Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No. 32. (6.8.1879)
- Date
- 1879-08-06
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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■ den Christen den Staar stechen; das war eine schwere Aufgabe. Ein^ Darstellung der wichtigsten Momente aus seinem Leben wird uns darüber aufklären, wi£ er sie erfüllt hat. ן Moses Mendelssohn ist am 6. September 1729 in Dessau geboren; in ein und demselben Jahre ist das treue Freundespaar Lessing und Mendelssohn, sind die , beiden Führer der deutschen Aufklärungsperiode zur Welt gekommen. Den Namen Mendelssohn hat er wohl erst später als Schriftsteller angenommen, da damals;י' die Juden gewöhnlich keine Stammnamen geführt haben. י. Seine Freunde!nannten ihn schlechtweg Moses, und so hat er auch seine Briefe unterzeichnet. Von seinem Vater, der als Abschreiber des Pentateuch seinen Un• terhalt gewann lernte er eine gewandte Handschrift^ und dieser hat er später grösstentheils seinen Unterhalt den er durch Buchhalterdienste sich erwarb, zu rerdanken; ausserdem gewann er bei diesem die Kenntniss der heiligen Schrift. Sein Leben war karg und ärmlich, wir besitzen nur wenige Notizen Uber seine erste Jugendzeit; wie sollte es auch anders sein, da von seinen Zeitgenossen in Dessau wohl keiner des schwächlichen Knaben achtete und dessen kleine Erlebnisse sich merkte; und als die Glorie des Ruhmes um seinen Namen strahlte, da war es zu spät, diese Lucke 'auszufüllen. Wahrscheinlich studirte er fleissig Talmud unter der Leitung des Dessauer Rabbinen Namens David Fränkel. Ein glücklicher Zufall führte dem jungen Mose hier einen Lehrer zu, der, wie seine Schüler bezeugen, von der oben gezeichneten sophistischen Methode־im Allgemeinen sich fern hielt und seinen Schülern gesunde Kost reichte, wenn er auch-die dialektische Methode nicht, vernachlässigt hat. Aber Moses Mendelssohn sollte noch ferner vom Glücke begünstigt werden. Dieser war gerade in das Alter getreten, wo die jüdischen Knaben, welche sich dem Talmudstudium widmeten, in die Fremde nach den grossen Gemeinden geschickt werden, uin dort unter der Aegide grosser Lehrer sich fortzubilden. Mendelssohn war gerade in das vierzehnte Lebensjahr getreten, als sein Lehrer einen Ruf nach Berlin bekam; für diesen war es am Ende gleichgültig, welche der grösseren Gemeinden ihr Augenmerk auf ihn lenkte; er hätte in jeder andern nicht minder einen passenden Wirkungskreis gefunden; aber für Mendelssohn’s spätere Entwicklung war das nicht ganz gleichgültig; er, entschlossen, dem verehrten Lehrer überallhin zu folgen, hätte wohl an eineny anderen Orte die geistige Anregung nicht erhalten. welche Berlin,- die Residenzstadt des Philosophenkönigs, bot; die Tafelrunde von Gelehrten, welche der . König von־Preussen um sich versammelt, gab dem Ge- ׳•_dankenleben einen frischen Schwung; und der freie Geist, ־ der dort herrschte, drang selbst in die dankten Lehr- Stätten der Talmudjünger. Nur. in Berlin konnte Mendelssohn: za dem tüchtigen Denker, zu dem grossen Reformator reifen: dort waren die Nikolai, Abt, Lessing, __ Teller, Raznler, welche vorartheilsfrei auch dem Jaden An* ^fbhluas und Verkehr gestatteten; dort aach waren, wen!( I ־ *--,‘,-t --- -»l.U. _:_< freilich nur sporadisch, einige Juden, welche wissest schaftliche Bildung besassen; in jedem anderen Orte wäre M. wahrscheinlich ein grosser Talmudist geworden, und der engere Kreis seiner Vertrauten hätte vielleicht hin und wieder den Tiefsinn seiner Ideen bewundert, aber seine weltgeschichtliche Mission hätte er kaum erfüllt; an solch düunen Zwirnfaden hängt oft das Schicksal selbst grosser Männer. Freilich die Art und Weise seines Einzuges in die preussische Hauptstadt liess die Vermuthung nicht aufkommen, dass hier ein Akt von geschichtlicher Tragweite sich vollziehe. Durch das Rosenthaler Thor, das einzige, welches Juden benutzen durften, zog der ärmliche Knabe und erhielt Einlass, da er auf den vielgefeierten Rabbi sich berief und sich als dessen Schüler bezeichnete. In Berlin wurde sein Geist zuvörderst durch hebräische Schriften für philosophische Untkrsuchungen geweckt; nicht Leibnitz und Wolf, sondern Maiinonides war sein erster Lehrer in der Philosophie. Wie Spinoza kam er mit einer ausgebildeten philosophisehen Weltanschauung an die Lektüre der modernen Denker. In Berlin empfand er lebhaft den Mangel an deutscher Bildung, und mit Hülfe einiger Freunde, die er durch seinen Lerneifer und seine Bescheidenheit erworben hatte, machte er rasch gute Fortschritte. Genaueres wissen wir über seinen Bildungsgang nicht, es sei denn das Eine, dass er nie Schulen und Universitäten besucht, also nie normalen Unterricht genossen hat. Schon im Jahre 1750 war er entwickelt genug, um selbst lehren zu können; und der Seidenwaarenfabrikant Bernhard nahm ihn als den Lehrer seiner Kinder in sein Haus. Jetzt hatte die irdische Notli, die Sorge um das tägliche Brod, bei Mendelssohn einj Ende, und er konnte den Arbeiten, welche die Lust seiner Seele bilde ten, sich freier zuwenden. Zuerst wollte er durch eine hebräische Zeitschrift für die Hebung seiner Glaubensgenossen wirken; aber es erschienen nur zwei Nummern, die Theilnahmlosigkeit dej6 Volkes und mehr noch das Uebelwollen der Rabbinen vernichteten das neue Unternehmen im Entstehen. Gegen grössere Unbill, welche die Orthodoxen gegen ihn planten, da er in Berlin nicht ansässig war und nur als Diener des Bernhard sich dort aufhalten durfte, schützte ihn dieser Mann, dem in der Biographie Mendelssohns eine besonders ehrende Erwähnung gebührt. In kurzer Frist hatte er alte und neue Sprachen erlernt, und seine schöne Handschrift sicherte üim eine dauernde Existenz, indem ihn Bernhard in seinem Geschäfte als Correspondenten und Buchhalter anstellte. Das war im Jahre 1754. Aber nicht nur seine irdische Existenz, auch seine geistige wurde in diesem Jahre dauernd gegründet. Er lernte Lessing kennen und fand an ihm den wärmsten Freund, den verständigsten Führer, der zumal seinen Sinn für das Aesthetisch-8chöne öffnete und ihm den Weg in die Oeffentlichkeit bahnte. Das Schachspiel hatte diese Männer zusammengeführt, aber bald waren sie verknüpft durch, die ernstesten Interessen des Herzens und des Geistes; und wie die klaasisehe Periode unserer Dichtung durch das Doppelgestira Göthe und Schiller aagekün-