Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 220 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 220. JeseHururr. Nr. 14. und viele damit angesteckt, haben das Volk demokratisiert und zu Säufern gemacht, betrügen und beuten uns immer und überall aus — und wir sollten so mit verschränkten Armen zuschauen? Wir sind bei uns zu Hause und „in seiner Hütte ist die eigene Wahrheit, die eigene Macht und Wille", schloß er mit einem Zitat aus seinem geliebten Dichter Szewczenks. - Und ivas beginnen, was machen? — rief Klara. — Mein Kind, — ich wiederhole nochmals: gieb den Weg, den Du bisher wandelst, auf, verlasse solche Leute, die keine Achtung und Sympathie verdienen und gehe zu uns über. Die aufgeregte Klara schnellte von ihrem Sitze empor. — „Herr Pfarrer! — Seit der Zeit, daß ich Sie kennen lernte, ist meine Ruhe und mein Glück dahin. Mein Herz ist verwundet, im meinem Geiste herrscht ein furchtbares Chaos und jetzt befinde ich mich am Scheidewege. Hinter wir sehe ich Händler, Schacherer, widerwärtige Gestalten, die mich mit Grauen und Ekel erfüllen, und vor mir . . . — Und vor Dir — setzte der Geistliche fort — hast Du eine andere Welt, eine Welt der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung. Wähle! Lange sprachen sie in diesem Sinne. Erst spät am Abend verließ Klara die Pfarrwohnung, von der alten Wirtschafterin des Probstes nach Hause begleitet. — Als sie an dem Hause des „Pächters", der ebenfalls Jude war, vorbeiging, vernahm sie lärmende ungeschulte Stimmen. — Was ist das? fragte sie ihre alte Begleiterin Jedwocha.- Das sind die hundsgläubigen Juden, welche so beten — gab diese zur Antwort. Diese Worte versetzten Klara einen Stich ins Herz. Sic beschleunigte ihre Schritte und seufzte: — Ach mein Gott! Warum hast Du mich als Jüdin erschaffen! V. „Bleibt gesund, Jedwocha, ich werde schon allein nach Hause gehen", verabschiedete Klara ihre Begleiterin und bog etwas von dem ins Wirtshaus führenden Stege ab. Sie bedurfte durchaus der Erholung, der Ruhe! In ihrem Geiste tobte ein Sturm, er wütete, in ihrer zarten Brust und erregte alle ihre Nerven. Ihr Herz sehnte sich nach einer mütterlichen Liebkosung, nach einer Umarmung des Vaters, nach einem Lächeln des Glückes; ihr Verstand schinachtete nach Worten, welche im Stande wären, das Netz der Ungewißheiten und Rätsel, in welches er verwickelt wurde, zu durchschneidcn und sie sühlt sich da so vereinsamt und sremd, obwohl das Elternhaus nur einige Schritte entfernt. Unweit der Schule befand sich ein Obstgarten. Klara betrat denselben, ließ sich aus eine niederige Bant nieder und senkte traurig ihr glühendes Haupt, lieber ihr breitete sich ein prachtvoller Birnbaum aus, mit seinen grünen Zweigen ihre Haare berührend, vor ihr war Dämmerung, Stille, von einem dumpfen, aus manchen Hütten dringenden Geräusche unterbrochen. Sie fühlte nicht die nächtliche Kühle, sie hörte nicht einmal das sich hinter den Bäumen vernehmbar machende Zwitschern der Vögel, sie weilte mit ihrem Herzen, ihren Gedanken wo anders. Der Morgen ihres Lebens, die glückliche, die gedankenlose Jugend kam ihr in Erinnerung. Sie war eine verhätschelte einzige Tochter, hüpste über Wiesen und Gärten, schwebte frei und lustig, sorgen- und pflichtenlos dahin. Als der „Belfer" (Behelfer, Hilfslehrer) kam, jagte sie ihn ohne weiteres davon, denn er war ein gräulicher Mensch. Da wollte sie schon lieber in die Schule gehen. Dort hatte sie Freundinnen, welche zerlumpt und barfuß gingen und unter ihnen war sie eine Königin. Dort erzählte man ihr solch interessante, schöne Geschichten, man zeigte Bildchen, zeichnete aus der Tafel und spielte zusammen. Das war ein Paradies . . . Wie schnell verstrich diese Zeit. In ihrem achten Jahre, veränderte sich plötzlich der Vater. Er ward streng und befahl durchaus beim „Belfer" Unterricht zu nehmen. Mit diesem unausstehlichen Jungen mußte sie dann einige Stunden sitzen und sonderbare, unverständliche Ausdrücke wiederholen. Das ließ sich nicht vermeiden, denn der Vater war sehr streng. Trotzdem konnte er sie nicht bewegen, daß sie zum Pächter gehe, wo die übrigen jüdischen Kinder zusammen lernten. Nicht für alle Schütze der Welt, — dort war ein solch Gedränge, Geräusch, ein solcher Schmutz.! , (Fortsetzung folgt.) Lose Hlättn. * Die Vergeltung. Talmud, Berachoth 5, 2. wird folgende Agada gegeben. Dem Rabbi Huna waren von seinein diebischen Gärtner alle seine Neben gestohlen, woraus er diesem die ihm zukommenden Reben als Entschädigung zurückbehielt. 'Nicht lange darauf wurden dem Rabbi Huna 400 Faß Wein sauer. Da gingen Rabbi Jehuda, Bruder Rabbi Silas des Frommen, und die Rabbinen zu ihm. Sie sprachen zu ihm: „Du mögest Deine Thaten prüfen." Rabbi Huna erwiderte: „Bin ich etwa verdächtig in Euren Augen?" Sie antworteten: „Ist denn etwa vom Heiligen (gelobt sei Er!) anzunehmen, daß er Strafe anserlege ohne Recht? (rk'n.xin run)" Jener entgegnete: „Ist jemand unter Euch, der über mich ein Unrecht gehört, der sage es." Sie sprachen: „Wir hörten, daß Tu Deinem Gärtner nicht die Reben gegeben." Da antwortete Er: „Hat et mir denn etwas von den meinigen gelassen? Er hat sie mir ja alle gestohlen." Sie erwiderten: „Dies ist wie die iGute sagen: „Wer den Stehler bestiehlt, hat. den Geschmack davon empfunden (270 ^27'." 2".' 82): -N'2)." Da erwiderte Rabbi Huna: „Wohlan, so nehm' ich aus mich, sie ihm zurückzugeben." -- Einige erzählen, der Essig verroch sich und wurde wieder Wein; andere: der Essig wurde sehr lener und für den Preis des Weines verkauft. Wenn irgend etwas, so können wir hieraus die überaus feine Zartyeit bewundern lernen, mit welcher das Gespräch zwischen Rabbi Huna und denen, die iym sein Unrecht (der Selbsthilfe) vvrführen wollten, gepflogen ward. — Noch eine andere Talmudstelle zeigt uns de» wunderbaren und geheimnisvollen Gang der göttlichen Vergeltung. — S. Taanit 2l, l. — Die Juden schickten einst ein Gescheut an den damaligen römischen Kaiser und wählten zum Gesandten den Nahnm, der wegen seines außerordentlichen Gottvertrauens schon oft den wunderbaren Beistand Gottes erfuhr. Sie übergaben ihm ein Kästchen mit Perlen und anderen Edelsteinen; als er jedoch irgendwo übernachtete, raubten ihm die Einwohner des Wirtshauses die Steine und füllte» das Kästchen mit Erde., Des Morgens bemerkte es Nabuui, sein erües Wort war jedoch? '72727 " 2.: „auch dies ist zum Guten!" — Er reiste nun zum Kaiser, und