie das Ghetto. Um die alten jüdischen Sitten mit ihrem biblischen Charakter, ihrem naiven Aberglauben, ihren poetischen Legenden und ihrem für das patriarchaliscihe Leben so lebhaften Gefühl wieder zu finden, muss man sie in den Dörferili und kleinen Städten des[ slavischen Ostens, im Elsäss, im östlichen Deutschland, in Oesterreich, Englancj und Spanien, d. h. so ziemlich überall, nur nicht in den grossen Städten des Westens beobachten. In jenen Ländern nun hat Sac-her-Masoch, der berühmte Dichter des ״Vermächtniss Kains“ und vieler anderer, nicht minder origineller und reizvoller Werke, die Studien gemacht, welche ihm seine bekannten ,Jüdischen Geschichten“ ebenso inspirirt haben, wie sein ,Jüdisches Leben in Wort und Bild“, das wir heute der Oeffentlichkeit übergeben. Er hat auf diese Weise eine sehr mannigfaltige Serie kleiner Dichtungen in Prosa geschaffen, voll Phantasie, Kraft und Gluth, voll pikanter Gegensätze, lebensvollem pialoge, oft humoristisch, ja komisch, oft ernst und tief! aber immer von einer unerbittlichen überzeugenden Wahrheit. Die Literaturfreunde wissen, in!welchem hohen Masse Sacher-Masoch es versteht, seinen Entwürfen Leben, Bewegung und Farbe zu geben, von denen man im ersten Augenblick sagen möchte, dass sie auf einer Nadelspitze aufgebaut sind, welche jedoch bald den Eindruck eines 1 weiten Schauplatzes machen, auf dem in einer ganz unerwarteten Weise immer neue Personfen erscheinen, immer neue Situationen sich entwickeln. Sie werden in dem ,Jüdischen Leben“, von der ersten bis zur letzten Zeile, diese glänzenden Eigenschaften des Verfassers wieder finden, seinen humoristischen Geist, seine tiefe Poesie, seine milde, heitere und grossmüthige Philosophie, welche von einem leichten pessimistischen Hauch gestreift wird und ebensogut seinen markigen, lebendigen Styl, veil Frische und Kraft, diesen durchaus eigenthümlichen sehr persönlichen Styl, welcher den Geist des Lesers mit imWr neuen Gedanken und Bildern erfüllt. Wir waren der Ansicht, dass ן der literarische und sittliche Werth dieser herrlichen Lebensbilder uns eine reich illustrirte Prachtausgabe geradezu zur Pflicht mache. Wir haben uns in Folge dessen an jene hervorragenden israelitischen Künstler gewendet, welche dem Publikum als die berufensten Illustratoren des jüdischen Lebens rühmlichst bekannt sind. Wir glauben, dass es unmöglich wäre, den Text >Sacher-Masoch’s mit mehr Geist, Wahrheit und Talent zu interpretiren, als dies durch Gefardin, Alphons Levy, Emil Levy, Heinrich Lev\j, Eduard Loevy, 1 tat" u Heinrich Schlesinger, Vogel und Worms geschehen