Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Zweite Probennmmer. Wo. 42. Jahrgang i v. Nerkin, 18. Hktokcr 189». merne Herausgeber A. Levin, Mertin.' >O. Jeschurtt«. Bezugspreis: viertekjäürk. 2 Mk. Erscheint an jedem Areitag. Neznstspreis für das Ausland - Mk. 2,50. Zu beziehen durch die Post, Airherlt: Zu de» Nepräsentantcnwahlen II. Fort mit der Bibel. — Aus der Berliner Gemeinde. — Antisemitische Vorwunc. — Das Alphabet. — Papst Elchauau. — Wochcn-Ehronik. — Anzeigen. In dkl, LkpMlitlncklimhlk» in Kerlin. II. 8 .1 unsres Programms: „Entschiedene Bekämpfung aller Bestrebungen, die darauf hinziclcn, die hebräische Gebetssprache aus den Gotteshäusern gänzlich zu verbannen und den Sabbat auf den Sonntag zu verlegen." Die (Gemeindeverwaltung hat, wie bekannt, ein Grundstück in der Lützowstraßc angekaust, uni dort eine Synagoge zu errichten. Dieser Ankauf, an sich ein rein geschäftliches Vorkommnis, ist insofern von Bedeutung, als die in einem Augenblicke des Vcrgessens verratene, seitdem freilich sorglich verhehlte und sogar abgelcugnete Absicht besteht, in der auf dem bezeichnten Platze zu errichtenden Synagoge ausschließlich deutschsprachigen Gottesdienst einzuführen. Weil solche Bestimmung statutengemäß nur von einer Zweidrittelmehrheit der Gemeindeverwaltung beschlossen werden kann, haben die Freunde jener Neuerung den bevorstehenden Wahlen besondere Aufmerksamkeit zugewandt und zum Zwecke der Agitation einen eigenen Verein gegründet. In ihrer ersten Versammlung haben sie zu dem gedachten Ziele sich offen bekannt, später haben sie das Ziel zwar nicht aufgegeben doch verhüllt. Das vorsichtige Verschweigen ist eine Konzession an die Wähler, aus deren .streifen auf die bloße Andeutung hin lauter Widerspruch sich erhob. Die Absicht aber, die der Vorsitzende des Vorstandes selbst öffentlich bei Einweihnung der Synagoge in der Lindenstraße proklamiert hat, besteht unverändert iort, und wenn es ihren Anhängern gelingt, Wahlen in ihrem Sinne zu bewirken, so werden die getäuschten Wähler zu spät erfahren, daß das in allgemeinen Redewendungen sich bewegende, positive Angaben vermeidende Programm der sogenannten Liberalen eine unerwünschte Deutung zuläßt. „Vor Tische las man anders", würde es dann heißen, doch die bessere Erkenntnis wäre außer Stande Besserung herbcizuführen. In Berlin besteht bereits eine Synagoge — die der Reform-Gemeinde — aus der die hebräische Gebctssprache völlig verbannt war. Diese Gemeinde hat jüngst ein neues Gebetbuch eingeftthrt, und darin hat sich das hebräische Gebet wieder eingefunden. Die einfache Thatsache spricht beredter, als die ausführlichsten Darlegungen vermöchten. Redaktion und Merlag: Gr Kamöurgcrstr. 2t. Anzeigen, die Zelte 25 Rst, nehmen^alle^Amwiicen-Lxpeditionen —————————»—» Der Betende soll verstehen, was er betet, wird uns entgegengehalten. Das geben mir zu; doch folgern mir daraus nicht, daß die hebräische Sprache vermieden, sondern daß sie erlernt werden muß. Unkundigen mögen gute und genaue Uebersetzungen in den Gebetbüchern als Anleitung dienen. Wir deutschen Juden sind allezeit Deutsche; doch in die Synagoge gehen wir als Mitglieder der jüdischen Glaubensgemeinschaft, die international ist wie jede .stirche, und wir wollen dem Vorzug nicht entsagen, daß in jeder Synagoge jeder Jude sich heimisch fühle, jeder Jude vertraute Klänge höre und Gebete vernehme, die dem gesamten Judentum eigen und heilig sind. Wo Göthe's dichterische .straft den höchsten Schwung nimmt, wo seine Seele ganz vom Gotte ergriffen ist, da klingt sein Lied an die Weise der Psalmen an. Wir aber sollen von dem heiligen Original uns abwenden, um meist klägliche Verdeutschungen dafür einzutauschen! Welchen Katholiken läßt das Ltadat irmtsr ungerührt, auch wenn er nicht Latein versteht? Hat die galliknnische Kirche das ^.vs Naria ins Französische übersetzt? Hält der Spanier ein spanisches Oontitoor für unerläßlich, um sein unverfälschtes Spaniertum zu beweisen? Die hebräische Sprache hat für uns aufgehört, eine lebende Sprache zu sein, ganz wie die lateinische Sprache. Aber sie ist heute noch ein reicher Quell der Erinnerung, der Erbauung, der Erhebung, ein mit unermeßlichem Schmuck ansgestattetes Denkmal unserer Geschichte, die heilig ist für uns, heilig auch für die übrige Welt, deren beste Kultur aus den Offenbarungen unserer Vorfahren gewonnen ist. Wir sträuben uns nicht gegen deutsche Gebete und Gesänge, auch nicht gegen ihre Vermehrung, ganz gewiß nicht, wenn sie in edler Sprache abgesaßt sind. Das ist aber kein Grund, den reichen Schatz hebräischer Lieder preiszngeben, auf die Sprache der Propheten und der Psalmen, unerreichte Muster an Erhabenheit und poetischer Schönheit, zu verzichten, weil ein traurig vernachlässigt«?!.' Unterricht viele unserer Glaubensgenossen von ihrem vollen Verständnis ausgeschlossen hat. Die Welt beneidet uns um dieses Erbteil als um einen köstlichen Besitz, und wir sollen es vergraben, weil es Enterbte unter uns giebt! Man schämt sich der hebräischen Sprache, die man nicht kennt, anstatt sich der Unkenntnis zu schämen! Doch nicht genug mit diesem Attentat auf uralten Besitz man will mit dem hebräischen Gebet auch den Sabbat uns nehmen! Wir rufen nicht den frommen Glauben an, der in dem Sabbat „das ewige Denkmal des Bundes zwischen Gott und Beilage für die Berliner Lokal-Auflage: Beitrittserklärung zum Central-Berein.