Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 470 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 470. 71? Landgericht in Dortmund erkannte an, daß die Beschuldigten in gutem Glauben gehandelt und verhängte über uns eine Buße von je 90 Mark. Hierbei behält es sein Beiveudeu, nachdem auf Weisung des Herrn Finanzministers Dr. Miguel die von dem Pravinzialsteuerdirektor in Munster i. W., der sich als 'Nebenkläger gemeldet hatte, eingelegte Revision nicht weiter verfolgt wird und das Urteil selbst, da auch der Staatsanwalt cs nicht weiter angefochten hat, inzweschen rechtskräftig geworden ist. — Ueber die Frage wegen der Verwendung jüdischer Lehrkräfte in den Berliner Volksschulen sind die Verhandlungen in der Ministerialinstanz, wie uns von zuständiger Seite milgeteilt wird, noch nicht zum Abschluß gelangt. r. Eine wichtige Entscheidung für Gemeinden. Der Bezirksausschuß in Breslau verhandelte kürzlich über folgenden interessanten Streitfall: Rittergutsbesitzer Julius Schottländer aus Hartlieb hat zwei Wohnsitze, einen in der Stadt Breslau und einen auf seinein Schlosse in Hartlieb. Als er zur Leistung der Beiträge zur Synagogengemeinde Breslau herangezogen werden sollte, wurde die Frage ventiliert, ob Herr Schottlünder als Einwohner der Stadt oder des Landkreises Breslau zu betrachten sei. Als Bewohner der Stadt Hütte er nämlich 0/5 und als Bewohner des Landkreises nur 'ch-, zu zahlen gehabt. Da das Einkommen des Herrn Schottländer die stattliche Summe von 565 000 Alk. im Jahre ausmacht, so ist die Differenz von V5 tzh bedeurend genug. Im Statut der Synagogengemeinde sind aber nur zwei Fälle vorgesehen, der Fall, daß der Zensit in der Stadt und der zweite, daß er im Landkreise wohnt. Die Gemeinde suchte nun einen Ausweg und fand ihn auch darin, daß sie Herrn Schottländer, soweit er sein Einkommen in Hartlieb versteuert, das sind 925000 Mark, mit ^/sheranzog, und soweit er sein Einkommen in der Stadt versteuert, das sind 240000, Mark mit ^5^,. Mit dieser Einschätzung war der Zensit nicht zufrieden und verlangte, als Landlmwohner betrachtet und nur mit ^5 eingeschützt zu werden. Der Kreis-Ausschuß wies eine diesbezügliche Klage des Herrn Schottlünder ab und letzterer klagte beim Bezirks-Ausschuß. Der Vertreter der Synagogengemeindc führte aus, daß die Gemeinde bei dem Fehlen einer Bestimmung für solche Zensiten, die sowohl einen Stadtals einen Landwohnsitz haben, durch Interpretation die Lücke ausgefüllt habe. Herr Schottlünder könne sich gar nicht über die Einschätzung beklagen, dieselbe sei in ganz konlanter Weise erfolgt. Nach längerer Beratung erkannte der Bezirksausschuß wie folgt: Der Kläger hat zwei Wohnsitze, einen in der Stadt und eine» im Landkreise. Im großen und ganzen ist sestgestellt, daß er sich die Hälfte des Jahres in der Stadt und die Hälfte in Hartlieb aufhält. Da er sowohl in der Stadt als auch auf dem Lande einen Haushalt führt und täglich nach der Stadt kommt, so ist diese Teilung die richtigste. Die Spnagogengemeinde Hütte also das Recht, Herrn Schottlünder mit der Hälfte seines Einkommens mit und mit der anderen Hälfte mit 2/5 heranzuziehen. Sie hatte das aber nicht gethan, sonder» ihre Ansprüche sind geringer. Der Gerichtshof hatte auch keine Veranlnffung, ulken, pvkituiu hinauszugehen und es wird daher die Klage des Herrn Schottländer abgewiescn. K>iev rrnö öort. - Personalien. Am 2. d. M. starb Herr Lehrer Singer im Taraowjtz, 2«, Satire alt, betrauert von seiner Gemeinde und seinen Bekannten. Versetzt: Herr Abramowitz von Borek an die jüd. Volksschule in Mschenwalde, — Herr Dr. Herzog vom Berliner Rabbiner Seminar an die Pribatgcmeinde Ahabath Schalom in Berlin, — Hr. I. G uggenhci m von Liedolshcim nach Odenheim. — Hr. L a n d a n von der Privat-Gemeindc Ahabat Reim in Berlin nach Hamburg, — Herr I. Eoh n von Argenan nach Jarotschiw — Znm Rabbiner in Pr. Stargardt ist Herr Dr. Rosenthal ans Rogascn, - zum Oberkantor an der alten Synagoge in Breslau Hr. I. H. R 0 scnthal aus Ratibor gewählt. — Bei der höheren Bürgerschule in Erone a. Br. waren bisher 2 jüdische Lehrer angestellt. Am 1. Juni er. ist einer von ihnen freiwillig ans dem Lehramte geschieden. Die Antisemiten jener Stadt versuchten nun die Negierung zu bewegen, die erledigte Stelle mit einem christlichen Lehrer zu besetzen „da die Schülcrzahl und die (gemeinde nunmehr weit kleiner ist als zur Zeit der Smmltanisierung." Die Regierung hat aber die Stelle wiederum mit einem jüdischen Lehrer besetzt. — Zu der Affaire Hamincrstein, die von der Presse stark kommentiert wird, bemerken wir zur Orientierung unsrer Leser im Anölande, das; die Anschuldigungen, die ein Frankfurter Blatt gegen den von dem Konnte der Krenzztg. „suspendierten" (lies: entlassenen aber ans gewissen Gründen noch immer besoldeten) Freiherrn erhoben, darauf hinansgehen, daß unter seiner Verwaltung erstens der Pensionsfonds der Krcnzzeitung durch statntenwidrige Geschäftsführung verschwunden sei; zweitens, daß er das Papier der Krenzzeitnng zu einem hohen Preise bezahlt, gleichzeitig aber persönlich nicht unerhebliche Summen von dem Papierlieferanten „geliehen" habe; drittens, daß unter seiner Verwaltung und in folge seiner persönlichen Bedürfnisse die vorher finanziell clänzende Lage der Krenzztg. geschädigt worden sei, und weiter, daß der fromme Herr, der so viel über jüdische Unsittlichkeit zeterte, ein Privatleben geführt habe, das an Unsittlichkeit seines Gleichen suche. Herr v. H. hat das Frankfurter Blatt verklagt, wird aber wohl die Wahrnehmung des ersten Termins vergessen, denn er ist jetzt viel beschäftigt, u. a. mit der Abfassung einer die konservative Partei kompromittierende Schrift — so wenigstens weiß die „Weser- Zeitung" zu berichten - sodann soll er Ursache haben, sich in Deutschland nicht mehr sehen zu lassen. - - Ahlwardt hat das Entree zu seinen Versammlungen neuerdings von 20 auf 50 Pf. erhöht. Da er bei der großen Hitze zum Reden mehr Bier gebraucht und noch für den „Diener" sorgen muß, den er sich seit den Kieler Festen zngelegt hat, so erscheint die Preiserhöhung gerechtfertigt. — Herr Rudolf Hcrtzo g jun. in Ber'in hat durch seinen Rechtsanwalt H. Horwitz dem Magistrat »0,000 Mk. zur Verteilung an Berliner Arme ohne Unterschied des Bekenntnisses überwiesen. Ter verstorbene Vater des Spenders hatte Hunderttausend«: den Antisemiten geopfert, um später schnöde» Undank zu erfahren. Mnnxora mnt.uut,u>'. — Für seine in der Aula des Gymnasiums in Karlsruhe gehaltene Rede über Moltke erhielt der Ober-Primaner Arthur Levis den vom Großherzog gestifteten Fichtepreis, bcstehnnd in einer goldenen Medaille mit dem Relicfportrait Fichteü. - Die Inden dränge» sich aber auch überall vor! Wie die „Birsh. Wed." erfahren haben, ist es den Besitzern der Fischereien an der Wolga-Mündung und am Kaspischen Meer verboten worden, Juden in Dienst zu nehmen. Die Besitzer von Landhäusern und (Härten nahe bei der Station Mroza an der Warschan-TcrcSpoler Eisenbahn reichten eine Kollektiv- Petition ein, in welcher sic um die Erlaubnis baten, ihre Besitzungen während der Sommermonate an Juden verpachten zu dürfen. Die Petition wurde jedoch verworfen, und eine zweite ähnliche Petition hatte dasselbe Schicksal. — Am Tage vor dem Passafcstc wurden viele Juden in den Straßen Riga'S ungehalten und selbst Kaufleute erster und zweiter Gilde wurden zur Polizcistation geführt. Erst hier erfuhren sie, daß all dies geschehen war, damit „Inden entdeckt" würden. Thatsächlich sind jetzt betreffs der jüdischen Wohnrechte in Riga strengere Maßregeln ergriffen worden als selbst in den Hauptstädten des Reiches, obschon in manchen Fällen die betroffenen Personen das Recht haben, in jedem Teile des Landes zu leben. - Der Verein in Bukarest, der sich zur Aufgabe gestellt hat, unbemittelte jüdische Familien in ihrem Bestreben, in Palästina Bauern zu werden, zu unterstützen, tritt zum ersten Male in Wirksamkeit. Seine nach Paris entsandten Delegierten sind von dort zuriickgekehrt, wo sic mit dem „Zentralkomitee der europäischen Palästina-Vereine" Unterhandlungen gepflogen haben, welche z» einem günstigeren Resultat geführt haben, als sie selber erwartet hatten. Infolgedessen wird schon in wenigen Monaten eine Anzahl jüdischer Familien mit Unterstützung dieses Vereins nach Palästina übersiedeln. Auch werden sich mehrere wohlhabendere Familien, die auf Unterstützung!>> K h.