Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 710 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794838-6353489-6353513--0167-4794995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
7 < § Sette 710. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. dabei um Ergänzungswahlen für verschiedene Verwaltungskommissionen, nämlich für die Fürsorgekommission, die Beerdigungsanstalt und die Einschätzungskommission. Bei dieser Gelegenheit stellte cs Herr Martin Simon zur Erwägung anheim, ob inan nicht in Zukunft für alle derartigen Fälle ein für alle Mal eine Kommission einsetzen solle, damit in derselben die vorgeschlagenen Personen in Bezug auf ihre Fähigkeit und Tüchtigkeit einer eingehenderen Prüfung unterzogen werden könnten. So wie heute die Dinge liegen, müsse man in den meisten Fällen einfach für die vorgeschlagenen Kandidaten stimmen, ohne sie nach der angegebenen Richtung hin näher zu kennen, lieber diesen Vorschlag entstand eine längere Diskussion; von verschiedenen Seiten wurde ersucht, doch für heute von einer Wahl Abstand zu nehmen aus den soeben angeführten Gründen. Der Vorstand bat jedoch, die Sache durch derartige Vorschläge nicht noch komplizierter zu gestalten, namentlich für die Einschätzungskommission sei eine Neuwahl dringend notwendig, da sehr bald die Reklamationen einliefcn und erledigt werden müßten. Es wurden alsdann gewählt in die Fürsorgekommission die Herren Di. moä. Grabower und M. Philippsohn, in die Einschätzungskommission Herr Bioritz Rosenow, in die BeerdigungskommissionHerrMoritzMilchner. Einigermaßen erheiternd wirkte eine Bemerkung vom Vorstandstische, wie gerade indieBeerdigungskommission die Leute so ungern sich hineinwühlen ließen. Nunmehr standen einige Abänderungen des Gemeindestatuts zur Beschlußfassung und zwar die Paragraphen 16, 20, 01 und 09. Wie aus dem Referat des Herrn Justizrats I)r. Tiktin hervorgeht, geschieht dies auf Veranlassung des Herrn Oberpräsidenten und zwar laufen diese Abänderungen im Wesentlichen daraus hinaus, daß in Zukunft die Stellvertreter auf ein Jahr, und nicht wie bisher auf drei Jahre gewählt werden sollen und daß ferner diese Stellvertreter nicht mehr zur Ausübung von Funktioneil in der Gemeindeverwaltung herangezogen werden dürfen, da letzteres nach Ansicht des Herrn Oberpräsidenten sogar gesetzlich unstatthaft sei. Der Vorstand hat sich diesen Anordnungen wohl oder übel fügen müssen, auch die Kommission hat sich dem angeschlossen und schlägt nur unwesentliche Aenderungen formeller und redaktioneller Natur vor. Nach ziemlich ausgiebiger Debatte werden sämtliche Abänderungsvorschläge mit Stimmenmehrheit gutgeheißen und endlich in einer Schlußabstimmung das ganze auf diese Weise umgestaltete Statut der Gemeinde. :jk ijr Keine Repräsentantensitzung ohne eine Diskussion über die Waisenkommission! In der That ist diese zum ständigen Refrain geworden und je mein und je öfter diese Frage aufgerollt wird, desto greller und klaffender treten die Meinungsverschiedenheiten, ja man kann sogar füglich behaupten, die vollständig von einander abweichenden Gedankenwelten zu Tage. Die Waisenkommission kann mit ihren 'Mitteln nicht auskommen, das ist bekannt, sie muß ihren Etat erheblich überschreiten, weil sie, etwas unmodern vielleicht, abei doch nicht unjüdisch, bei der Erfüllung ihrer Aufgaben nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz zu Rate zieht, und sie muß es sich dann gefallen lassen, daß der Generalgewaltige des Vorstandes in seiner bekannten, von uns oft genug charakterisierten Weise ihr derb die Leviten liest. Ueberzeugt ist bei diesen oftmaligen Diskussionen bis jetzt keiner der beiden sich gegenüberstehenden Faktoren. Für dieses Mal hat der Vorstand ein besonderes ÄUtelchen erfunden, um der wider den Stachel lötenden Waisenkommission eins auszuwischen, er will es zur Abwechslung einmal versuchen mit Zuckerbrot und Pnitsche. Nämlich er will der Kommission für das laufende Etatsjahr ein Mehr von 6000 Mrk. bewilligen, gleichzeitig aber eine gemischte Deputation einsetzen, um in und vermittelst derselben die Grundsätze der Waisenverwaltung einer Prüfung zu unterziehen. Merkwürdig, daß das Schriftstück des Vorstandes nur von zweien seiner Mitglieder unterzeichnet war, noch merkwürdiger, daß das gesamte Kollegium grade über diesen Punkt mit wohlwollendem Stillschweigen hinwegging, eigentümlich, daß die Mehrheit der Kommission anscheinend garnicht die Absicht des Vorstandes merkte und darob verstimmt wurde. Deun Herr Louis Sachs, der als Referent fungierte, empfahl die Annahme des Antrages, wenn er auch nicht gewillt mar, einen ganz unverblümten „Rüffel" des Vorstandes ruhig hinzunehmen, daß nämlich nicht die Not der Verhältnisse, sondern die Prinzipien der Waisenverwaltung die Schuld trügen an den gesteigerten Ausgaben. Verschiedene Mitglieder der Waisenkommission fanden denn auch sehr bald heraus, daß neben dem Honig der 5000 Mk. der Stachel der gemischten Deputation liege und zeigten sich durchaus nicht geneigt, sich selber die Rute zu binden, mit der sie gezüchtigt werden sollen. Mit aller wünschenswerten Deutlichkeit sprachen sich die Herren R u ß und Leonhard Sachs dagegen aus, daß dieser Antrag des Vorstandes nichts anderes bedeute als ein Mißtrauensvotum für die Waisenkommission, daß man keine gemischte Deputation brauche, und daß die Männer, die in der Kommission Sitz und Stimme hätten, selber imstande wären, über ihre Grundsätze die erforderliche Klarheit zu verschaffen. Man fühle sich verletzt, ja geradezu beleidigt und bitte solche Anträge rundweg abzulehnen. Vom Vorstandstische bestritt man, daß man der Waisenkommission kein Vertrauen entgegen bringe und suchte die Einsetzung einer gemischten Kommission als eine durchaus harmlose Institution hinzustellen. Daß die üblichen und sattsam bekannten Vorwürfe gegen die Waisenverwaltung zum so und sovielten Male wieder vorgebracht wurden und auf der Gegenseite ein lautes Echo fanden, versteht sich von selbst. Die sehr ausführliche Diskussion mußte schließlich vertagt werden, da einzelne Repräsentanten aas zwingenden Gründen vorzeitig die Sitzung verlassen mußten. Hoffentlich werden bis zur endgiltigen Entscheidung alle Mitglieder im Klaren sein über den Pferdefuß, der hier unter Blumen versteckt liegt. Für den Rendanten des Krankenhauses war bis jetzt ein Stellvertreter nicht vorhanden. 'Nach Beschluß der Repräsentantenversammlung soll demnächst ein solcher ernannt werden. Es wurden alsdann bewilligt 5000 Mk. für elektrische Beleuchtung in dem Neuban der Oranienburgerstraße, 100 Mk. für die Erweiterung der Garderobe in der neuen Synagoge, 1717,55 Mk. nachträglich als Kosten zur Sedanfeier. Zum Schluß der Sitzung erstattet noch Herr Leichtentriit den Abschluß der Hanptrechnungskasse pro 1895/96. Derselbe verzeichnet auf fast allen Gebieten mehr oder minder bedeutende llebcrschüsse. das Vermögen der Gemeinde befindet .sich ebenfalls in erfreulicher Zunahme. Die einzelnen Zahlenangaben sind ja bereits wiederholt der Oeffentlichkeit bekannt gegeben worden? Nur soviel möge" hier erwähnt werden, daß die Zahl der Eeiisiten im vergangenen Jahre 15 104 betrug und daß sämtliche Religionsschnlen der Gemeinde auf - sage und schreibe — 10 800 M. zu stehen kommen.