Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 34 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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48 dt» jüdischen Volkegab. Tine Sammlung zum Zweck« de» Aufbau» von Erez Israel, di« in diesen Tagen begonnen' wurde, hat bereit» eine« hohen Betrag erreicht. Bernkastel. Am Mittwoch den 7. Januar fand hier eine Versammlung für Bernkastrl und Umgebung statt. In ihr sprach Herr Georg Landauer über .^Jüdische Gegenwartsfragen. Der Redner ging wegen der Kürze der Zeit nur auf einige derselben ein und fuhrt« ihre Lösung auf Palästina zurück, da» die einzig möglich«, weil restlose - Lösung darstelle, Palästina, da» Land unserer Väter, da» nicht al» ein Privilegium der Zionisten angesehen werden dürfe, sondern im Hiteresse der gesamten Judenheit und im Brennpunkt aller Mischen Gegenwartsfragen stehe. Die sich anschließende Diskussion bewies, mit welcher Aufmerksamkeit di« Anwesenden den interessanten und lehrreichen Ausführungen des Redners gefolgt waren, wie jedem ehrlichen Juden die immer mehr zunehmende Entjudung und die daraus folgenden Ausartungen der Tauf- und Mischehe tief ins Herz schneiden. Ein Aufruf arr di« Versammlung. Umschau zu halten, welche Landwirte evtl, bereit wären, jüdische junge Leut« zur Erlernung der Landwirtschaft in Dienste zu nehmen, schloß den anregenden Abend. Et. Wendel. Hier werden 10 Wiener Kinder untergebracht. Es ist dies ein erfreulicher Beweis für das jüdi- Iche Solidaritätsgefühl unserer Gemeind«. In bereitwilliger Weise hatten unsere hiesigen zionistischen Studenten..und Gymnasiasten die Werbearbeit in die Hand genommen. Der Vorstand unserer Gemeinde, Herr Rothschild, hat die Mühe auf sich genommen, die Ankunft der Kinder zu überwachen und alles weitere zu regeln. Ferner wurden für die jüdischen Kinder aus Wien 135 M. gesammelt. Für andere jüdisch-wohltätige Zwecke brachte unsere kleine Gemeinde den Betrag von 665 M. auf. / Illingen. In der hiesigen Gemeinde werden zehn Wiener Kinder untergebracht. Sötem. Die hiesige Synagoge ist durch einen Brand zerstört worden. \ Der Bote erzählt: — Der Anteil an der andern Welt. (Fortsetzung.) Der Totengräber winkte seiner Frau und sie verließ mit zwei am Fußboden spielenden Kindern die einzige Stube, um in die Küche zu gehen. Als die beiden Männer allein waren, rückte Reb Mosche ganz dicht an den Toten- \ gräber heran und sagte leise: ■ „Ich habe von Ihnen einen großen Gefallen zu verlangen. Es soll Ihr Schade nicht sein. Sie müsien mir Hirsch Guttmanns Grab und seinen Oren aufmachen, ich habe mit meinem Vetter notwendig etwas in Ordnung zu bringen." Der Totengräber fuhr zurück und starrte seinen Besucher ängstlich an. Reb Mosche sagte rasch: „Sie meinen, ich bin lneschugge. Sie irren sich. Ich bin ganz bei Sinnen. E» ist «ine besondere Sache, die ich Ihnen lieber nicht erklären möchte, aber ich muß mit Hirsch Guttmann reden. Seine Ruh' und mein Leben hängen davon ab." Da Reb Mosche nichts Drohendes an sich hatte, beruhigte sich der Totengräber ein wenig und erwiderte: „Sie -verlangen Unmögliches. Wenn Sie^ den Toten auSgrabrrr ivollen, müssen Sie eine Erlaubnis vom Landrat haben." „Ich kann mich nicht an di« Ämter wenden. ES ist ein« jüdische Sache und die Herren würden mich nicht verstehen." „DaS-tut mir leid. Aber dann kann ich nicht» tun." ,Lch verlange e» nicht umsonst. Sagen Sie Ihren Preis." ' V ..... . „Es kostet mich, mein« Stelle. Können Sie mich mit Weib und Kind mein Leben lang aushaltrn? Und dann ist die Sache kriminolisch." 7 „Ich muß meiney Vetter sehen, sage ich Ihnen, ich muß es um jeden Preis" Der Totengräber stand aus und sagte mürrisch: »Lassen Sie mich in Ruhe. Ich will davon nicht» wissen." Da faßte Reb Mosche in ausbrechender Todesangst mit beiden Händen den Arm de» sich sträubende« Manne» und rief: „Mein Vetter hat mir sein Ehelek bolam habo verkauft, er kommt jede Nacht zu mir und verlangt e» zurück, seine Neschome wird herumgejagt; er wird sich an mir und an un» allen rächen; ich muß ihm seinen Ehelek bolam habo zurückgeben, ich mutz, ich muß." Er zog da» unheimliche Papier au» seiner Brieftasche, hielt es dem Totengräber vor die Augen und jammerte mit ausbrechenden Tränen: „Er wird keine Ruh' geben, bis ich ihm nicht sein« Schrift zurückgegeben Hab 17 Der Totengräber hatte gegen Tote eine gewisse berufliche Geringschätzung. Er glaubte nicht an di« Macht der armen hilflosen Formen, die er in die Erde zu betten pflegte. Aber der Schein mit den jüdischen Schriftzügen, den er sah und greifen konnte, machte ihn doch etwas bedenklich und die Verzweiflung des schluchzenden Reb Mosche erregt« sein Mitleid. Er kratzte sich hinter den Ohren und schien zu überlegen. Reb Mosche merkte, daß er nachzugeben im Begriffe war. und benutzte seinen Vorteil. „Es kommt mir auf hundert Mark nicht an", flüsterte er. „Dos ist viel zu wenig!" erwiderte der Totengräber sofort. „Es müsien mindestens zweihundert sein." „Hundcrtfünfzig. Ich'bin kein Reicher." „Nicht einen Pfennig unter zweihundert." Reb Mosche seufzte tief und munnelte: „Wenn es nicht anders ist." „Aber im Voraus!" sagte der Totengräber. „Sie sollen das Geld haben. Können Sie gleich anfangen?" „Wo denken Sie hin! Bei Tage! Nein, wir müssen die Nacht abwarten. Und dann werde nicht ich die Arbeit machen." „Wer denn?" „Sie müsien es selbst besorgen." „Ich?" „Ich kann Ihnen nicht helfen. Ich darf von der ganzen Geschichte nichts wissen. Wenn es finster wird, kom- >men Sie hinten zu der Mauer. Ich stelle Ihnen eine Leiter hin und helfe Ihnen herüber. Dann führe ich Sie zum Grab. Dort finden Sie eine Schaufel und ein Brecheisen. Auch eine Laterne. Und dann muß ich Sie allein I lasien. Die Erde ist noch locker, es war in der Woche kein i Frost. Das Aufgraben wird nicht schwer sein. Und der Oren ist auch leicht aufzumachen." „Ich lege fünfzig Mark zu. Graben Sie ivenigstens die Erde aus." „Um keinen Preis. Sie müsien es allein tun. Wenn , Sie fertig sind, klopfen Sie an dieses Fenster. Dann helfe ich Ihnen wieder hinaus und nehme Leiter und Werkzeug herein." Reb Mosche blieb einig« Minuten lang stumni, dann sagte er finster: „Es ist hart, sehr, sehr hart^ aber alles lieber als noch solche Nächte. Wann soll ich kominen?" „Etwa um sieben. Tann geht hier niemand mehr vorüber." ' Reb Mosche schickte sich zum Gehen an. „Aber das Geld?" drängt« der Totengräber. „Abends", erwiderte Reb Mosche kurz und entfernte sich.- Er hatte einige Stunden vor sich, die er Psalnwn lesend und das Abendgebet verrichtend verbracht«. Er ging nicht in die Synagoge, .um Rede und Antwort zu vetmeioen. Zur anberaumten Zeit trat er di« Wanderuna nach dem Friedhof au. der außerhalb der Stadt lag. ES war «ine dunkle Wolkeunacht. Der Mond ging erst später auf. Gegend und Straße waren menschenleer und nur vom schwa-