Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5682 - 1921/22
- Article
- Pinsker, Autoemanzipation, 1882
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 6)
- Language
- German
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Im allgemeinen besitzt kein Volk eine Vorliebe für den Ausländer. Unterliegt nun der Jude diesem allgemeinen Gesetze in gleichem Matze wie die übrigen National!- täten? keineswegs! Die Abneigung, die dem Ausländer im fremden Lande entgegentritt, kann in dessen ßeimat mit gleicher Münze vergolten werden. Ohne Anstotz und offen verfolgt der Nichtjude im Ausland seine eigenen Interessen. Der Ausländer braucht im fremden Lande kein Patriot zu sein oder zu scheinen. Der Jude aber ist in seiner ßeimat nickt nur kein Ginheimiscker, er ist auch kein Ausländer, er ist recht eigentlich ein fremder „Kat' ejcocben“. Man sieht in ihm wederden freund noch den feind, sondern einen Unbekannten, von welchem nur bekannt ist, datz er keine Heimat besitzt. Dem Ausländer mag man nicht vertrauen; dem Juden — nicht trauen. Der Ausländer beansprucht eine Gastfreundschaft, welche er mit gleicher Münze bezahlen kann. Der Jude kann auf solche Weise nicht quittieren; er darf daher keine Ansprüche macken auf Gastfreundschaft. €r ist kein Gast —, eher gleicht er dem Bettler; und welcher Bettler ist willkommen? Cher ist er ein Scbutjbedürftiger. Und wo ist der Schutz bedürftige, dem Sckutz nicht auch verweigert werden könnte? Die Juden sind fremdlinge, welche keine Vertreter haben können, weil sie kein Vaterland haben. Weil sie ein solches nicht haben, weil ihre Beimat ohne Grenzen ist, hinter denen sie 45