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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-07-01 · 7 (1.7.1938) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
7 (1.7.1938)
Date
1938-07-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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U. Jhrg./Nr. 7 )M)KkM Qtimlid»bl«M fflr di« Synagoge« Oeeieled«« hi 7r«H«ii/Morddeetocfcleed 1. JO 19U Abraham Goldfaden Von Dr. Sally Rabinowitz Es ist just dreißig Jahre her — im Januar 1908 war es — da bewegte sich ein Leichen* zug durch die Straßen des New Yorker Ghettos, die schwarz waren von Menschen, und hunderttausend Juden drängten sich, um den Sarg zu berühren. Den man da begrub, Mar Abraham Goldfaden, und nicht die dürren Worte der Biographie dieses Mannes, wie sie das Lexikon bereitwillig gibt, nicht seine Verdienste als hebräischer und jiddischer Poet oder als Schöpfer des jiddischen Theaters geben eine genügende Erklärung für solch leidenschaftliche Trauer einer riesigen anonymen Masse. Man muß sich freimachen von den üblichen Maßstäben literarischer Kritik, die eine kausale Beziehung konsumieren will zwischen künstlerischer Leistung und ihrer Wirkung. Eine kritische Würdigung würde nur zu geringen Ergebnissen kommen; die Ursachen seiner ungeheuren, nun seit vier Generationen ungeminderten Popularität, das leidenschaftliche Jasagen von Millionen ostjüdischer Menschen in allen Teilen der Welt zu seiner Kunst wird man aus anderen Quellen herleiten müssen. Man muß an das Ostjudentum von der historischen und kulturhistorischen Seite herangehen, wenn man es in seiner so stark ausgeprägten Eigenart verstehen will. In der Stärke eines Millionenvolkes auf den Raum einer Enklave zusammengedrängt, hat es unter der Einwirkung von äußeren Kräften, die seiner Assimilation entgegenstanden, sein eigenes völkisches Leben durch die Stadien der geschichtlichen Entwicklung geführt. Wie jede Volksmasse bestand es aus einem stark massierten Volkskern und einer dünnen Schicht einer Intelligenz, in welcher schon zentrifugale Kräfte walteten. Beiden aber, dem Kern wie der Epidermis, gemeinsam war die Volkssprache, das Jiddische, und wie gerade die Kräfte, die die Oberschicht zentrumsflüchtig und assimilationsbereit machten, auf das Schöpferischwerden der Sprache in einer Literatur befruchtend einwirkten, ist bekannt. Die jiddische schöne Literatur, die uns in ihren . Vätern Mendele und Scholem Alejcbem schon erstaunlich fertig entgegentritt, hat nichtsdestoweniger in ihrem kurzen Dasein einen großen Teil der weltliterarischen Strömungen mitgemacht, und in der den Erscheinungen der Weltkultur zugeneigten jiddischen Intelligenz ist die ästhetisierende Kritik und der ewige Wechsel der literarischen Mode genau so gut zuhause wie sonstwo. Das Volk aber in seiner Masse, dem die junge jiddische Literatur auch Dichter gebar, denen ein Gott zu sagen gab, was es liebt und leidet, ist konservativ geblieben, wohin es sich auch von seinem ostjüdischen Zentrum hinweg zerstreut haben mag, und die Volksdichter der Haskalazeit, wie Goldfaden oder Eljokum Zunser, die eine strenge Kunstkritik am liebsten als „Bänkelsänger*4 übergehen möchte, sind heute noch immer „seine*4 Dichter. Denn sie singen aus seiner, des Volkes, Seele, in der der unverwüstliche Frohsinn waltet, der sich von keiner Not und Verzweiflung überwältigen läßt, der durch Tränen lachende Humor und die sehnsuchtsvolle Schwermut des Judeseins, für dessen tragisches Ringen und unauslöschliches Hoffen sie die echten Töne finden. Sie fragen nicht nach ästhetischen Postulaten, die Grenze zwischen Kunst und Kitsch macht ihnen kein Kopfzerbrechen, und die uns schauderhaft erscheinende Mache in diesen Couplets oder „Stücken mit Gesang** läßt sie kalt, denn sie wissen: das alles ist ja nur Vorwand, um die Schätae der jüdischen Seele vor uns anssubreiten, ihre Lyrik und ihren Humor, und, so grotesk diese Tragödien, Komödien und Operetten uns erscheinen mögen — dem Volk gaben sie nicht nur Zerstreuung und Entspannung, sondern manche weihevolle Stunde, und geben es ihm noch heute. Von diesem Blickpunkt aus muß Goldfaden und seine riesige Produktion betrachtet werden. In einem seiner bekanntesten Stücke, den „Messiaszeiten** aus dem Jahre 1891, steht ein Couplet, dessen Popularität bei den jiddischen Massen der ganzen Welt sich nun bald ein halbes Jahrhundert hindurch unvermindert erhalten hat. Wir setzen hier eine notdürftige Verdeutschung der ersten Strophe hin: Wenn Wanderer gehn, Bleiben sie stehn Und küssen den Stein eines Grabes dort; Sie küssen ihn scheu: Er hütet in Treu* Der Mutter Rahels heiligen Ort. Oh Rahel, Rahel, wach auf und sieh Auf deine Kinder, verweint und bang! Wach auf, oh Mutter, und schaue auf sic Und frage den Vater: Wie lang noch, [wie lang? Doch wenn das Schofar Moschiachs ertönt, Entsteigt sie dem Grabe verjüngt und [verschönt. Und von sich wirft sie das Trauerkleid Und schaut sich um in heil’ger Freud’ — Da, auf der Stell* Wird alles hell. Die Sonne strahlt am Himmel; Von dort und hier Strömt hin zu ihr Der Kinder froh Gewimmel. Geschmückt das Haupt mit gold’nem Kranz Bewegt sie sich im Freudentanz: Jisrael ist neu geboren, Jisrael ist nicht verloren — Singt mit mir: Lob sei dir. Großer starker Gott! Dieser Strophe folgen noch zwei weitere, in denen Dawid der König und Jehuda der Held erscheinen. Man wird sagen: mangelhafte Form, abgegriffene Szenerie, Spekulation mit billigen Effekten, und man hat damit nicht unrecht. Aber — danach fragt die Masse nicht, die im jiddischen Theater sitzt. Wie damals, als das Lied wie ein Blitz in ihre jüdische Existenz hineinschlug, lebt sie noch heute allerorts ihr jüdisches Geschick; immer noch weint Rahel um ihre Kinder, immer noch ertönt die Frage: wie lange noch?, und immer noch flüchtet ihre Hoff« nttng hin zu den goldenen Wolkensäumen der Verheißung. Für sie ist an dem Lied nichts ungültig geworden und nichts unmodern, und darum hält sie fest an ihm und an seinem Schöpfer. Noch ein zweiter Grund macht das verständlich, das ist die Musik. Goldfaden hat tu allen seinen Stücken selbst die Musik gemacht. Ob er, der Notenunkundige, sie in unserem Sinne „komponiert** hat oder ob er sie aus dem alten Bronnen der jüdischen Volksmusik schöpfte — einerlei: diese Musik ist jüdisch wie ihr Text und seine Tendenz, und, so seltsam es klingen mag: gerade das macht Goldfadens im Kunststil unmöglichen Stücke jüdisch stilrein. Denn diese naiven Verse klingen in der Melodie der jüdischen Gass*, in jenen Mollkadenzen und innigen Steigern, die vom ostjüdischen Chasonus herkommen, in der Melodie, die der jüdischen Masse sagthier ist Heimat und Vaterhaus. Oh die „Rosinkea und Mandeln**, die in Goldfadens „Schulamith** stehen, von .»hm „komponiert44 sind oder nicht, ist belanglos; auch der Text ist unbeachtlich, aber die Melodie ist eines der schönsten und innigsten Stückchen jüdischer ■Musik. Vielleicht war es schon vor Goldfaden da; es mußte nur erst durch ihn hindurchgehen, um zum „Volkslied*4 zu werden. Goldfaden, der als formgewandter hebräischer Lyriker anfing, ist in seinen Stücken, wie man so sagt, „zum Volke hinabgestiegen*4. Aber zum Volk steigt man nicht hinab, wenn man es lieht, und Goldfaden hat es geliebt. Grobheit der Mittel, Konzessionen an den schlechten Geschmack. Kitsch und Schablone — alles zugestanden; .er hat sie benutzt, um aus der Seele des Volkes heraus all das zu singen, was sie in Leid und Freud bewegte. Um dessentwillen hat das Volk ihm seine Liehe vergolten und haben auf seiuem letzten Gang hunderttausend Juden sich k herbeigedrängt, um seinen Sarg zu berühren. J Ml sehe Kinder In den Perlen «5* •i * '* \y\ •••% Zugleich «in« Aufforderung: Stellt Mittel zur Ferien-Verschlckung s erholungsbedürftiger jüdischer Kinder zur Verfügung!

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