Soncino-Blätter
- Journal
- Soncino-Blätter
- Volume
- I. Band 1925-1926
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 171)
- Language
- German
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feine Erfahrung und feine Schöpferkraft. Mit all diefem nährte er unfere Gefellfchaft vom Augenblicke an, in dem der Gedanke, fie zu fchaffen, lebendig wurde, Es war nur billig, daß er Vorfitzender einer Organifation wurde, die ohne ihn heut fehlen-\vürde. Niemand hätte auch nur ahnen können, daß wir fo bald in der fchmerzlichen Pflicht flehen würden, ihm, Siegfried Wolff, dem immer Lebendigen, der vibrierte vor Anteil, Wachheit und Werkfreude, den Nachruf zu fchreiben. Und faflüngslos, wahrhaft gebannt von dem Unvcrftändlichen, blieben wir zurück, als er von uns ging. Vorher fchon, im Kriege, war fein Bruder Alfred Wolff vergangen - einer jener geiftigen, einfichtigen Jungmenfchen, die, nur von wenigen gekannt, diefen Wenigen Hoffnung und Freude auf ihre Reife machen. Er wurde aus der Reihe geriflen; und nun ging auch der von den beiden den Weg ins Verflummen, den das Schickfal aufgefpart hatte bis nun. Wir werden ihn nie vergeflen, nicht feine leife Stimme, nicht den klugen Blick feiner Augen, nicht feine Stirn, hinter der fo viele Einfälle und eine fo große Begeifterung für Bücher herrfchte. Bücher haben ihre Schickfale, aber fie fchaffen auch Schickfale. Zu allen Zeiten der Menfchheit find fie leidenfehaftlich geliebt worden, nahmen fie Befitz von der menfehlichen Seele ganz; und fie konnten es, weil fie bis in ihre letzte Geflaltung hinein unmittelbare Gaben des Geiftes und des Seelenhaften find. Die Soncino- Gefellfchaft hat die Pflicht, das Gedächtnis Siegfried Wolffs noch anders zu ehren als nur durch einen Nachruf; nämlich durch die Arbeit, die wir Verbleibenden in ihr zu leiden hoffen, und in der wir verflachen müflen, ihn zu erfetzen. Ihr Beliehen, fo lange es dauert, wird mit ihm verbunden bleiben. Nun ruht er, dahingegangen fh 1 wie Menfchen dahingehen, aus dem Ungewußten ins Unbewußte,; nach einer kurzen Spanne im hellen Licht. Die Erde, in der er ruht, gebe ihm gute Ruhe, der Hügel über ihm, er fei ihm leicht. - ARNOLD ZWEIG t »54