Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 7. (15.2.1882)
- Date
- 1882-02-15
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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es, wenn bei diesem Bedürfnisse, auf die iuneren Angelegenbeiten und Zustände Anderer einzageben, die Verhftltnisse zu ihnen öfter einen leidenschaftlieben Charakter annahmen oder anzunehmen׳ drohten, und Henriette selbst ihr Pflichtgefühl zu Hilfe rufen musste, um ihrer selbst gewiss zu bleiben. Wir begreifen ferner, dass eine solche Frau mehr als andere das Be* dürfniss der Geselligkeit hatte, die ihr noch, überdies durch den Stand ihres Gatten zur Pflicht wurde. Iuj Gesellschaftszimmer Henriettens verkehrte,j? Gelehrte und Schriftsteller der alten und neuen Richtung. Hier traf man Ruinier, Engel, Nikolai, Dohm: im.Hause der Jüdin die Theologen Teller und Zöllner heben Mori^dein Capellmeister Reichardt, dem Bildhauer Schadow. Hier schlossen sich Schleiermacher und Friedrich Schlegel zuerst aneinander an. Ganz ähnliche Schicksale wie Heuriette batte ihre ältere Freundin Dorothea, die Tochter Moses Mendelssohn’s, die Gattin ־Veit’s, dann Friedrich Schlegel’s. Man würde Unrecht thun, diese voreiligen, von .äusseren Rücksichten eingegebenen und wenig Glück bringenden Ehebüadnisse allein dem Judenthume in die 8chuhe zu schieben Neben der Henriette Herz und Dorothea Veit gab es damals in Berlin auch eine Eleonora Grunow, welche im einsamen Hause eines prötestantischen Predigers nicht glücklicher war, , als die Jüdinnen in ihren vielbesuchten Salons. Diese Ehen waren vielmehr nur eine nothwendige Folge des Krämergeistes und der Philisterei, welche die ganze Aufklärnng beherrschten. Zweck und Nutzen wären die Götzen dieser Zeitrichtung, sie haben in der Verbindang des Schriftstellers mit dem Kaufmanne ihren deutlichsten Aufdruck erhalten. Aus diesen Verhältnissen heraus muss man Schlegel’s ״Lucinde“ und Schleiern! acher’8 vertraute Briefe über dieselbe lesen nnd beurtheilen, um ihre vom Standpunkte der höheren Sittlichkeit reinigende Wirkung zu verstehen. Eine glühende Einbildungskraft, ein loidenschaftliches Herz, welches Alles von sich stiess, was ihm missfiel, und Alles an sich riss, was es begehrte, waren das Erbtheil Dorotheens Ganz wie Henriette*würde sie mit fünfzehn Jahren einem ungeliebteo Manne, dem Bankier Simon Veit, vermählt. Sie, die obenan stand, wenn die Freundinnen für irgend einen Helden oder eine Heldin aus den empfindsamen Romanen der Zeit schwärmten^wäre die richtige Frau für Eduard 'ti’Alton gewesen, der sie zuerst geliebt zu haben scheint und der in ihrem Romane ״Florentin“ als Vorbild für den Helden gedient hat. Ein Abenteurer, der einmal unter der polnischen Legion in Italien stand, dann in Frankreich sein Giück suchte, dann wieder nach Amerika ging, der bald hier, bald dort auftauchte, ohne es irgendwo länger auszubalten; ein liebenswürdiger Wilder, wie ihn Friedrich Schlegel nennt, den er an den Sauvage in Roussean's ״Discours sur l'indgalitd“ erinnerte: das wäre der Mann gewesen, wie ihn Dorothea sich vorstellte. Statt dessen fand sie sieh in Veit einem kleinen, hässlichen, in seiner Bildung beschränkten, unfertigen Manne gegenübergestellt, der ihr in Allem als das Gegentheil ihres Ideals und nur als philiströ- 8er Kaufmann erschien. Dass Fraueahäude hier einen bildsamen Geist und ein dankbares Herz gefunden hätteu, welche sich gerne und leicht hätten formen lassen, dass Veit (wie sich später gezeigt hat) nicht ohne Sinn für höhere Bildung war — daran dachte Dorothea jetat so wenig als später, da es sich zeigte, dass Veit weit besser für seine geschiedene Frau zu sorgen verstaud, als Friedrich Schlegel für die, mit welcher er lebte. Auch Dorothea machte dea Versuch, sieh in die Verhältnisse za finden, aber sie war eine beiweitem lei deascha ft höhere, selbstständigere und energischere Natur als Henfiette. Sie hatte allerdings Selbstbeherrschung genug, ihre Unzufriedenheit selbst ihrem Manne zu verhehlen und eiu äusserlich einträchtiges Verhältniss aufrechtzu erhalten. Sie wies den Gedanken einer Trennung, det ihr Henriette nahelegte, hauptsächlich ihrem noch lebender^ Vater zuliebe mit Entschiedenheit ab. Aber ihr leidenschaftliches Herz vermochte die Liebe zu einem Ändern nicht zu unterdrücken; die Resignation war ihre Sache nicht. Friedrich Schlegel, der, je Weniger er selbst innerlich eine Hebenswürdige Natur!war, äusserlich um so liebenswürdiger sein konnte, skichte sie zu gewinnen und gewann sie. Den Schritt, an den Henriette unter einfacheren Verhältni8sen nie gedacht hatte, that Dorothea unter viel schwierigeren; trotzdem ihre Ehe mit zwei Kindern gesegnet war, I entschloss sie sich zur Trennung von ihrem Matme und heirathete bald darauf Friedrich Schlegel, der sie schon vorher durch seine ״Lucinde"‘ dem öffentlichen Scandale preisgegeben hatte. Dorothea war nicht schön, in ihrem Bilde ist fast kein weiblicher Zug zu finden. Die scharf markirten Züge, das energisch hervortretende Kinn, die festgeschlossenen harten Lippen wirken beinahe unangenehm. Wie Dorotheens’ gluthvolle Phantasie, die ausduldende Liebe, die sie [zu Schlegel bewahrt hat, uns an das Erbtheil ihres Siamtnes erinnern, so macht sich auch in ihrem Aeussern der jüdische Typus in scharfer Ausprägung bemerkbar. Noch weit mehr hat bekanntlich die bewegliche, leidenschaftliche Rahel Levin, die spätere Frau Varnhagen’s von den Eigenschaften ihres Volkes. Es ist nicht nöthig, die oft besprochene Frau hier nochmals zu besprechen. Sie hat in der Zeit, von der w*r reden, noch nicht ihre eigentümliche Physiognomie erhalllen. Sie herrscht erst in den literarisqhen Salons, die sich nach der Ienenser Schlacht und den Befreiungskriegen nicht mehr überwiegend aus Schriftstellern, sondern aus Mitgliedern des höheren Beamtenstandes und der eben im Werden begriffenen Berliner Universität bildeten. Wie sehr aber damals die Berliner Gesellschaft durch die Judenfrage bereits zerklüftet war, tyeweist deutlich die Affaire zwischen Achim v. Arnim und Moritz Itzig, welche Varnhagen in seinen vermischtet! Schriften aus dem Jahre 1811 erzählt. Das religiöse Bewusstsein der Menschheit im Stufengang seiner Entwicklung. 1 (Fortsetzung.) Eine gleiche Blosse wie mit den eben beurtheilten Behauptungen gibt sich H. mit der Aufstellung, auch das Verbot des Kälber- und Bilderdienstes sei erst in der Josijanischen Zeit entstanden. Er betrachtet den Thierdienst, wie überhaupt die zoomorphische Gottes- Verehrung als einea Fortschritt, der auf eine frü* here bildlose, amorphe, durch egyplische Anregung bei den Israeliten [gefolgt ist und bis zur Josijanischen Zeit sich behauptet hat. Man denke, von einer bildlosen Götterverehrung zur egyptischen Anbetung von Ratten und Mäusen sei ein Fortschritt! Aber sehen wir ihm diese Grille nach. Womit begründet H. die Behauptung, dass die Erzählung vom goldenen Kalbe in Exodus eine spätere Fiction sei? Damit, dass die Propheten von diesem Ereigniss nichts erwähnen. Allein Deateron. 9,12 erwähnt es, und Jerem. 15,1 hat offenbar den für sein Wegen des Kälberdienstes verartbeiltes Volk flehenden MGseh im Auge. Ausserdem gehören die uns erhalt enen Prophetenbücher zumeist der Zeit an, in welcher bereits der Baalsdienst die Hauptrolle spielte. ,Dass diese Reaction" (Losreissung der Nordstämme vom Hause David), sagt H. ,die