Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No. 32. (6.8.1879)
- Date
- 1879-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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X«. 3*. Das Jahrg. VIU. Jüdische Literaturblatt. Znr Beleuchtung aller Jaden• thnm and Jaden betreffenden literarisch. Erscheinungen anf dem Gebiete der Philosophie. Geschichte, Ethnographie,Theologie.Orientalia, Exegese, Ho* miletik, Liturgik, Pädagogik. J־ ו Herausgegeben ן!ו Rabbiner Dr. Moritz Rnhuier. Maifdebnr{;, O. Anjfust lHT'Q. Bücher der eluchlägig•■ LI• tenitar, welche der Bedacttoa zageundt werde«, •■de« 1■ diesem Blztte e!■geh.Besprach-. ang. Bel Eiaseadaag ro« zwei ReeeD.loasexewplzre« erfblgt »ach Erwähn. 1. d.Woehenschr. Das ,,JQdlsrhe Llternlurblntt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Bochhandlanpei (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jah rg an g: $ Uk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift* (die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten (las ״Jüdische Literaturblau“ gratis. — Inserate werden mit SO PL für die drei gespaltene Petitzeile, buchh&ndlerische Beilagen mit 13 Mark berechnet. Die Expedition der ״Israelitische 1 Wochenschrift“ Inhalt! Wissenschaftliche Aufsätze: Mosen Mende^s'ohn. — Jesus und Hillel. Liiteraturbericht: Recensionen: 1 Rabbinowirz, Dr S. M., Legislation civile flu Talmud, Nouveau comentaire et traduction critique dii Traite Baba kama. — —, Legislation civile etc. . . . Traite feiaba Metzia. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Moses Mendelssohn. (Fortsetzung.) j Aus Polen kam die Parole für tjiie gesammtc Judenheit; die Rabbinen, die Lehrer der llugend, sie kamen sämmtlich aus diesem Lande; sie zeichneten sich durch einen glänzenden Scharfsinn, durch gewandte Dialektik aus, und in den grossen Talmudtou^-nieren gewannen sie den Preis durch die elegante Handhabung der dialektischen Formen. Die Sieger wussljen wohl, dass sie filr unwahre, in sich hohle und haliliose Behauptungen gefochten hatten; aber welch ein Lob für ihre Streitkunst, dass sie auch da gewannen, wb sie die Wahrheit zu ihrem Widerpart hatten. Solchej eristische׳ Kunststücke waren die Kost der Jugend, \|raren das Geschäft des Alters; nur einige mieden die allgemeine Heerstrasse, die meisten suchten ihre Triumph^ darin, die Dinge auf den Kopf zu־ stellen und zu beweisen, dass sie auf den Füssen stehen. j Der Talmud war der Boden dipser Fechtübungen; aber nur Unkundige sind der Meinung, dass auf diesem Boden eine andere Kainpfesart nicht! möglich sei; nein, gerade die bewährten Meister desj Fachs hatten den härtesten Tadel für diese Methode;j jedoch da dieses Spiel dem Verstände eine interessante Unterhaltung bot, so genügte selbst der Widerspruch dier Autoritäten nicht, um diesen logischen Purzelböcke^i Einhalt zu thun. Erwägen wir nun, dass jeder begabte Jüngling unter den polnischen und deutschen Juden Talmud studirte und zwar in dieser Weise studirte, 60 können wir uns wohl denken, dass der Geisteszustand dieser Bevblkerung ein ganz eigenartiger >irar. Da glich der Verstand einer ganz vor trefflichen Mühle, die'aber alltäglich sich nur an Sand und Kieselsteinen erprobte. Eine unendliche Arbeit, die die gjinze Spannkraft des׳ Geistes in Anspruch nahm, aber es kam nichts dabei heraus; die völlige Unfruchtbarkeit .dieser Studien wai^ zwar den Meisten nicht klar, sie glaubten ein^ frommes Werk mit diesem geistigen Seilianz zu vollftthren, aber gerade auf den Besten und Strebsamsten lag es wie ein drückender Alp, dass ihr Geist nicht reicher wurde bei aller Arbeit. Ausserdem lag die hergebrachte Ordnung und Sitte des Lebens wie eine Fessel, wie ein eisernes Joeh auf dem jüdischen Stamme; selbst die geringste Abweichung von dem Herkommen war verdächtig; wer nur sich anders kleidete, als die Väter thaten; galt schoa als abtrünnig; selbst in Berlin unter dem Regiment des grossen Friedrich ereigneten sich die wundersamsten Dinge; ein Jude hatte daselbst das Attentat begangen, sich den Bart abzuschneiden; die Gemeinde bot allen Einfluss auf, um einen königlichen Befehl zu erwirken, dass dieser furchtbare Mensch sich den Bart wieder müsse wachsen 'lassen. Der Stammvater des Hauses Bleichröder kaui als vierzehnjähriger Knabe nach Berlin und schloss sich an den damals siebzehnjährigen Mendelssohn an; da bat ihn dieser, er möchte ihm doch ein deutsches Buch holen. Aber der junge Knabe wird mit dem deutschen Buche in der Hand von dem jüdischen Armenverweser ertappt; und dieses Kapitalverbrechen, genügte, um den Knaben aus der Stadt zu jagen. Keine Fürbitte ,konnte dieses strenge Unheil mildern. Schon die Beschäftigung mit hebräischer Grammatik. galt als sündhaft, weil sie von» Talmudstudium abziehe, und sodann weil die Fanatiker instinktiv die rechte Erkennt niss hatten, dass eine /klare Kunde der heiligen Schrift nach ihrem Wortsinu vielen sophistischen und׳ mystischen Deuteleien den/Boden entziehe. Welche.Corruption ■Also des Geisteslebens, als Men*, delssohn in die Arena trat. Es galt einen Augiasstall V ק anfzuräumen, ' und dieser schwächliche verwachsene. Mann sollte der Herkulessein, der das vermöchte? Aber■ eii musste ja: noch, mehr leisten; er musste auch noch die Vorurtheile der Christen aus dem Wege räumen; er musste die Ehrlichen unter den׳ Gegnern gewinnen, die) Unehrlichen zum Schweigen bringen, und‘ die öffentliche Meinung, in welcher der Judenhass tief: würzelte, völlig umkehren; er musste den Juden uad. I * .י' 1