Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4794838-6353489-6353507--0111-4794942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
! Wo. 29. Jahrgang I V. mvrrr^ Mertin, 19. JE. 1895. Herausgeber: A. Lcviu, Merkin. Fhschurun. Bezugspreis: vierte kjäljrk. 2 Mk. Erscheint an jedem Arcrlag. Wezngspreis für das Msland: Mli. 2,50. An beziehe» durch, die Post unsere Expeditionen und de» Buchhandel_ Htcdatition nnd Vertag: v'ir L>amö»rgerstr. 2l. Anzeige», die Zeile 25 Vfl, nehnlen alle sAnuoneeu-Lxpeditionen sowie unser Bureau entgegen. Jirhnlt: Freiherr v. Hammerstein-Woßn. Die Prillatgemciiidcu!» Berlin. X. Von Bar Minon. Die Lebrerkoufercnzen. Die Zerstörung Jerusalemsk. Die Urgermanen und das Alte Testament. Umtgleist! Von Wilhelm Feldman». Briefe ans'Krähwinkel kl. Wochenchronik. - Kalender. Anzeigen. Kchm v. Hmmrstkin-Woßu. Bon M. A. Klausner. Ein Führer des modernen Eatilinariertumtz hat das Ende eines Eatiliua genommen. A-biit, vxoosKib, Lvn8>>t, srapit heißt es von de», Urbild — der Epigone hat sich mit minder heroischer Pose entfernt; er ist, um mit Herrn von Puttkamer zu reden, verduftet. Das ist ein Ansgang, dem mir vorausgesehen haben, den mir aber darum nicht minder betrauern. Das Gefühl der Schadenfreude hnt in unserm Herzen nicht Raum, Selbstachtung schließt sie aus. Worüber sollten mir auch Freude empfinden? Darüber, daß ein Gegner gefallen ist? — Nicht mir haben ihn überwunden, das eigene Verfehlen hat ihn gestürzt! Daß wieder einmal die tiefe Unsittlichkeit des Antisemitismus an einem seiner Führer sich offenbart hat? — Wir dürfen darin nur ein neues Beispiel sehen, daß die schamloseste Nichtswürdigkeit sich bloS mit Judenhaß zu drapieren braucht, um sicheren Zulauf und aller ihrer Sünden Vergebung reiches Maß zu finden, könnte, der Antisemitismus an der Verwahrlosung' seiner Wortführer zu Grunde gehen, er märe längst von der Erdoberfläche verschwunden. Er ist aber unsterblich wie die Sünde, denn er ist selbst eine Sünde. So kurzsichtig sind mir nicht, daß wir glauben könnten, daß das Verbrechen anfhöre, weil ein Verbrecher überführt worden, oder gar daß ein Verbrechen sich nicht wiederholen werde, weil ein anderes Verbrechen entdeckt und nachgcwiesen worden. Nicht an seinein Antisemitismus ist Herr von Hammerstein zu Grunde gegangen, nicht über ihn ist er gestolpert; sein Antisemitismus vielmehr hnt ihm noch Halt gewährt, nachdem er bereits ins Wanken und Gleiten gekommen war. Freiherr von Hammerstein ist ein unheilvoller Alaun gewesen, unheilvoll für seine Partei und dadurch für das ganze Land. Darum allein freuen mir uns, daß er aushören mnß, unheilvoll zn wirken. Im übrigen gehört ihm nach den Vorschriften unserer Religion unser Mitleid. Wie wenig nachtragend wir dem Gefallenen gegenübersind, zeigt das Beiwort, das wir ihm in der Ueberschrift dieses Artikels geben. Fbeiherr von Hammerstein ist der Erste gewesen, der aus innerem, keineswegs durch besondere Dialekt-Begabung sich erklärenden Drang das Mauscheln in die Hallen der Gesetzgebung eingeführt und mit dem Talent eines Vorstadt-Tingeltangel-Komikers vor dem Abgeordnetenhause im Jargon sich produziert hat. Das war seine Domäne, die letzte, die ihm geblieben, und deshalb fügen wir, wie bei Grundherren die Bezeichnung ihres Hauptbesitzes, seinem Namen das erläuternde „Woßu" an. Von dieser Domäne konnte ihn keine Subhastation verdrängen. Es wäre jedoch Unrecht, wollte man Herrn Hammerstein- Woßu alle Schuld üeimessen an der antisemitischen Durchseuchung der konservativen Partei. Die konservative Parteileitung hat ohne Tivoliprogramm und ohne Herrn von Hammerstein mit Herrn Ahlwardt gemeinschaftliche Sache gemacht, diesen wackeren Alaun, der eben wegen Verleumdung unter Anklage stand, in ihren Schutz genommen und seinen „Aktenstücken" ihr beglaubigendes Siegel aufgedrückt. Nicht Herr von Hamincrstcin ist es gewesen, der auf Tivoli das Hoch auf Bruder Ahlwardt ansgebracht hat. Freiherr von Manteuffel, Hosprediger a. D. Stöcker und andere haben redlich mitgethan, die konservative Partei antisemitisch zu färben. Freilich hatten sie es in ihrer Art gut im Sinne. Sie wollten die werbende Kraft des Antisemidmus für ihre Partei nutzbar machen. Wie gefährlich dies war, sahen sie nicht ein, haben sie zum Teil noch heute nicht eingesehen. Der Bund der Landwirte' verfuhr aus den gleichem Rücksichten in ähnlicher Weise. Auch ihm war der Antisemitismus bloS ein Vorspann, , ganz wie der Bimetallismus. Der Antrag Kanitz war damals noch nicht erfunden; sonst Hütte der Bund sich am Ende auch ohne Judenhetze beholfen und die jüdischen Grundbesitzer, die in seiner Mitte und genau so agrarisch waren wie ihre Berufsgenossen, unbehelligt gelassen. Ohne Halloh und Hussah giebt es aber keine rechte Agitation, und so mußten die Juden daran glauben. Die konservative Partei war damit demagogisch geworden, und nun gab es kein Halten mehr. Die Ernüchterung kam erst später, als der Gruß von Tivoli „hoch Ahlwardt!" die grobe Erwiderung fand: „Nieder mit den Juden und Junkern!" Bei allen diesen Vorgängen ist Freiherr von Hammerstein- Woßu nur einer unter vielen Akteuren gewesen. Er hat sich weder gröber noch nichtswürdigcr als andere benommen, und der Ton, den er anschlug, war einfach der Ton der Partei, deren Niveau die Herren von Wackerbarth und von Langen