Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5682 - 1921/22
- Article
- Max Nordau, Dicta clarissima
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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sind. Eine Winterlandschaft hat ihre Schönheit. Der Eispanzer der Ströme, die Schneedecke der Gefilde geben ein düsteres Bild von Grabesruhe, von weihevoller Trauerstimmung um den großen Pan, der tot ist. Die Frühlingslandschaft hat eine andere, fröhlichere Schönheit. Die Wasser murmeln und glitzern, die Felder grünen und blühen, neues Leben waltet und webt überall. Nun aber der Übergang von dem einen Bilde zum andern! Die erste Wirkung der Frühlingssonne ist, daß sie die Winterlandschaft zerstört, ohne sie jedoch sofort durch die Frühlingslandschaft ersetzen zu können. Zwischen den beiden liegt ein häßlicher Zwischenraum, der unleidlich wäre, wenn die Gewißheit, daß er zu neuer Schönheit hinüberleitet, seine Häßlichkeit nicht erträglich machen würde. Die blanke Eisdecke der Ströme zerbröckelt in einen grauen, lehmbeschmutzten Eisbrei, das reine glatte Schneelaken schmilzt und läßt bodenlosen Schlamm zurück; eine Weile scheint die Landschaft eine einzige Kotpfütze, bis sie sich allmählich mit glorreichem Grün überzieht und mit den bunten Farben der Blumen schmückt. Etwas ganz Ähnliches erleben wir gegenwärtig im Judentum. Es glich bisher einer Winterlandschaft. Alles war starr, alles war bleich und kalt. Aber die reglosen Formen waren monumental. Das Bild hatte Majestät; die Majestät des Todes. 153