Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 708 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 708. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Sette 44. Angesichts der Repräsentantenwahlen geben wir hiervon Kenntnis, um zu zeigen, daß wir für unsere Bestrebungen festen Boden unter den Füßen haben. EeiltralHeceiu siir die Interessen der jiid. Gemeinde. KoiWmsl«». Bei der Abgabe des Rektorats an Gehelmrat Adolf Wagner erwähnte Professor Pfteidercr in seinem Jahresbericht auch eines Legats des ehemaligen Professors Dr. Daniel Müller in Höhe von iiO.OM Pik., dessen Imsen zn Stipendien nicht über 600 Mk. an dürftige Studierende evangelischen Bekenntnisses, die nicht jüdische Gltcrn haben, verwandt werden sollen. Zur Nachah in ung empfohlen. (Staatsbürger-Zeitung.) Mau braucht nicht gerade klerikal gesinnt zu sein, um an der Konfessionslosigkeit kein Gefallen zu finden. In einer Zeit der Gewissensfreiheit, in welcher den Vertretern der verschiedenen Konfessionen die Macht entzogen ist, das Gewissen zu bedrücken und dem einzelnen die Beobachtung gewisser konfessioneller Formen und Formeln aufzunötigen, ist der demonstrative Austritt aus dem kreise einer bestimmten Konfession ein Akt der Pietätlosigkeit gegen die Familie und Freunde, mit denen man durch das konfessionelle Band verbunden ist. Auch die Erklärung, konfessionslos sein zu wollen, im Munde von Menschen, welche auf einer niedrigen Stufe der Bildung stehen und oft kaum wissen, was das Wort bedeute, von dessen Inhalt sie Gebrauch machen, ist wahrhaft possierlich. Doch darüber wollen wir heute keine weitere Betrachtungen anstellen, wir beabsichtigen vielmehr nachzuweisen, daß das Woxt konfessionslos, das uns nicht sehr sympathisch ist, in jüdischen Kreisen sehr populär ist, sobald es bedeutet: „ohne Unterschied der Konfession." Kehren und ausklüren, Bildung verbreiten und die Menschen aus den Banden der Roheit befreien, gute Werke vollbringen, mit freigebiger Hand spenden, wohlthätige Anstalten errichten zum Besten der Leidenden und Hilfsbedürftigen ohne Unterschied der Konfession, das ist es, was das moderne Bewußtsein und die moderne Zeit, was die besten und edelsten Menschen aller Zeiten loben und empfehlen. Das Judentum, in dessen Namen mir allein hier das Wort ergreifen, war immer und ist es besonders in unseren Tagen konfessionslos in der Ausübung der Humanität und in der Bethütigung dessen, was es als einen der drei Tragpfeiler der höheren Weltordnung betrachtet, das heißt, in der Bethütigung von Brudersinn und Nächstenliebe gegen Arm und Reich, gegen Glaubensgenossen wie gegen alle,,die außerhalb des konfessionellen Kreises leben, oder mit einem Worte, in der Uebung von „Ovirulu« l)t>u880<1iur". Es ist diese Bezeichnung für jene Liebe, die nicht blos in einem unklaren Gefühle besteht und viele Worte macht, sondern durch Thaten und Werke sich äußert, uralt und höchst charakteristisch für das Judentum, welches seinen Bekennern einschärft, täglich Gott dreimal anzurufen als das Wesen, das fort und fort durch Thaten und Werke der Liebe sich offenbart ,'Im88<>ckim töviiu). Es ist daher, gelinde ansgedrückt, höchst komisch, wenn man das Judentum in's Verhör nimmt, ob es einen großen Gott der universalen Liebe oder einen Miniaturgott für das kleine jüdische Völkchen lehre. Seit Jahrtausenden hört man in jedem Bethause und in eder frommen israelitischen Famr'/ienwohnung Gott preisen als „den höchsten Gott, den Schöpfer des Alls, der ununterbrochen seine unendliche Liebe bethütigt" (öf sZon Zoiuvl osiasockiiu toviur evklcous iiaovol). Im Sinne dieses Prädikaments, welches die Bekenner des Judentums Gott beilegten, lange noch, bevor eine neue Religion den Kampf mit ihm aufnahm, haben sie auch stets gehandelt. Es giebt kein einziges jüdisches Haus, von dessen Thür man einen Armen abgewiefen Hütte, weil er das Symbol des Kreuzes verehrt; zu allen Zeiten, selbst als die Juden unter dem schwersten Drucke schmachteten, haben christliche Arme Unterstützung und Fürsorge in jüdischen Familien gefunden und die Vorschrift des Talmnd, Werke an Menschenliebe an jüdischen wie an nichtjüdischen Dürftigen, an jüdischen wie an nichtjüdischen Kranken, an jüdischen wie an nichtjüdischen Toten zu üben, ist eine Erweiterung oder eine breitere Entwicklung des biblischen Geistes und wurde von allen befolgt, welche nicht beim ersten Kriegssignal, das von feindlicher Seite gegeben wird, den Talmud in's Korn zu werfen bereit sind. Ihr sagt zwar, daß der Talmud seine humane Vorschrift mit dem prosaischen Beisatze motiviert: „Des Friedens wegen," um den Frieden zu erhalten. Nun, wir wären froh, wenn man „des Friedens wegen," uns in Ruhe ließe und nicht unausgesetzt über uns herfiele und im Namen der fortgeschrittenen, reicher entfalteten, den Talmud tief beschämenden Sittlichkeit die schändlichsten, bösartigsten und unmenschlichsten Attentate auf uns und unsere Existenz beginge. Auch ist im Vorbeigehen zu bemerken, daß das Wort „Frieden" im Munde des Talmud einen andern Sinn hat als in der diplomatischen Sprache, in welcher Frieden auf ewige Zeiten geschlossen wird mit der Klausel im Herzen, ihn bei der ersten besten Gelegenheit zu brechen. Der Talmud versteht eben unter „Frieden" einen dauernden, ununterbrochenen, menschenfreundlichen, sozialen Zustand, einen Frieden, der weniger durch Traktate als durch die Einsicht verbürgt ist, daß die Menschen friedfertig und friedlich Zusammenleben und sich gegenseitig fördern sollen. Die konfessionslose Wohlthatigkeit oder die Mildthütigkeit ohne Unterschied der Konfession hat innerhalb der jüdischen religiösen Gemeinschaft große Fortschritte gemacht, seitvem die Judenstaatlich und gesellschaftlich aus der Isolierung Herausgelrettelen und durch die Pforten der Gleichstellung in den kreis ihrer christlichen Mitbürger eingezogen sind. Es giebt keine öffentliche Sammlung zu wollhätigen Zwecken, an der sieh nicht unsere Glaubensbrüderr mit namhaften Summen beteiligteil, und keine wohlthätigen Vereine, die nicht Juden zu ihren Mitgliedern zählteil. Besonders steht die Residenz Berlin obenan, wenn man von der koufessionslosen Wohlthätigkeit spricht und ohne Ruhmredigkeit können wir es durch wiederholte Beispiele bezeugen, daß die jüdischen Bewohner Berlins den übrigen Vorangehen, wenn es gilt, Gutes zu thun, ohne zu frageil, wem es zu statteil komme, ob einem Sohne Abrahams oder einem Verehrer Jesu. Legate, Stipendien, Spenden für Arme während der rauhen Jahreszeit, neuerdings selbst Spenden für kirchenbanten, sind fortdauernde Zeugen, daß der Einfluß des Talmud auf die Bekenner des talmudischen Juden tums mindestens humaner wirkt, als der des „praktischen Ehristentums" auf die talmildfeindlichen Antisemiten, deren Auslassungen an der Spitze dieser Zeilen festgenagelt worden sind. Sollte dies in Zukunft anders werden — unsre Schuld wär's nicht.