Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 7. (15.2.1882)
- Date
- 1882-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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X©. 7 Jahrg. XI. Da» Id. Zn Beleaektaag aller JadentkaM and Jaden betreffenden Uterarlaeh. Ernehefnan^ea aaf dem Gebiete der PhUoiophle, 6ekekiekte^tkn0Krapfcie,TkeoIogtc,OrieatalU, Exegeee, Homlletlk, Liturgik, Pädagogik. Hera asge״eben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. —ז-י ■1 1• •<— Mafdebarg! IS. Februar 188S. r 1 ץ־ Bfieker der elaaekUglffea LI• teratar, weleke der Bedaetloa ן angeaaadt werden, fndea ln dieaemBlatte elagek-Beapreeknaff. BelElnaendnnff von a w e l Beeenalonsexemplaren erfolgt 1 anck Erwähn. L d.WaeheHekr. I p* *® »»«®Baiffelte Llleratarblall“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Ba0hbudlU|Ml 0» Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang:811k. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährl. bei allen Postanstalten nnd Bncbbandlnngen 8 kk. kostet) erbalten das ״Jüdische Literaturblatt* gratis. — li» ■ernte werden mit 85 PC für die drei gespaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenommen durch die Ceutral-Annoncen-Expedition von G. X*. Dubff * fo., Frankfurt a. M., Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inbnlti Wissenschaftliche Aufsätze: Historisches zur Berliner Judenfrage. Von J. Minor in Wien. — Das religiöse Bewusstsein der Menschheit im Stufengang seiner Entwicklung. (Forts.) Li teraturb erich l : Recensionen: Löw, Immanuel.1 Aramäische Pflanzennamen. (Schluss.) — Rülf, Dr. J. Drei Tage in Jüdisch Russland. Bin Cultur- und Sittenbild. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Historisches zur Berliner Jude 11 frage. Von J. Minor, Docent der deutschen Sprache undj Literatur an der Universität in Wien. j (Schluss.) Henriette Herz, Doroihea Veit undRahel Lev i n : das sind die drei jüdischen Frauen, Welchen die Schöpfung des Berliner Conver8ationstones| mit Recht zugeschrieben wird. In der Zeit, welche wir hier betrachten, in den letzten Jahf'en des vorigen und in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts, war Henriette Herz die Beherrscherin der Berliner Salons!. So ähnlieh diese Frauen in ihrer gesellschaftlichen Stellung und in ihten Schicksalen waren, so bedeutend unterscheiden! sie sich doch innerlich von einander. Sie waren eben ansgebildete, volle, ganze Persönlichkeiten. Henriette Herz (geboren am 5. Sepliember 1764) stammt väterlicherseits von portügiesischejn Juden ab, ihr!Vater galt als der erste jüdische Arzt in Berlin. Sie galt frühe als das schöne Judenkind, ,1welches bei allen religiösen und bürgerlichen Cerenjionien ihrer Glaubensgenossen eine Rolle zu spielen hatte, und sie wurde noch als Greisin wegen ihrer Schönheit bewundert. Mit 12*/, Jahren hatte man sie mit 1Marcus Herz verlobt; mit einem vielheschättigten praktischen Arzte, geachteten philosophischen Schriftsteller, der noch in Königsberg zu den Füssen Kant's gesessen hatte und für einen der geistreichsten Männer Berlins galt, wenn auch sein scharfer heissender Witz keine zartere Schonung kannte. Herz war fünfzehn Jahre Alter als Henriette, also mehr als doppelt 60 alt; er vfar klein und hässlich. Erst später vergase Henriette über dem geistreichen Ausdrucke seines Gesichtes, Uber den sprechenden Augen seine Hässlichkeit; damals sah sie nur, dass er wenig von den Liebhabern der Romane an sich hatte, welche ihr die einzige damalige Leihbibliothek von Berlin lieferte, und die ihrem reizbaren Ge• müthe um so besser gefielen, je empfindsamer und schwärmerischer sie waren. Sie kannte ihren Verlob• ten nicht einmal; sie wusste nicht mehr , von ihm, als dass er Arzt and Gelehrter war. Ihr Vater hatte sie einfach gefragt: ״Wen möchtest da lieber heirathen, einen Doctor oder einen Rabbiner?“.— und 9ie wählte sich den Doctor. Der reife. Mann behandelte sie natürlich als Kind-! sie musste zu seinem Vergnügen neben ihm sitzen und sich .langweilen, wenn er Kärlen spielte. Auf einen unglücklichen Brautstand folgt selten eine bessere Ehe. Zwar liess sich Herz, als Henriette mit fünfzehn Jahren seine Frau geworden war. die Bildung ihres Geistes sehr angelegen sein. Henriette hatte Sinn für alles Wissenschaftlichd; in einigen Disciplinen sah sie sich wenigstens einigermaassen um, die anderen, besonders Phy9ik und( mä* derne Sprachen, trieb sie so ernstlich, dass sie den Ruf hatte, gelehrt zu sein, ohne dass sie es doch eigenjt• lieh war. Aber, schon auf dem Gebiete der schönen Literatur trat der jUeterschied beider Gatten deutlich hervor. Die mit lebhafter Phantasie und einem empfänglichen Gemüt! begabte junge Frau war eint Ver* ehrerin der. Goethe’schen Dichtung; der Mann sab n Lessing den Gipfel :der poetischen Kunst erreicht, hatte für Goethe's Dichtung nur überlegenen Spott und blidb bei den! Goethe’sChen Verse ״kühl bis ans Herz hinan* kopfschüttelnd und fühllos slehen. Noch mehr wirf ihm später in der Romantik Alles unwahr und unver* stündlich, die Mystik Hardenberg’s sogar verhasst( Hep* riette täuschte sich nicht, dass ein solcher Mann auch die Liebe, wie sje dieselbe im Herzen trug, nie« kannte, dass die Ehe ihrem Manne nicht den Mitteilpunkt seines Seins bildete, wie sie wohl hätte verlahgen dürfen. Gar oft wurden ja die Aeusserungen ihrer Zärtlichkeit gleich Kindereien zurückgewiesen( Sje war gleich, ihrem Freunde Schleiermacher eine resi£- nirende Natur: sie nahm das Glück, das ihr geboten war, dankbar entgegen, und wusste das, was ihr, fehlte, zu verschmerzen. So konnte sie nach dem Todfe ihres Mannes auf ihre Ehe als ein glückliches Verhältnis», wenn auch nicht auf eine eigentlich glückliche• Ehe zurückblicken; sie durfte sich das Zeuguiss ausstellen, dass ihr Mann durch sie so glücklich geworden sei, als er ek überhaupt durch eine Frau werden konnte. Ein Gefühl der Unbefriedigung, eine Sehnsucht nach einer ihr entsprechenden ׳Wirksamkeit hat sie!freilich niemals unterdrücken können. Ihiem Manne konnte sie wenig sein, Kinder hatte sie keine; Henriette aber besass die Gabe, ja sie hatte das Bedilrfniss, nicht nur auf den Verstand, Sondern auch auf d^ Gem&th An* derer zu wirken, Schleiermacher nennt sie die Fruchtbare, Vielwirkende, eine wahre Ceres für diä innere Natar; ihm blieb auch das Zuviel dieser Eigenschaft, das Menschen Hü ten- und Regieren wollen, nicht unbemerkt. Henriettens Schönheit, die nicht ganz ohae Koketterie war, zog viele Männer an; wir begreifen