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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-08 · 10 (8.3.1895) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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«eite 152. A e sch u r rr ri. Nr. 10. trüchtigkeiten sich zu verschanzen: dann verdienen sic eigentlich kein besseres Geschick als ihnen zu teil wird.' O, wollten doch Israel mit Mose sprechen: „Ich will doch zurückweichen, um diese große Erscheinung zu betrachten", wollte Israel doch nachgehen den tiefen Quellen, aus denen die edlen Kräfte seiner Volksseele sprudelten, ans deren Fluten die lautern, erhabenen, reinen Gestalten seiner Propheten emportauchten! — Feuilleton. De» Naters Schuld. Erzählung von Moritz Scherbel. ' (Schluß). Die beiden Studenten wurden in L. auf dem Bahnhofe von dem alten Ulrich empfangen. Dieser war scharfblickend genug, um von den Gesichtern der Angekommenen schon zu lesen, daß irgend etwas Außerordentliches sie zu so ungewohnter Zeit und ohne vorangegangene Einleitung nach L. bringe. Allein er hielt mit jeder Bemerkung hierüber inne, da ihm ja doch bald im Hause Aufschluß darüber werden wurde. Es war nicht das ungehemmte Frohgefühl, mit welchem die beiden bei ihrem vorigen Eintreffen daselbst begrüßt wurden. Eine dunkle, unheimliche Ahnung hatte bereits die Familie Ulrich von dem, was ihrer wartete, ergriffen, ganz besonders sichtbar an Emilie. Indes gab man sich Mühe den Eingetroffenen ein ziemlich freundliches „Willkommen" entgegen zu bringen. Das war zur Mittagszeit. Man nahm das vorbereitete Mahl unter verschiedenen gleichgiltigen Gesprächen ein, wobei eine gewissermaßen erzwungene Gleichgiltigkeit von alle» Teilnehmern zur Schau getragen wurde. Eine Art Scheu hielt jeden davon ab nach dem zu fragen, was Eduard und seinen Freund nach L. geführt. So ging auchder Nachmittag dahin. Aber am Abend war es, wo Eduard die Einleitung zu der Eröffnung traf, die ihm so schwer auf dem Herzen lag. Er begann von den religiösen Zuständen zu sprechen, wie sie in der Großstadt so vorherrschend, von der Ignorierung des Judentums in den großen, vornehmen Häusern und führte, ohne dabei einen 'Namen zu nennen, den Fall vor, wie er eben hier vorlag. — Der alte Ulrich hatte aufmerksam dieses alles mitangehört. Er richtete seinen Blick prüfend aus Ludwig. Er wußte, daß dessen elterliches Haus zu eben den geschilderten gehöre. Er gewahrte an dem junge Neinseld eine auffallende Bläffe, bemerkte die Unstetigkeil seines Blickes und hundert Kennzeichen einer inneren heftigen Bewegung gewiß, sein Gast war es, an dein dessen Vater in früher Jugend den Taufakt hatte vornehmen lassen. Dieses stand bei dem Manne der Erfahrung fest, der sich nun auch die Herreise der beiden, die Verstimmung, die aus ihren Gesichtern lag' zu erklären wußte. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Klärung der Situation. Der Klempner Ulrich war nicht derjenige, der, wenn es nötig war, mit seinen Mutmaßungen lange hinter dem Berge hielt. „Wenn ich nicht irre, Herr Neinseld" — begann er jetzt, „so geht das, was mein Sohn jetzt erzählt hat. Sie mehr als jeden andern an. Vielleicht sind Sie gar selbst. . . . „So ist es" sprach Ludwig, von seinem Sitze sich erhebend — „Ich selbst bin das Opfer der väterlichen Willkür, bin als siebenjähriger Knabe getauft — also Christ wider Willen. Ich kannte selbstverständlich in jener Zeit die Bedeutung des Aktes nicht, der an mir vollzogen. Ich habe später ebensowenig Gelegenheit genommen, meinem Vater für das, was er jedenfalls in bester Absicht mit mir vorgenommen hatte, zu danken, als ihn dafür zu tadeln. Der Gedanke, daß ich Christ bin, lebte so unbestimmt in mir, daß ich jahrelang daran vergessen konnte. Kurz nach meiner Immatrikulation wurde ich von meinem Vater ganz besonders daran errinnert und von ihm auf die bessern Chancen hingewiesen, die sich als Christ mir in meiner Karriere eröffneten. Ich habe ihm damals meine Anerkennung hierfür offen und frei versagt, aber ich habe nicht daran gedacht, daß ich jemals dazu gelangen werde, ihm daraus einen Vorwurf machen zu müssen. Doch es geschah. Ich kam in dieses Haus und fand in ihm eine Gastfreundschaft, ein Wohlbehagen, wie beides mir noch nie zu Teil geworden. Die Art und Weise, wie ich hier das Judentum zum Ausdruck gebracht sah, ließ in mir in einzelnen Augenblicken das Bedauern auftanchen, daß ich ihm nicht mehr angehörig bin. Ich Hütte letzteres vielleicht offenbaren sollen, nmsomehr als ich versichert sein durfte, daß sich Ihre Zuneigung für mich dadurch nicht im geringsten vermindern würde. Ich that es nicht, und das ist mein Vergehen. Ich folgte vielmehr dem Gefühle, das mich zu Emilie hinzog und täglich mehr Raum bei mir gewann, ohne dabei die Schranken in Betracht zu ziehen, die mich von ihr trennen, und als es zuletzt geschah, hatte ich keine Gewalt mehr über mich." Er - schwieg. Die Ucberraschnng, die durch das Mitgeteilte bei den Anwesenden herbeigeführt wurde, war eine allgemeine, aber in ihrer Wirkung doch nicht ganz gleiche. Dem alten Ulrich war dabei eine besonders peinliche Empfindung durchaus nicht anzumerken. — Er hatte immer, indem er überhaupt an der Möglichkeit dieser Verbindung gezmeifelt; eilt Mißtrauen derselben gegenüber nicht überwinden können und die nur für sie eingetretene Unmöglichkeit konnte ihm ziemlich gleichgiltig sein. Ganz anders nahm seine Gattin die Enthüllung Ludwigs auf. Wir wissen ja doch, daß die Mütter in dieser Beziehung ihren Kindern viel näher stehen als die Väter, sie empfinden, fühlen, begreifen und teilen mebr dergleichen Vorgänge in den Herzen ihrer Töchter oder auch Söhne. Frau Ulrich freute sich in innersten Seele des Glückes, das ibrem Kinde bevorstaud, das da liebte und geliebt ward und hatte kaum seine Erhebung zu dem voruebmen Stand dabei im Auge; was sie jetzt vernommen, mußte ihr daher eine große schmerzliche Enttäuschung bereiten. Blinder niedergeschlagen sah Tonn aus, sie hatte, wie ibr Vater, dem bevorstehenden Glücke ihrer Schwester keine große Hosinungen entgegengebracht; ihr scharfer Verstand fand alle die unliebsamen Momente heraus, welche, wenn die Verbindung sich vollzogen, das wahre eheliche Glück ibrer Schwester stark beeinträchtigen würde, wobei dann der Hoch mut des Bankhauses, womit man auf die gewonnene Schwiegertochter'aus gewöhnlicher Familie herabblicken, nicht das letzte sein würde.

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