Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- 170 (1.9.1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHER BOTE Erschein» jede» gteitag. Preis15 M. »»»atlich. Z» tezirhe» S»rch füMtlich« Poftt»trr »Ser S»rch Sr» Bsrntver», t» P„». VOM RHEIN Jüdisches Volksblatt >»zeigrapreiS: 15 M kicSxSO mm breite Zeile. Dir Sette »mf«tt 540 Zelle». P,stfcheckk»»t» v,te>- »rrra, 9. «. S«iH.,Sil» «r. 74747 HerauSgegeben von Rabbiner vr. amil Sohn, Sonn.! - Gchrifileitung und Geschäftsstelle: Lonn, Ärübergaffe S2. — Telefon rsrs. K»«mer 17V Köln. 1. September 1822. — 8 Kirrt Ü682 4. Jahrgang. Llkraine-Hilfswerk! 11. TpendeuauSwciS. Aachen: Bund jüd. Schüler und Schülerinnen 1525, Goltschalk 100. Beuel: Ww. Ella Herz 500. Ereseld: Ungenannt 200. Düren: Eili und Maria Eoppcl 100, Ä. Ullmann 300, Jak. Ullmann 300. Grevenbroich: Frau Jak. Lohnen 100. Itirschseisrn: Cal. Hausmann 100. Köln: Alster 50, Baum 50, SH. SH. 3000. Sammlung durch M. Beck 300. Mayen: H. Lohn 100. Saarbrücken: Feis 200, Hanau 300. Trier: Bonem 50, Zusammen: 7 365,— M. 1. bis 10. Tpcndcnaustveis: 151 480,— M. Insgesamt cingegangen: I58L45,— M. Oer jüdische Advent Bon Rabbiner Dr. Samuel (Esten). (Schluß.» Und ihm anhangen. Ja, kann das der Mensch überbauet? so fragen unsere Weisen schon mit Recht. Gott nennt sich selbst ei» verzehrendes Feuer: er thront so hoch, daß der Sterbliche kaum den Saum seines Gewandes ergrciscn kan». Und dennoch! Tas Judentum fordert den Dibbuk ballet», jenes herzliche Aufgehen in Gott, das auch ohne jede mystische Rebenbedcutung B'»ermann verständlich ist. Es besteht darin, dass wir die Eigcnaflen Gottes im kleinen zu verwirklichen trachten, seinen Spuren folgen, seine Wege zu den unfern machen. Ein wohlbekanntes Wort aus dem täglichen Gebet sagt: „Gefecht ist der Ewige in ollen seinen Wegen, liebreich in allen seinen Taten". Sei auch du gerecht, doch laß' cs auch nie an Güte fehlen: I» hängst dn Gott an. Unlösbar ist der Jude durch seine Bestimmung und Geschichte, vielleicht schon durch seine Namen mit Gott verknüpft. Als Israelit ist er der Gottes st reite r, als Jbri der Jenseitige, der nicht im Vergänglichen haften bleibe» will; als Je hu di ist er der Gottpreisende. Ein Jude also, der sich wohl gar rühmt, unrcllgiös zu sein, darum nicht iveniger ein ganzer, selbstbewußter Jude, widerlegt sich selbst: oder er'redet paradox, ähnlich wie ein antiker Grieche sich einigermaßen widersprochen hätte, wenn er sich einen kunstfeindlichen Asketen, oder ein Römer, wenn er sich einen geschtvorenen Pazifisten genannt hätte. Die Welt urteilt anders. Und sie fahndet nicht ohne Grund bei allerlei schandbaren Treiben mit Gier nach jüdischen Namen, wenn sich auch nur einer dazu erniedrigt hätte; denn seine Schande hastet am ganzen Volke der Religion. Wer dies peinvoll empfindet, muß den Vorzug aufgeben, den verantwortungsvollen Namen „Jude" zu tragen.' Wir hängen mit Gott zusammen: um scinclwillcn sind wir überhauvt da; er will durch uns bezeugt werden. Wir können leichtfertig ober gewistenlos seinen Namen yerabsctzcn, wir könne» ihn aber' auch zii unermeßlicher Ehre bringen. Tie Entscheidung liegt immer wieder bei »ns selbst. Wir sollten uns nicht von her draußen uns umheulenden Meute z» »nS Selber zurückführen lasten: unser Inneres sollte »ns dazu drängen, »as gelockerte Band mit unserm Gotte wieder fester zu knüpfen. Für den Juden gilt vorzüglich das Tichtcrwort: „Vor Gott ist keine Flucht, Tenn nur — zu ihm!" Ter Elul ist da; der jüdische Advent. Gott kommt und ruft dich. Wo aber bist hu selbst? Toll das Band zwischen ihm und dir immer mehr gelöst, zuletzt gänzlich zerstört werde»? Tem Ewigen sollt ihr anhangcn! Also'könne» wirs. Und wenn wir darnach' ivicder heiß und heilig trachten, gilt auch u»S die zuversichtliche Bestätigung: Ihr aber, die ihr dem Ewige» anhanget, gehört allesamt dem wahren Leben an! Hammer oder Amboß Unter Eis und Schnee, Zelfcnsturz und Wasserrausche» schreibe ich diese Zeilen, hoch oben in den Alpe», wo die Natur mii liefe» Runen das Wort Einigkeit a» alle Felsen schrieb. Tausend Meter hoch, wieviel höher ist das über der Zeit »nd ihrem ekle» Treibe»! Tennoch höre ich de» Schosarion des ersten EI»! bis hier hcrausdringen, klagend und niahiiend, mahnend »nd klagend, mtb ich denke in meiner Einsamkeit an daS Psalnienivort: „Und »ahme ich Flngel der Morgenröte und flöge ans äußerste Meer, so wärest?» da . . . ." Uiieulriniibar naht der Tag. . — Tie Post bringt eine Zeitung, die Zeitung de» Sturz der Mark. Wie ei» Wellerschlag trifft uns das. Tie Schönheit der Welt ist dahin, das graue Leben überrieselt u»S. Tie Preise schie-x ßen in die Höhe, und wir frage» »ns, welche Preise uns z» Hause erwarte», wen» wir sträflich Reiche» deninächst heiniiväriS kehre». Ei» Gedanke bleibt: Wir können nichts tun. müssen die Hände in den Schoß lege» »nd mit dem Schicksal deS Ambosses ziisricdett sein, auf dem der Siegerwahnsin» hämmert. Fatalismus? „Allah weiß es!" sage», wie der gläubige Moslem »nd nichts in»? Vogel Strauß spielen und dcii »ops i» de» Sand stecke»? Wer immer Hammer gespielt hat, wie der Teuische, seinen ArminiuS mit hochgerecktcm Arm »nd Schwert aus de» Teutoburger Wald, seinen Bismarck in steincruer Trohung auf jedem Hügel postiert hat, der wird, da er nun einmal Amboß geworden, verzweisell aber vergeblich den Hammer aiispringeu und knirschen bei jedem Schlag, wartend, daß er wieder Hammer werde. Ter Jude hat in lauscndjähriacm Leide gelernt, daß auch der Amboß ei» Werkzeug ist, »neiitbehrlich wie der Hammer. Zwischen beiden nur schmicdt sich das Schicksal, »nd Amboß sei», kan» ei» Berus, ja eine Berufung sein. „Auf meinem Rücke» habe» die Völker gepflügt", stöhnte daS prosetische Judentum. Ist cS wirklich so, dann ist dieser Rücke» die Scholle gcivesc», die die Saat der Zeit »nd ihre Ernte trug. Bester da»»' die tragende Scholle als der kalte Pslug, besser dann auch Amboß als Hammer. Schl da, rief kürzlich ein deutscher Tichtcr preisend überm Judentum a»S: „Schl da, ein Volk, das sich nickt wehrt!" Sich nicht wehre», kann Feigheit sein »nd ist eS auch immer in de» Auge» derer, die die Genmlt aubeten.V Sich nicht wehren kann aber auch ei» Akt scköpscrischer Kräfte fein. Nicht jedem Volke :st cs gegeben, ei» Herrcnvolk z» sein, »nd man bat de» Schimpf des Weibervolks mehr als einmal Israel angcyäiigt. Als wenn die Rolle des Weibes gar so elend wäre. Taß wir einst ei» Herrenvolk waren, betveist die Bibel auf jeder Seite, weil wir es z» viel ioarcu, gingen wir vielleicht zu Grunde. Hcute sind wir — o ewiger Ruhm des alten Volkes — durch Leid und Martyrium daS — imitierlichste aller Völker geworden, Friede» kündend an allen T rie», und de» Rücken beugend den Kinder» der Zeit, die aus »»S pflügen wollen. Wenn wir Juden — das ist die Lehre, die wir dem deuischc» Vatcrlande heute z» geben haben — wenn wir Jude» das (Geheimnis unseres Seins erkläre» wollen, so läßt es sich vielleicht damit am besten deuten, daß wir in ganz wunderbarer Weise die beiden Pole geschichtlichen Seins und Werdens in »ns vereinigt haben: Tas Männliche »nd Weibliche, dessen Paarung allei» zur Zeugung führt. Auch wir haben »nscru Hammer geschwungen, aber niemals den Hammer der Gewalt, fo»derii de» unsichibareü Hammer, den allein die glühende Seele fchwiugl. So waren ivir Männer durch die »rast des Rufes und der Rede. Taß wir dabei des Weibes Lieben »nd Leiden, seine Geduld und sein Vergebe» zeigten, hat dahin geführt, daß wir vermocht, was nie ein Vols und nie ein Glaube vermochte: Wir habt» die Menschheit in uns verwirklicht, ohne sie mit dem Arm z» erobern, have» sie verwirklicht i» reiner Menschlichkeit. Chne Bekehrung. Apostel und Mistioiiskarawancn sind, wir so i» n»S »nd durch uns selbst ge worden, zwar nicht eine Welireligion. wohl aber eine Äeii'chheiiS religio». Teu» der Menschheit Siniibald zu sei», ivar das <-'>eboi unserer Heiligung. Emil E o h ».