Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- 9 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Breslauer Mlhll MMMkl A M T L I CH E S BLATT DER SYNAGOGENGEMEINDE ZU BRESLAU Schrlftleltung: Verwaltungsdirektor Dr. Nechnltz, Breslau, Wallstr. 9 « Verlag: Büro der Egnagogengemelnbe, Breslau, Wallstr. 9 Telefon 21611/12 Druck und Anzeigen-Annahme: Druckerei Th. Schatzlg Aktien-Gesellschaf», Breslau 5, Neue (Sraupenstraße 7 - Telefon 24468 u. 24469 Anzeigenpreis: Die 6 gespaltene MiMmeter-Äeile ober deren Raum 16 Pfennige — Bei laufenden Aufträgen Rabatt ........... 5Jüt die unter dem Namen de« Verfassers erscheinenden Artikel und die Dereinsnachrichien Übernehmen Mir nur die preffegefetzliche Derantworlung 9. Jahrgang September 1932 Nummer 9 Dem ÄnöenKen von Max Lohr. Wir sind In dir Laar, die wrientNLen Scdanken btjr alltestamrniUchen Scftriftltrllrr ju ritenncn und damit bi|c Weg« ju verstehen, aus denen die götUiiiie Vorsehung da« Volk Israel »um Zweck der ifrziehung del Menschengolchlcchle. geleilet hat. Löhr j Am Jom Kippur jahrt sich der Tag, au dem Max L ö h r, ord. Professor der alttcktamcntlichen Wissenschaft an der Aniversität 5^önigsberg, unerwartet aus dem Leben schied. E s war eine Erfüllung seines frommen Wunsches, einmal au diese m Tage zu «Sott hcimzukchrcn — so starkes Erleben war seiner tiefreligiöscn Natur die Innerlichkeit der Zweckbestitmnung des V c r s ö h t« u n g s t a g c s. Schuldige Dankbarkeif gebietet uns die Erinnerung festzuhalten an diesen nichtjüdischen Gelehrten und edlen Menschenfreund. Die intensive Beschäftigung mit dem Judentum vieler Zeiten und Länder hat in seinen Schriften ihre Spuren zurückgelassen. Aus ihnen spricht ein tiefes Verständnis für die besondere kulturschöpferische Anlage der Juden, sowie eine durch kein Vorurteil eingeschränkte Bewunderung für die Größe der religipnsgeschichtlichen Leistung des Judentums. Sie war auch für die Gestaltung seiner Anschauungen von ausschlaggebender Bedeutung. In einem Huldigungsartikel für seinen nahen Freund hat einst Professor Pcrles treffend ausgesprochen, es sei vielleicht kein bloßer Zufall, daß Löhrs erste Arbeit auf seinem Fachgebiet, mit welcher er 1896 das Lizentiat der Theologie erwarb, gerade die biblischen „Klagelieder" behandelte.. Cr verstand und empfand eben schon damals den Schmerz des jüdischen Volkes und kehrte darum wiederholt-zu dem gleichen Forschungsgegenstand .zurück und nahm später an jüdischen Leiden und Schmerzen'innigen Anteil. In unfern Tagen, wo wir um unseres Glaubens willen mit einer Welt von Feinden im Kampf stehen, erkannte Löhr cs geradezu als sittliche Pflicht, sich offen auf seiten der ungerecht Angefeindeten zu stellen. Er bekämpfte unermüdlich in Wort und Schrift die Intoleranz, den pseudowissenschaftlichen Charakter des politischen Rassenantiseinitismus und immer mit so gründlicher Kenntnis und einer Vornehmheit der Gesinnung, daß die Gegner ihm sachlich nichts erwidern konnten.! — In besonderem Maße war Löhr die seltene Gabe eigen, die! Forschungsergebnisse seines Wissenszweiges in allgemeinverständlichen Darlegungen auch weiteren Kreisen zugängig zu machen. Seine „Alttestamentliche Religionsgeschichte" —seine! „Einführung in das Alte Testament", die als kleine Meisterwerke anzusprechen sind, haben in vorbildlicher Klarheit und Lebendigkeit unzähligen Laien das Verständnis für die Gedankengänge seiner Wissenschaft nahe gebracht und zur Vertiefung und Verbreitung des Wissens vom Alten Testament beigeträgen. — Sein jähes Ableben hat wie in der wissenschaftlichen Welt so in weiten jüdischen Kreisen tiefempfundene Trauer ausgelöst; in besonderem Maße auch iil Breslau, wo sein Name aus seiner früheren langjährigen Wirksamkeit besten Klang hatte und seine Persönlichkeit durch seine geistvollen Vorträge in der Akademie' des Humboldt- Vereins und im Verein für jüdische Geschichte und Literatur tlnsern Gemeindcmitglicdcrn vertraut war. — Der greise und gelehrte Oberrabbiner Dr. I m. Löwin Szegcdin hat am 7. Adar an gcwcihtcr'Stättc den Gefühlen schuldiger Dankbarkeit Ausdrlick gegeben. Es erscheint mir Pflicht, diese ergreifende Kundgebung auch den deutschen Juden zu vermitteln und seien die Worte der Trauerrede, soweit sic der Würdigung des Gelehrten galten, hier in deutscher Sprache wicdcrgegcbcn: „Ein Erinncrungstug tiefster Erschütterung war der Dersöbnungstag in diesem Icchr für unsere Glaubensbrüber in der preußischen Stadt Königsberg. Der Professor der protestantischen Dibelwissenschaft dcsuchtc stets-den Gottesdienst in der Synagoge. Das war auch in diesem Jahre am Jom Kippur. Rachmittags ging er heim und verschied plötzlich. Max Löhr, der zweimal längere Studienreisen nach dem heiligen Lande macht«, fühlte innerlichen Zusammenhang, mit uns. Er lehrte nicht bloß die heilige Schrift, er erlebte sie auch. Mit den Klagegesängcn 3crcmias, den erhabenen Ausdrücken jüdischen Schnierzes begann er seine literarische Tätigkeit. Später wandte er sich gegen neu aufgetauchte Auslegungen aus dev Bibel. Er schrieb über das jüdische Asylrecht, eine Abhandlung über die Räucheropfer. 3n letzterer verarbeitete er die von mir verlangten näheren Angaben. Es war fein aufrichtiges Bestreben, sich ein Bild über die jüdisch« B c r g a n g e n h,c i t und Gegenwart zu bilden. Mit ausgezeichneten Gelehrten, z. B. mit meinem längst verstorbenen Freund«, dem Breslauer Professor Siegmund Fraenkcl, stand er in freundschaftlicher Beziehung. Sein Tod hat mich tief betrüdt, wandte er sich doch noch zwei Tage vorher in einer wissenschaftlichen Angelegenheit an mich. Sein letzter Wille war, daß an seinem Grabe das von Schwalm komponierte Adon Olain gesungen u'crdc." — Ein wie tiefes menschliches Verständnis Löhr der jüdischen Religion cntgcgenbrachte, crwciscir die Aasführungen, mit denen er im Rückblick die Darstclltmg seiner alttcstamcntlichcn Religionsgcschichtc beschließt: Ilcberragend ist in der israelitischjüdischen Religion die Idee von der Größe und Geistigkeit Gottes. Seine Erhabenheit ilnd die zitternde Ehrfurcht, mit welcher sic von den Menschen erfaßt wird, ebenso wie seine Gerechtigkeit und ihre Einwirkung auf das Tun utid Lassen der Menschen machen den größten Teil seines Wesens aus. Daß im Charakterbilde neben die Gerechtigkeit seine Gnade sich stellt, ist ein Kleinod dieser Religion und gehört zu ihrem unvergänglichen Wahrheitsgehalt. . Nicht der Glaube, wie immer man diesen Begriff fassen mag, sondern die religiössittliche Tat ist der Kern dieser Religiosität. . Daher-fehlen die Glaubenssätze, die Dogmen-. . Diese Religion, indem sie den Menschen und die Menschheit sittlich zu heben trachtet, ist in ihrem Optimismus darauf gerichtet, durch solche Stärkung des sittlichen Verhaltens der Menschen das Gottesreich auf Erden hcrbeiführen zu helfen. Eine Weltherrschaft Gottes ist ihr letztes Ziel. Im Kommen dc;s Messias, der ein Sohn Dawids, also ein Mensch, nicht ein Sohn Gottes in metaphysischem Sinne ist, verkörpert sich die Hoffnung, aus den Sieg der Gottesherrschaft auf Erden, den Sieg der Wahrheit und des Guten." —