Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- Seite 702 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 702. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Sette 43. fassende Vorkehrungen getroffen. Ein besonderes Interesse wird auch die von Dr. Stern-Kiel verfaßte Geschichte der Gemeinde haben, welche auf Grund eingehender Forschungen in den Archiven zu Schleswig und Kopenhagen zusamnicngestellt ist und eng znsanimenhängt mit der Gründung des Stadtteils Ncuwerk. — Die Grundsteinlegung für den Bau einer neuen Synagoge in Barnim fand dieser Tage in Anwesenheit des Gemeindevorstandcs und der Bauleitung statt, wobei Herr Rabbiner Dr. Koch eine kurze Ansprache hielt. — Als Kuriosum, das in diesem Jahre schwer empfundener lernst wurde, verdient niitgcteilt zu werden, daß die christliche Landbevölkerung des Elsaß steif und fest glaubt, daß das Suckothfest unbedingt Regen bringen muß. Dieser Glaube geht so weit, daß inan wegen der anhaltenden trockenen Witterung in einigen Dörfern die Weinlese um eine Woche verschoben hat. Es ist nämlich vorteilhafter, wenn bei Ncgcnwcttcr gekeltert wird. — Dr. Armand Ka minka, Prediger am isr. Tempel in Prag, ist, nachdem er die österreichische Staatsangehörigkeit erworben, definitiv zum Gemeinde-Rabbiner der Kultusgcmeinde Prag mit dem Titel „Rabbinats-Assessor" ernannt worden. — Unter riesiger Beteiligung aus vielen Komitaten herbeigeeilter Rabbiner wurde am 14. d- M. der cmerirtierte Stuhl Weißenburger Oberrabbiner Gottlieb Fischer, der seiue Ruhetage in Eisenstadt verlebte, begrabe». Fischer, der 90 Jahre alt wurde, galt als hervorragender Gelehrter und stand in großem Ansehen. Am offenen Grabe sprachen sechs Rabbiner. Auch aus Budapest war eine Deputation der Gemeinde entsendet worden. — In Paris ist der Direktor der Tempelmusik, Samuel David, ein um das shnagogale Leben in Frankreich vielverdienter Mann, nach kurzem Leide» gestorben. — Leon Francfurt, Eskadronschef im 32 französischen Artillerieregiment, ist zum Oberstlieutcuaut ernannt und zugleich mit den Funktionen eines Unter-Direktors in Toulon betraut worden. — Die Rothschild-Stiftung in Paris hat die Erlaubnis erhalten, von Baron Edmund von Rothschild die Schenkung eines Stücks Land in der Rue Lamblardie anzunehmen. Das Terrain hat einen Wert von 217,44" Franks und ist zur Erweiterung des mit der Stiftung verbundenen Waisenhauses bestimmt Im Anschluß an ihre edelmütige Schenkung von IG),00" Franks zu Händen des Finanznlinisters für die ans Madagaskar heimgewaudten verwundeten und genesenden Soldaten, haben die Herren Gebrüder von Rothschild dem Ausschüsse, welcher für diese Soldaten Feste organisiert, 5000 Franks gegeben. — Herr David Segrö, der italienische Gesandte in Peru, ist im Alter von 55 Jahren in Saluzzo gestorben. Nach Vollendung seiner Studien an der Universität von Turin, wurde Segrö dort Professor der Staatswissenschaften. Darauf beschloß er, eine diplomatische Laufbahn einznschlagen, und wurde zum Staatsdienste zugelasscu und von der Regierung häufig mit delikaten politischen Missionen betraut. Er war Konsul in mehreren Orten, bevor er die sehr wichtige Ernennung zum bevollmächtigten Gesandten mehrerer Republiken Süd- Amerikas erhielt. Zuletzt wurde er Minister-Resident iu Lima (Peru), wo er seine Pflichten mit dem äußersten Takte erfüllte. — Die Königin von England hat das Mitglied des Unterhauses, Herrn Julian Ritter von Goldsmid znm Gehcimrat ernannt. Diese Ausreichung ist eine umso größere, als sie iu der Regel nur solchen Mitgliedern des Unterhauses verliehen wird, die dem Ministerium angehören. - Der General-Gouverneur von Algerien hat der jüdischen Gemeinde zu Onap 25,000 Frank« zur Vollendung ihrer neuen Synagoge bewilligt - Ein Korrespondent des „Woschod" aus Lodz erzählt, daß die Direktion der dortigen jüdischen private» Töchterschulen, mit besonderer Vorliebe nicht-jüdische Lehrerinnen in ihren „Instituten" anstellen, nicht etwa weil die jüdischen Lehrerinnen den christlichen in irgend welcher Hinsicht nachstehen, sondern weil christliche Lehrerinnen eine vorzügliche Reklame für eine jüdische Schule sind, und das Rcnommse derselben dadurch in den Augen der jüdischen Eltern sehr viel gewinnt. ... Es ist eine alte Geschichte, eine traurige, aber wahre. — Auf Verfügung des russischen Unterrichtsministcrs sind in die Odessaer Universität 28 Juden mehr als der Prozentsatz ausmacht ausgenommen worden. lLaut Prozentsatz konnten nur 11 Juden ausgenommen werden; thatsächlich wurden aber 39 immatrikuliert.) UcbriacnS sind in diesem Jahre auch in den anderen russischen Universitäten viele jüdische Studenten über die Norm ausgenommen worden. Auch die Odessaer Kommerzschulc erhielt vom Minister die Erlaubnis, 20 Juden über die Norm anfzunehmen. — Einen Beweis für die Gelehrsamkeit dir russischen Judenfeinde in jüdischen Dingen liefert die folgende tragikomische Notiz. Vor einiger Zeit brachten mehrere russische Zeitungen folgende verblüffende Nachricht: Die Errichtung einer hebräischen Universität in Jerusalem steht nahe bevor; in der Redaktion der Zeitung „^Uionos israölits uiUvsrsslls" sind bedeutende Spenden zu diesen! Zweck eingelaufeu u s. w. — Also viele Preßorgane in Rußland wissen nicht einmal, daß die „tHUnnes israöUts" keine Zeitung ist — aber das stört ja nicht, losschimpfen kann man ja immerhin darauf. — Dänemark hat nach der neuesten Volkszählung rund 2Vo Millionen Einwohner, also ebensoviel als noch Norwegen und die Herzogtümer Schleswig-Holstein und Laucnbnrg zu Dänemark gehörten. In Kopenhagen mit Vorstädten wohnen ungefähr 410,000 Menschen, somit annähernd 18 pZt. der ganzen Bevölkerung Dänemarks. Von der Bevölkerung werden 98,5 pZt. der Staatskirche zugezählt. Die Zahl der Katholiken ist in stetem Wachstum begriffen, (von 800 im Jahre 1860 auf 6000 jetzt) beträgt jedoch noch immer blos 1,69 per Mille der Bevölkerung: die der Israeliten ist dagegen in Abnahme (im Jahre 1860 4,63 per DUlle, jetzt nur 1,88 per Mille) — Dr. Ti kt in, ein Deutscher von Geburt, dessen Ernennung zum Professor am Staats - Lyceum in Jassy wir jüngst gemeldet haben, war nicht in der Lage, die Ernennung anzunehmen, da iqm zur Bedingung gemacht wurde, daß er zum Christentumc übertreten solle. — Der Sultan der Türkei hat einen neuen Beweis seiner judenfrcundlichen Gesinnungen gegeben. Der Chacham Baschi besuchte unlängst den Palast, um dem Sultan seine Ehrfurcht zu bezeugen. Als der Kaiser den Rabbi sah, näherte er sich ihm und beugte sein Haupt, um den Segen des ehrwürdigen Geistlichen zu empfangen. — In einer Uebcrsicht, die der Vorsitzende Richter William Hartby in Melbourne den Geschworenen bei einer Verhandlung gegen 2 jüdische Angeklagte gab, hob er hervor, daß dieser Fall in feiner langjährigen Praxis der erste sei, in dem gegen Juden kriminelle Klage erhoben sei, während christliche Verbrecher z» Hunderten vorkämen. Ein rühmliches Zeugnis für unsere Glaubensgenossen in jenem fernen Weltteile. — Ein junger Jude der in Sali (Marocco) auf Befehl des Paschas verhaftet worden war, obgleich der letztere dazu nicht die geringste Veranlassung hatte, wurde nach einigen Tagen benachrichtigt, daß er frei ausgehen könne, wenn er das übliche Lösegeld zahlen wolle. Der Mann antwortete, daß er kein Geld besitze. Als dies der Gouverneur hörte, befahl er zwei Soldaten, dem Gefangenen 300 Hiebe zu geben, und ließ ihn dann frei. Die Soldaten erfüllten den ihnen gegebenen Auftrag so gründlich, daß der arme Jude blutüberströmt und in einem bejammernswerten Zustande seiner Familie zurückgcgebcn wurde. Dies, sagt die „Times of Marocco" ist einer von den vielen Gründen, weshalb cingehorenc Juden und Mauren fremden Schutz nachsnchen. Ein llntcrthan der Shcriffunischcn Majestät ist immer der Gefahr ausgesetzt, ein Opfer maurischer Justiz zu werden, und er kan» nirgends Abhilfe finden. AHonsm». 19. „Fällt der Stein auf den Krug, — wehe dem Krug; fällt der Krug auf den Stein, — wehe dem Krug; so oder so, immer: wehe dem Krug!" (Esth. rab.) Das heißt: Wehe dem Schwachen, unter allen Umständen hat er von dem Stärkeren zu leiden. Der Krug zerbricht, ob er auf den Stein oder der Stein auf ihn fällt. Und der Schwache erhält immer Unrecht. Fällt der Stein auf den Krug und zerschlägt ihn, so heißt es: was kann der Stein dafür, warum stellt sich der Krug ihm in den Weg? Fällt der Krug auf den Stein, so sagt man: warum nimmt er sich nicht mehr in Acht — ist sein Unglück nicht seine eigene Schuld? . . . 20. Genuß und Vorteil sind die stärksten Bande, welche die Menschen aneinander fesseln; für die meisten — die einzigen.