Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 676 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 676. Allgenieine Israelitische Wochenschrift. Nr. 42. Alphabets das Wort „Wahrheit" (rDX-ouwt) bilden, war also ein entschiedener Gegner Tayllerand's, der bekanntlich behauptete, die Sprache sei dem Menschen gegeben, damit er seine Gedanken verberge. Die Pythagorüer bedienten sich der Zahlen als Symbole für die Prinzipien des Kosmos. Ein jüdischer Weiser gebrauchte das Alphabet zu diesem Zwecke und verfaßte in diesem Geiste das Buch Jczira, das später von den Kabbalisten benutzt wurde. Die Masoreten zählten die Buchstaben des Pentateuchs aus, damit er nicht gefälscht werde. Welche Ausdauer und welche Pietät! Am Wochenfeste, erzählt R. Elasar aus Worms, begann man die Kinder im Lesen zu unterrichten. Es wurde denselben das Alphabet vor- und rückwärts vorgesagt, und dann ließ man sie die mit Honig bestrichenen Buchstaben ablecken. Jedes jüdische Kind lernte also lesen! Selbst in unserer Zeit giebt es noch kein Volk außer dem jüdischen, dessen Glieder alle ohne Ausnahme eine Sprache lesen könnten. Aus dieser Sitte am Wochenfeste ging ein Midrasch hervor, der die Buchstaben des Alphabets deutet und besonders die am Wochenfeste geoffenbarte Thora verherrlicht. Es ist der Alphabet- Midrasch des R. Akiba. Die neuhebräischen Dichter verfaßten ihre weltlichen und synagogalen Gesänge zumeist mit Akrostichen, welche den Namen des Autors enthalten. Diese Sitte, welche dem Dichter einen Zwang auferlegt, leistet der Litleraturgeschichte große Dieuste. Die fremden Sprachen, welche die Juden in der Zerstreuung erlernten, transkribierten sie mit dem hebräischen Alphabet. Wir besitzen Druckwerke, in denen arabisch, persisch, spanisch, selbst tatarisch mit hebräischen Buchstaben geschrieben sind. Hierin sind Partikularisinus und Universalismus zu einer Hähern Einheit verbunden. Die letzte geschichtliche Phase des hebräsichen Alphabets ist, daß es heute Juden giebt, die es — nicht mehr lesen können! „pliM Elchamu." Von'*»*. k. Bei Halberstadt, dem alten Bischofssitze, liegt das Dorf Ströbeck, seit mehr als 600 Jahren berühmt durch die Fertigkeit seiner Bewohner im — Schachspiele. Um dieser Tugend willen haben frühere Bischöfe von Halberstadt den Ströbecker Bauern manche Abgaben, Frohnen und Zehnte erlassen, und wo man noch heute die Großthaten der Helden aus dem Brette, das ein Schlachtfeld bedeutet, der staunenden Nachwelt erzählt, da wird der Name jenes Dörsleins ruhmvoll erwähnt. Man wird zugeben, daß diese Erscheinung auffallend, ja geradezu rätselhaft ist. Wer war es, der vor vielen hundert Jahren schlichten Landleuten die Geheimnisse des Rösselsprunges offenbarte? Denn sicherlich will es keinem in den Sinn, daß deutsche Bauern Anno Leibeigenschaft und Gaugrafentnm aus eigener Initiative sich für das morgenländische Spiel interessiert haben würden, das nur vornehmeren Leuten, und zwar dem denkenden Teile derselben, zur Erholung erfunden ward. Wie im Traume sich das Leben spiegelt, so ist das Spiel ein Schattenbild der Arbeit und der Berufsthätigkeit. Feldherren spielen mit bleiernen Soldaten, Staatsmänner unterhalten sich am Brettspiele, und der Bauer wird gewiß nicht die geringste Zerstreuung au einem Wettkampfe finden, der als Spiel denn doch zu ernst ist, und wieder gar zu sehr ein Spiel, um als Ernst gelten zu können. Dem bäuerlichen Leben, das von Wind und Regen abhängig ist, entspricht vor allem das Hazardspiel, die blinde Hingebung an den Zufall, den keine Berechnung und keine Vorherbestimmung ergründet. Der Bauer unterwirft sich am liebsten des Glückes dunkler Macht, die sich im raschen Wechsel des Momentes offenbart und durch der Würfel unversehenen Fall die Furcht und Hoffnung zur plötzlichen Enttäuschung führt. Dennoch ist es Thatsache, daß Ströbeck wie eine vereinzelte Schach-Insel aus dem Jdyllenreiche der Dorfgeschichten hervorragt, und wir stehen hier vor einem seltsamen Geheimnisse, das durch die Versuche einzelner Chronisten, es zu enthüllen, nur noch mysteriöser geworden ist. So will z. B. eine Halberstädter Chronik über den Ursprung der Schachmuse zu Ströbeck folgendes wissen: Vor vielen hundert Jahren kam eines Tages ein junger Mönch in das Dorf, man wußte nicht woher, noch weshalb. Er nannte sich Leonhardt, verweigerte alle Auskunft über seine Abstammung, wies sich blos als Jünger einer Klosterschule zu Mainz aus, wo er auch seine Priesterweihe empfangen hatte, und gab vor, sich in der Einsamkeit des Landlebens der Beschaulichkeit hingeben zu wollen. Es war ein blasser, stiller Mann, über dessen interessantes Antlitz eine rührende Schwermut hingegossen war, und wenn er sinnend unter der Linde saß, den Mund zu einem schmerzensvollen Lächeln verzogen, den Blick verklärt gen Himmel, da entrang sich mancher schwere Seufzer der beklommenen Brust, als fühlte sich diese von der Sünde Wucht belastet. Er betete viel und mit Inbrunst, er fastete mehr, als das Kirchgebot erheischt, saß manche Nacht über den Büchern, und so schien denn wirklich alle Leidenschaft in ihm niedergekümpft, alle Teilnahme für das zeitliche Dasein erloschen. Nur eine einzige, sonderbare Liebhaberei war es, mittelst deren sein Geist, wie an einem letzten, dünnen Faden, noch mit dem weltlichen Leben zusammenhing; der blasse, schwarzlockige Büßer war nämlich ein leidenschaftlicher Schachspieler, saß stundenlang vor dem Brette mit den 64 Feldern, die Figuren gegeneinander in Bewegung setzend. Endlich ward er müde, sich selber den Widerpart zu machen, und erzog sich die Bauern von Ströbeck zn guten Schachisten, ihnen manche kostbare Spieltraditionen anvertrauend. Allein plötzlich verschwand der gute Leonhardt. Ebenso geheimnisvoll und überraschend, wie er gekommen war, reiste er wieder ab und ward, wie man nachträglich erfahr, des Halberstädter Bischofs Beichtiger und von diesem in besonderer Mission nach Rom geschickt, woher er nimmer wiederkehrte. Der Bischof von Halberstadt aber stellte Handfesten und Freibriefe, offenbar aus Verwendung Leonhardts aus, kraft deren den Bauern von Ströbeck viele Frohnen und Gaben erlassen sein sollten, so lange sic das edle Schachspiel noch fürderhin pflegten und den Erholungen durch rohe Balgereien und verderbliches Würfelspiel entsagten. Soweit der Chronist von Halberstadt. Man wird zugeben, daß des frommen Leonhardt psychologisch unerklärliche Spielwnt das Dunkel, das über der Sache schwebt, nicht nur nicht erhält, sondern noch mysteriöser erscheinen ließe, wenn nicht aus einer ganz entfernten Sphäre, aus der man es am wenigsten erwarten möchte, ein eigentümliches Streiflicht herüberfiele. Seit vielen hundert Jahren