Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 12 (1883)
- Issue
- No. 42. (19.10.1883)
- Date
- 1883-10-19
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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and strengen, mit dem Wesen einer heiteren "Gesellig• heit schwer za vereinbaren Charakter annehmen müssen? ־Wir .werden deshalb den Weisen des jüdischen Alterthams noch nach einer Seite ans vorführen müssen, von der aas wir ihn bisher noch nicht betrachtet haben, — nach der Seite seiner Frömmigkeit! — Stellen Sie sich durchaus nicht die Frommen jener alten Zeit als eine stets ernst and düster dreinschanende Gestalt vor, welche die Welt and ihre Freuden verachtet, Frohsinn and Heiterkeit beinahe wie eine Sünde and Missethat verabscheut. Das Land, in welchem, wie die heilige Schrift sich aasdrückt, Milch and Honig flieset, war nicht der Boden für eine weltverachtende Askese. Es hat dort ja allerdings auch Menschen gegeben, welche, in die einsamen Wälder sich zurückziehend, in einem asketischen Leben ihre Befriedigung sachten — aas ihnen hat sich besonders die Sekte der Essäer rekratirt — aber der gesunde Sinn des Volkes hat Bich von diesen, die Frömmigkeit auf die Spitze treibenden Männern abgewandt and ihnen den wenig schmeichelhaften Namen ,fromme Narren“ beigelegt, über deren überfrommes Gebühren die lustigsten Geschichten im Umlaafe waren.* *) Man verlangte allerdings nicht blos Uebung der Religion im Geiste, sondern auch in der Form, Strenge and Gewissenhaftigkeit in der Befolgung aller auch der kleinsten religionsgesetzlichen Bestimmungen, aber m»n hielt darauf, die Gesetze mehr still and ansprachslos in wenig in die Oeflentlichkeit hervor, tretender Weise za üben, alles Prinoncirte and Pointirte, in’s Äuge Fallende, Aufsehen Erregende, Augenverdreherische, Salbungsvolle zu meiden. Jenes grosse Nationalwerk des jüdischen Volkes, in dem nicht blos seine Gesetze niedergelegt sind, sondern aach sein ganzes Volks wesen sich abspiegelt, der schon genannte Talmud warnt recht eindringlich vor gewissen Handlangen, welche den Schein erwecken könnte^ als wollte .man sich mit seiner Frömmigkeit brüsten, sich als Mann von ausserordentlicher Religiosität nach Aussen hin kenntlich machen.**) Solches Verhalten brachte leicht in den Verdacht, einer gewissen Klasse anzugehören, welche man ,Gefärbte“ nannte> vor denen einst der israelitische König Jünnai Alexander auf seinem Todtenbette seine Gjattin mit den Worten gewarnt: ,Fürchte Dich nicht vor den Pharisäern anch nicht vor den Saddacäem, sondern gieb nur Acht auf die Gefärbten, welche die schauerlichsteh Handlungen üben, und dabei auf den höchsten Lohn Anspruch machen,***) — oder für die man auch den Namen hatte ,religiöse Heuchler“, als deren charakteristisches Kennzeichen es angegeben wurde, dass sie, in den Gebetmantel gehüllt und immer in ein frommes Bach blickend, den Schein erweckten, als ob sie nur von Gott und seiner Lehre lebten, dabei aber ihre Frömmigkeit nur als Deckmantel ihrer inneren Schlechtigkeit und Charakterlosigkeit ge- *) Sota 22 b. **> לא כל הרוצה ליטול את השם ימול Berachoth n, 8 טחזי כי־תר־א «ehr häufig. ***> Sota 2 a. a. b. brauchten.-{־) Dass es eine solche Spezies zur Zeit der Entstehung des Christenthums gegeben hat, ist ja aus •den Evangelien des neuen Testamentes bekannt, wo giebt es wohl eine religiöse oder politische Genossenschaft, der sich nicht auch unedle Elemente zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke beimischen! Aber wohl noch schärfer als die christlichen Apostel haben die vielverlästerten jüdischen Talmudisten, in denen Böswilligkeit oder Unkenntniss die personifizirte Werkheiligkeit und Buchstabenfrömmigkeit erblicken wollte, ein solches Gebahren gegeisselt. Das Charakterbild, das sie von diesen unreinen Elementen entwerfen, ist bezeichnend genug nicht blos für diese selbst, sondern auch für die höhere Auffassung derjenigen, die es entworfen' haben, und ich kann es mir deshalb nicht versagen, in ihren Worten die Kategorie wiederzngeben, in welche sie die Frömmelnden und Scheinheiligen getheilt haben. (Forts, folgt.) Ein fast vergessener Sohn Moses Mendelssohns.*) Wie Wenige wissen wohl noch, dass ein Sohn des Philosophen Moses Mendelssohn Techniker gewesen, dass derselbe im Anfang unseres Jahrhunderts der erste vortreffliche Mechanikus in Berlin war, der vorzügliche mathematische,physikalische, astronomische Instrumente gefertigt, die mit den besten englischen und französischen ehrenvoll concurrirten, der der Stifter der seit Jahrzehnten blühenden Polytechnischen Gesellschaft in Berlin gewesen ist! Und doch ist dem vollständig so. Moses Mendelssohn hinterliess bekanntlich sechs Kinder, drei Söhne, Josef, Abraham, Nathan, und drei Töchter, Dorothea, Henriette und Recha. Dorothea, die älteste Tochter, ist durch ihre Ehe mit Veit und nachmals mit dem Romantiker Friedrich Schlegel bekannt geworden. Die jüngere Schwester Henriette, welche Rahel ״das Feinste und Tiefste“ nennt, ״was sie je gekannt1^, blieb unverheirathet und blieb, lange Jahre die Erzieherin der unglücklichen Tochter des Grafen Sebastiani in Paris, die kurz nach ihrer Vermählung mit dem Herzoge von Prasline 1847 von demselben vergiftet wurde. Dorothea und Henriette haben den katholischen Glauben angenommen, erstere convertirte sogar zweimal, erst evangelisch, dann katholisch. Die dritte Tochter, Recha, war dem Glauben, in dem sie geboren, treu geblieben und an einen meoklenburgischen Hofagenten verheirathet. Von den drei Söhnen Moses Mendelssohn’s waren die beiden älteren Joseph und Abraham in Hamburg Kaufleute geworden, siedelten aber während der Drangsale des napoleonisohen Krieges nach Berlin über, wo sie das noch heute blühende Bankhaus ihres Namens gründeten und auch noch anderweitig berühmt geworden sind. Weniger bekannt, wenigstens unserer Generation, oder richtiger, fast vergessen ist dagegen der dritte Sohn des Philosophen, Nathan Mendelssohn. Derselbe, geboren am 8. December 1782, gestorben den 9. Januar 1852, hatte sich der Mechanik gewidmet, aber seine t) חניפי תורה Koheieth 10a. za ושבתי אני ואראה u. 1.11a. אל תתן את פיך, vergL ferner Pesikte sutrati 64. Friedmann III a. לא תשא את שם אל־ לשוא, שלא תהא חפלין נושא וטליתך עוטף והולך ועובר עברות. . *) Obigen daakenswerthen Beitrag zur Geschichte der Mendelssohn sehen Familie veröffentlichtHerr J. Loewenberg in der vorwöchentlichen Sonntagsbeilage zur Vess. Ztg. (No. 469). Wir theilen daraas das ftir unsere Leser Wiasenswerthe mit. (Bed.)