Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 1 (1.1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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GEHEINDEB1ATT FÜR. ME JÜDISCHEN GEMEINDEN PREUSSENS VE RWALTU N G S BLATT ÄSSSj; DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN AUe Zmdoifteo *tod ni ridsten an da* Verwaltung*- und Geaeiadeblatt de* Preufikdien Lande*vnbande* lodluher Cmelndrn, Bln.-Ch*rk>ttenbur*2, Kanter.US, II.Stock Der Irnwnli <0r die Elnzelnaauner betritt lt Pfennig. Verantvortlfcber lelter de* Inaeratentell«: Joaeph Jastrow, Berlin S 43, Rltteratiafie 36 13. Jahrgang Berlin, den 1. Januar 1935 Nr. 1 Totalitätsanspruch der Gemeinden Die vorliegende Nummer unseres Blattes — das im Verlaufe des nun vergangenen Jahres aus einem nur amtlichen Verwaltungsorgan zu einer vielseitigen und lebendigen Gemeindezeitung umgestaltet wurde — erscheint zu einem Zeitpunkt, den auch wir Juden, Ohne darüber die religiöse Bedeutung unseres jüdischen Neujahrsfestes auch nur im geringsten anzutasten, als bedeutsamen Zeiteinschnitt empfinden; das bürgerliche Jahr ist auch unser bürgerliches Jahr, das allgemeine Neujahrsfest ist eine Jahreswende auch für uns. Diese Tatsache weist uns auf eine weitere, ungleich größere hin und stellt sie uns deutlich vor Augen: alle Menschen sind Kinder der Zeit; auch — und’ in aller Absonderung noch — wir deutschen Juden. Ist doch diese Absonderung hervorgerufen durch die allgemeinen Zeitgedanken; sie sind es, die unser Leben in einem so grundstürzend neuen und freilich von uns nicht gewollten Sinne formten, und die daher auch in unsere eigenen Reihen Eingang fanden, Köpfe und Herzen zwingend, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Von allen Zeitgedanken war es vor allem einer, dessen Voraussetzungen bei uns zumindest ebenso stark Vorlagen wie draußen, so daß er bei seinem Siegeszug durch die Welt vor den Toren der jüdischen Gemeinschaft nicht haltmachte —: in fernsten Ländern, in unserm eigenen Vaterlande und nicht weniger in unserer jüdischen Gemeinschaft erweckte die äußere Not — sie mochte politischer oder wirtschaftlicher Art sein — und die Sehnsucht, sie zu meistern, den Gedanken, im Innern alle Kräfte zusammenzufassen. Wahrlich, die jüdische Gemeinschaft rang all die Jahre schon schwer genug um die Aufrechterhaltung ihrer Existenz und all der in ihr beschlossenen Einzelexistenzen —: es konnte nicht ausbleiben, daß auch aus unserer Mitte der Ruf nach parteibefreitem Gemeinschaftsleben erklang, dem alsbald ein zweiter folgte: der nach Totalität. Wie draußen aus der Forderung nach parteibefreitem Gemeinschaftsleben der Totalitätsanspruch des Staates sich ergab, so hört man nun bei uns vielfach von einem Totalitätsanspruch des Judentums. Es scheint unerläßlich, diesen Gedanken auf seinen Sinn und Inhalt, auf seine Berechtigung und Anwendbarkeit zu untersuchen. . * Totalität des Judentums —: noch vor ganz kurzer Zeit würde jeder diesen Gedanken als völlig absurd V041 sich gewiesen haben. Denn wie war bislang das Verhältnis zwischen den Juden und ihrem Judentum? Wenn man —. mit einem nicht ganz treffenden, aber immerhin anschaulichen Vergleich — von den beiden Säulen Deutschtum und Judentum spricht, die das Leben der deutschen Juden tragen, so kann es ja keinem Zweifel unterliegen, daß viele sich um die Instandhaltung der „jüdischen Säule“ fast gar nicht kümmerten und kaum je auf sie sich stützten. Damit ward es erfreulich anders! In weitesten Kreisen ja ist unter dem Eindruck der Ereignisse das Gewissen dafür wach geworden, daß man vordem die geistigen Werte des Judentums und dementsprechend auch die sittlichen Verpflichtungen gegenüber der jüdischen ' Gemeinschaft allzu sehr vernachlässigt hatte. Diese Erkenntnis, daß man sein eigen Gut nicht gekannt noch gepflegt hatte, brachte den — trotz aller Not, die ihn hervorrief — begrüßenswerten Rückschlag: von allen Seiten stoßen neue, lebendige Kräfte und Menschen zu uns, die uns bisher gefehlt hatten und nun das Judentum zum Mittelpunkt ihres Denkens und ihrer Arbeit machen wollen. Und auch diejenigen, die schon immer als bewußte Juden lebten und wirkten, haben ihre Kräfte vervielfältigt. In dieser so gänzlich gewandelten Situation kann das Wort vom Totalitätsanspruch des Judentums nichts Fremdartiges mehr für unser Ohr haben. Und doch darf diese neue Situation nicht dazu führen, daß wir nun ins entgegengesetzte Extrem verfallen und behaupten, uns um die andere „Säule“ zuviel gekümmert und uns zu stark auf sie gestützt zu haben. Hat schon jeder Mensch die Verpflichtung, sich um die Kulturentwicklung seiner Zeit zu kümmern und zu mühen, so muß gerade der_ sich auf sein Judentum besinnende Jude — aus Totalitätsanspruch der Religion! — alle Zeiterscheinungen mit seinem Blick und mit lebendigster Anteilnahme umfassen. Wir dürfen deshalb auf die hinter uns liegende Epoche keinen Stein werfen: ’ Goethe und Hegel, Beethoven und Dürer gehören so gut zu unserer Kulturwelt wie zur Kulturwelt Aller, und verhängnisvoll wäre es, wollten wir Juden, weil dieser Kulturzusammenhang uns bestritten wird, uns auf den engen Kreis der\ jüdischen Eigenwerte zurückziehen. Nein, soweit die äußeren Verhältnisse uns gestatten, werden sich alle unsere j schöpferischen Persönlichkeiten mit allen Dingen der Umwelt befassen — sie ist doch schließlich auch unsere