Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- 10 (30.7.1934)
- Date
- 1934-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I I I I t 1 t 1 1 Breslauer MW« * - - AMTLICHES BLATT DER SY NAGOGENGEMEINDE BRESLAU Hauptschrlftlelt-r: Manfred Nosenfeld. | Druck und Anzejgen-Annahme: Druckerei Breslau - Verlag: Hellmuth und Erich Z Th. Schatzkg AltiSn-Gesellfchaft. Breslau 5, Schatzlg, Breslau, Neue Graupenstraße 7 8 Neue Graupenstraße 7 > Telefon 24468 u. 24469 Anzeigenpreis: Die 8 gespaltene MiMmeter-Zeile oder deren Raum ii Pfennige — Bei laufenden Aufträgen Rabatt ..... Erscheinungstermin bierzehntägig ..t<*....... Für die unter dem Namen des Verfassers erscheinenden Artikel und die DereinSnachrichten Übernehmen wir nur die pressegesetzliche Derantwo 11. Zadrgang 30. Zull 1934 Nummer io Vom jüöifchen Mittelstand Don Dr. Alfred Hirschfeld, Breslau Die Frage der Bstufsschichtung der deutschen Juden wird setzt in allen Kreisen des Judentums, .die sich von Berufswegen oder von Amtswegen mit dieser Frage beschäftigen. und in der jüdischen Presie seit Jahr urü> Tag intensiv diskutiert. In dieses Problem gehört auch die Frage des jüdischen Mittelstandes. Zunächst einmal muß geprüft werden, w i e man den Begriff Mittelstand auffaßt. Mittelstand im engeren Sinne sind diejenigen Erwerbstätigen, die selbständig Unternehmen von Industrie, Handwerk, Handel und Gewerbe besitzen und führen, deren Einkommen das Einkommen einer Mittelstandsexistenz darstellt, desien Höhe sich zahlenmäßig nicht leicht definieren läßt, aber wohl doch in der Regel zwischen 300 und 600 Mark Monatseinkommen einer Familie liegen dürfte. Das schließt nicht aus, daß man auch noch Menschen zum Mittelstand rechnet, die über dieses Einkommen Bezüge haben oder das genannte niedrigste Einkommen nicht erreichen, -a nämlich der Begriff Mittelstand auch eine gefühlsmäßig-konventionelle Feststellung darstellt, nämlich ob man sich zum Mittelstand zählt. Damit komme ich schon aus die andere Form des Mittelstands-Begriffes, nämlich diejenige, di« das Wort im weiteren Sinn« darstellt, so daß auch freie Berufe jeder Art und kaufmännische und handwerkliche Angestellte in gehobener Stellung zum Mittelstand zu rechnen find, wenn nicht gar die gesamte Angestelltenschaft in Industrie, Handel und Handwerk. Die durch die Geschichte in einseitige Bahnen gezwungene Berufsschichtung der Juden hat zur Folget gehabt, daß abgesehen von den sogenannten reichen Leuten und von einer nicht" großen Zahl industrieller und handwerklicher Lohnarbeiter oder von Handelshilssarbeitern der größte Teil des Judentums den mittelständischen Schichten angehört. Bon diesem Gesichtspunkt aus ist demnach die Bedeutung des jüdischen Mittelstandes für die Gesamtheit der Juden zweifelsfrei erwiesen. Wie steht es nun mit diesem jüdischen Mittelstand im Hinblick auf seine Existenz und auf die Gestaltung seiner Zukunst? Dazu ist zu sagen, daß nach der Erfahrung der Praxis di« mittelständischen Existenzen in Großhandel und Einzelhandel in den Großstädten sich überwiegend gehalten haben, abgesehen von einigen Branchen und Geschäftszweigen. Die handwerklichen Kreise haben in den letzten Monaten dank der erfolgreichen Regierungsmaßnahmen, zur Belebung des Aibeitsmarktes sogar mancherorts in gewissem Maße eine Zunahme ihrer Geschäfte feststellen können. Die Industrie, insbesondere die Konfektionsindustrie, die ja für die jüdische Bevölkerung eine große Rolle spielt, hat, soweit es sich bei dieser Darstellung uni die Mittelstandsfrage handelt, wesentliche Beeinträchtigung nicht erfahren. Freilich ist der Ausschluß jüdischer Betriebe von der Belieferung gegen Bedarfsdeckungsscheine, wie er in Abänderung des sonst von maßgeblicher Seite vertretenen Grundsatzes, das Arierprinzip dürfe in der Wirtschaft keine Rolle spielen, durchgeführt wurde, auf die in Frage kom- - menden jüdischen Unternehmungen nicht ohne Einfluß ge- . blieben. Merkbar schwieriger geworden ist die Unterbringung leitender jüdischer Angestellter in Industrie, Groß- und Einzelhandel, weil ein Teil der leitenden Angestellten aus den sogenannten gleichgeschalteten Großunternehmen frei geworden ist und nicht restlos in die jüdischen Betriebe gleicher Art überführt werden können. Dazu kommt noch, daß für lestende Angestellte in Büros eine nicht unerhebliche Konkurrenz aus den jüdischen Akademikerkreisen entstanden ist, die zur Berufsumschichtung gezwungen waren und von manchen Betrieben gerade für Büroarbeiten, die höhere geistige Anforderungen stellen, bevorzugt werden. Die Unterbringung von jüdischen Mittelstandsexistenzen in nichtjüdischen Industriekreisen ist bekanntermaßen abge- ' sehen von Spezialisten erschwert, so daß aus diesen Personenbezirken ein Herabgehen des mittelständischen Niveaus festgestellt werden muß, vielfach vor allem in Handelsvertreterkreisen. Dies gilt auch für Filialleiter größerer Unternehmen, die typische Vertreter des jüdischen Mittelstandes in manchen Branchen darstellen. Nur vereinzelt können Personen dieses Kreises Geschäfte, erwerben, nämlich*nur soweit sie die nötigen Mittel hierzu haben. Ebenso können sie nur selten als Fachvertreter da oder dort Unterkommen. Was die akademischen und konzessionierten Berufe anlangt, so haben, sich aus diesem Gebiet« die Aussichten für die Juden meist ungünstig gestaltet. Das gilt besonders für die immer noch zahlreichen jüdischen Anwälte. Daher kann man die Feststellung machen, daß die Auswanderung aus solchen Kreisen relativ groß gewesen ist. Auch für die Zukunft wird der akademische Beruf für bereits festige oder fast festige Menschen im^ Judentum keine große Entfaltungsmöglichkeit bringen. 75103152