Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 3 (1.3.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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(lichte mit seinem inneren Ohr zu hören vermag. Hier spricht ••ine gläubige Seele, erfüllt von tiefer Religiosität — die nicht immer nur jüdisch ist — ju ihrem Gott, der ihr nahe ist in allen Wundem dieser Welt, wie einst Spinoza und die Chassidim. Daß ein Künstler von so unendlich feiner Formung der Sprache, ein Naturlyriker von solchem Reichtum der Bilder uns Gedichte schenkt, deren jüdischer Gehalt nicht erst in diesen letzten Jahren gewachsen ist, sollten wir mit Demut und Dankbarkeit aufnehmen. — Ein auch im Aeußeren reizendes Gedichtbändchen für Menschen jeden Alters. E. G-n. Aus der Grenzmark Der Bezirksverband der Jüdischen Gemeinden der Grenzmark veranstaltete zusammen mit dem Provinzialverband für Jüdische Wohlfahrtspflege der Grenzmark und der Jüdischen Darlehnskasse, Schneidemühl, am 19. Januar in Schneidemühl eine Delegiertentagung, an der für die Ueichsvertretung der Juden in Deutschland Herr Dr. (i. L u b i n s k i und für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden dessen Präsident, Herr Kammergerichtsrat i. R. Leo W o 1 f f teilnahmen. Die Tagung war von etwa 40 Vertrauensleuten und Delegierten der Grenzmarkgemeinden besucht. Den Bericht über die Arbeit des Bezirksverbandes der jüdischen Gemeinden erstattete Bezirksrabbiner l)r. Jospe; er führte im Wesentlichen folgendes aus: Die Tätigkeit des Bezirksverbandes hat zwei Hauptziele, ein religiöses und ein sozial-politisches. Auf religiösem Gebiete besteht die Aufgabe des Bezirksverbandes in der Schaffung von Möglichkeiten zur religiösen Belehrung, Erhaltung des Gottesdienstes, Förderung und Intensivierung des Gemeinschaftsgefühls und des jüdischen Lebens. Die Verwirklichung dieser Aufgaben ist besonders in der großen Anzahl der beamtenlosen Gemeinden zu erstreben, in die nur einmal wöchentlich aus einer anderen Gemeinde der Beamte zur Erteilung des Unterrichts kommt. Die Erfüllung dieser Aufgaben liegt im Wesentlichen beim Be- /irksrabbiner. Der Bezirksrabbiner hat in der Zeit vom 1. Februar bis zum 31. Dezember 1935 in 55 Reisen die einzelnen Gemeinden besucht, dabei 22 Gottesdienste mit Predigt veranstaltet, 11 Schulinspektionen durchgeführt und 33 Mal an Sitzungen oder Besprechungen der Gemeindekörperschaften teilgenommen. Die Gottesdienste wurden zum größten Teil durch Herrn Kantor Holländer (Schneidemühl) künstlerisch ausgestaltet. Ebenfalls dem geistigen Teil der Gemeindearbeit dienten auch die Kulturfahrten und die Wanderbücherei des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Die andere Aufgabe des Bezirksverbandes besteht in seiner Tätigkeit zur Erhaltung der Gemeinden und ihrer Institutionen. Die Gemeinden leiden durch Ueberalterung und durch überaus starke Abwanderung. Die Grenzmark hatte im Jahre 1932 noch ca. 3200 Juden. Am 1. Januar 1935 sind nach vorsichtiger Schätzung nur etwa noch 1750 vorhanden. Die Schneidemühler Seelenzahl ist von 825 im Jahre 1927 auf 335 Anfang 1935 zurückgegangen. Davon sind 192 Seelen über 50 und noch 49 über 70 Jahre. Infolge Veränderung der wirtschaftlichen Lage und der starken Abwanderung ist die Steuerfähigkeit der Gemeinden außerordentlich gesunken. In den meisten Fällen konnte der Preußische Landesverband eingreifen. Die Summen, die der Landesverband zur Sicherung der Gemeindeinstitutionen im Jahre 1935 für die Grenzmark ausgeworfen hat, zeigen in ihrer Höhe in eindrucksvoller Weise die Solidarität der jüdischen Gemeinschaft. Eine besondere Regelung wird schon in nächster Zeit in steuerlicher Hinsicht für die Gemeinden notwendig sein. Es gibt Gemeinden, die zwischen 60—90 '/• jüdische Steuern erheben, und es gibt andererseits Gemeinden, die infolge der Zahlungsträgheit ihrer Mitglieder selbst bei noch nicht 25 */• Steuern Zuschüsse aus zentralen Mitteln in Anspruch nehmen. Es soll innerhalb des Bezirksverbandes ein Gremium gebildet werden, das die Frage einer einheitlichen provinziellen Steuerregelung bearbeiten und versuchen wird, Kräfte gegen die Teilnahmslosigkeit an der Gesamtverantwortung zu mobilisieren. Nach Herrn Rabbiner Jospe ergriff Herr Kammergerichtsrat i. R. Leo W o 1 f f das Wort. Er sprach seinen Dank für die geleistete Arbeit aus und erstattete sodann einen detaillierten Bericht über die Arbeit des Landesverbandes, seine Bestrebungen und Pläne. Der Abend vereinte die Schneidemühler Gemeindemitglieder, die Delegierten und zahlreiche Gäste aus der Grenzmark zu einer Kundgebung in der Synagoge. Rabbiner Dr. Jospe begrüßte die Anwesenden. Der Tag habe Erkenntnisse gebracht, die in ihrer statistischen Nüchternheit erschütternd sind. Jede Erkenntnis ist sinnlos, wenn sie nicht Kräfte aktiviert. ,So verdichtet sich die Erkenntnis unseres Lebens zum Bekenntnis zu den gestaltenden Kräften der jüdischen Gemeinschaft. Die Darstellung der Arbeit der zentralen Organisationen für die Gemeinden ist die Sichtbarmachung dieser vitalen Kraft der jüdischen Solidarität. Im Anschluß an diese Ausführung nahm Herr Kammergerichtsrat i. R. Wolff das Wort zu einer weit angelegten Darstellung der Arbeit des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und der gestaltenden moralischen Kräfte, die die Triebfeder des Landesverbandes und aller jüdischen zentralen Arbeit sind. Herr Dr. G. Lubinski charakterisierte den Wandel jüdischer Arbeit und berichtete über die Tätigkeit der Reichsvertretung der Juden in Deutschland; er kennzeichnete ihre Grenzen, ihre Motive und ihre Aufgabengebiete. Der Abend wurde in eindrucksvoller Weise durch mehrere Gesänge von Herrn Kantor Holländer und durch das Spiel von Herrn Organisten Rosenthal (Schneidemühl) umrahmt. Aus Schleswig-Holstein und den Hansestädten Vor kurzem fand in Hamburg eine Tagung des Verbandes der jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins und der Hansestädte statt, dem auch der benachbarte preußische Regierungsbezirk Stade und Oldenburg angeschlossen sind. Als Vertreter der Reichsvertretung war Dr. Lilienthal, für den Preußischen Landesverband Dr. Schildberger zugegen. Der Geschäftsbericht, den Rechtsanwalt David, der Vorsitzende des Großen Ausschusses des Verbandes erstattete, zeigte, daß der Verband in der Hauptsache sein Augenmerk auf die Betreuung der in den kleinen Orten vereinzelt wohnenden Juden richtet. Der Verband umfaßt 30 ganz kleine Gemeinden und 85 Orte, an denen einzelne jüdische Familien wohnen, die vom jüdischen Gemeinschaftsleben so gut wie abgeschlossen sind. Hier wurden durch produktive Unterstützung, Wohlfahrtsarbeit und jüdischen Unterrricht sowie durch Kulturveranstaltungen jüdisches Bewußtsein und jüdische Existenzen erhalten. Außer der Vereinigung von Kindern aus diesen Kleinstgemeinden an den Feiertagen in Hamburg, Altona und Lübeck wird beabsichtigt, Kurse für die jüdischen Frauen aus diesen kleinen Orten abzuhalten, um sie in jüdischem Pflichttum zu unterrichten und ihnen Regeln für die Lebenshaltung zu geben. Dr. Lilienthal hielt ein größeres Referat, in dem er insbesondere auf die Betreuung der Jugend einging. Die Volksschule solle zwar zur jüdischen Schule an sich werden, es seien aber in den Großstädten einzelne höhere Schulen vorgesehen und man beabsichtige, wenigstens eine Anstalt mit humanistischem Charakter für ganz Deutschland zu errichten. Der zum Oberrabiner Von Hamburg gewählte jetzige Oberrabiner des Verbandes, Dr. Josef Carlebach (Altona), erstattete einen Kulturbericht. Dr. Schildberger vom Preußischen Landesverband sprach über die Aufgaben des Landesverbandes und gab den einzelnen Gemeindevertretern Gelegenheit, sich mit all ihren Sorgen und Nöten an ihn zu wenden. Wie Rabbiner Dr. Winter (Lübeck) in seinem Schlußwort betonte, lag der Wert der Tagung vor allem in der Tatsache, daß Menschen aus den kleinen Gemeinden wieder einmal die Möglichkeit hatten, in jüdischem Kreise sich auszusprechen und sich als Glieder eines großen Ganzen zu fühlen. 16