Soncino-Blätter
- Journal
- Soncino-Blätter
- Volume
- I. Band 1925-1926
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
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reine deutsche Sprache in die Masse der Juden hineingetragen wurde, lagen in ihrer ursprünglichen Form vordem Ausstellung besucher. Man hätte allerdings gewünscht, daß hier die Bibliothek etwas reichhaltigeres Material hätte zusammenbringen und auch den hebräischen Schriftsteller Mendelssohn noch mehr zu seinem Rechte hätte kommen lassen können, allein die Gesamtintention der Ausstellung wurde durch diese kleine Lücke kaum berührt. Erfreulich war es auch, daß in der Vitrine an der ihm durch den historischen Zusammenhang gegebenen Stelle auch das berühmte Emänzipations* werk des preußischen Kriegsrats Christian Wilhelm von Dohm »Über die bürgerliche Verbesserung der Juden« (1781 und 83) lag. Die Übersicht über Mendelssohns Werke wurde ergänzend umrahmt von Werken seiner Zeitgenossen, mit denen er in be* stimmter literarischer Beziehung gestanden hat. Auch hier bot die Bibliothek aus ihren Beständen schöne Erstdrucke von Lessing, Nicolai, Thomas Abt, Garve, Sulzer, J. J. Engel, Jacobi, Lavater und anderen. Alf diese Männer, vor allem natürlich Mendelssohn, waren dann noch im Porträt vertreten. Es war überraschend, welch eine Fülle von Graphiken die Bibliothek zu* sammenget ragen hatte, und in wie vielfachen Abwandlungen sie das physiognomische Bild Mendelssohns zeigen konnte. Am meisten bewundert wurde eine Rötel* Zeichnung von Chodowiecki, die sich übrigens im Besitz des Museums der Berliner jüdischen Gemeinde befindet, ein Bild auf Elfenbein' von einem unbekannten Künstler und eine von dem jüdischen Steinschneider und Medailleur Jacob Abraham angefertigte Silbermünze, deren Revers Totenschädel und Falter des Phädonkupfers von J. W. Meil trägt. Interessanter aber als dies noch war das, was die Ausstellung an handschriftlichem Material zur Schau stellen konnte. Man sah z. B. zwei Briefe, die Moses Mendelssohn mit seiner schönen, vom Vater ererbten klaren 84 Handschrift an seine Braut Frumet Gugen* heim in Hamburg geschrieben hatte, sah die Übersetzung des 45. Psalms von seiner Hand und j enenBrief an den Erbprinzen von Braun* schweig, in dem er freimütig seine Ansicht über das Christentum aussprach. Die Glanz* stücke dieser handschriftlichen Abteilung der Ausstellung waren aber wohl das Ge* neral * Schutz* und Handlungsprivilegium, das in ausdrücklicher Anerkennung von Mendelssohns Verdiensten seiner Witwe und seiner Nachkommenschaft im Jahre 1787 von dem neuen König Friedrich Wilhelm II. verliehen wurde, und das Stammbuch des H aushhrers von Mendelssohns Kindern und späteren Aurklärungsdiktators Herz Horn* berg. Enthält doch dieses Stammbuch neben den Schattenrissen und Eintragungen von Mendelssohn und seinen Angehörigen auch Silhouetten und Eintragungen aller wich* tigsten Mitglieder des Mendelssohnscheir Kreises und macht so durch Vorführungeben dieser wichtigsten Repräsentanten diesen Kreis wie die gesamte Zeit lebendig. An diesem Punkte gewann man überhaupt den kritischen Maßstab zur Beurteilungdieses ganzen Ausstellungsunternehmens und spe* ziell die Einstellung zu dem in den Druck* werken sich dokumentierenden Einzelteile. Es muß restlos anerkannt werden, daß für den, der über Mendelssohns Leben und Werk orientiert war, die gesamte Ausstellung höchst Befriedigendes bot, und daß sich ihm an Druckwerken, Bildern und Handschrift« lichem noch einmal die beziehungsreiche Wirksamkeit von Moses Mendelssohn auf* reihte und abrollte. Aber es gehörte eben zu diesem Effekt das vorangehende Wissen, ohne das der volle Genuß und Erfolgder Aus* Stellung stark beeinträchtigt bleiben mußte. Ohne das Wissen um die historischeSituation, in der Mendelssohn auftrat, ohne die Kennt« nis der Auf klärungsperiode im allgemeinen und ohne einen genaueren Einblick in die politische und kulturelle Lage des jüdischen Elements im besonderen mußte immerhin die Wirkung dieser Ausstellung gleich der eines