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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-05-15 · 10 (15.5.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
10 (15.5.1938)
Date
1938-05-15
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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•füll. Kulturbund in ItaYcrn (angeschlossen dem Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland) Ortsvercin Aiüiielien _ Anschrift: München 13, Adelheidstraße 33 Mitteilung an die Mitglieder Es Ist möglich, daß noch Im Laufe des Monat Juni der an vielen Orten mit sensationellem Erfolg aufgeführte Jüdische Tonfilm „Jldl mii'ti 1 idl" unseren Mitgliedern als Sonderveranstaltung gezeigt werden kann. Verhandlungen sind Im Gange. Es empfiehlt ~s1ch daher, die Mitgliedskarten 1937/38 noch aufzubewahren! Als letzte reguläre Veranstaltung der Spielzelt findet am 18. Mal das XI. Symphoniekonzert des ^Kulturbundörchesters München statt, bei welchem sämtliche Bläser des Berliner Kulturbundorchesters mitwirken werden. Sollstin ist die Geigerin Annle Stelger-Betzak (Frankfurt a.M.). Dirigent Erich Eisner. Die Eintrittskarten sind an der Kulturbundkasse erhältlich. Peter Tschaikowsky (1840—1893) x dessen letztes Werk, die, „Pathetische Symphonie" am 18. Mai zur Aufführung gelangt. Sephira — Die Omer-Zeit # Mitten im blühenden Frühling zieht ein Ton stiller Wehmut durcli die jüdischen Seelen. Und jede laute Freude verstummt, die Blumen verlieren ihren Glanz und das ganze Leben hüllt sich in Trauer. Es ist Sephira, die Zeit des Gedenkens der erschütternden ewigen Tragödie des jüdischen Volkes. Die Sage kündet vom Tode der vierzigtausend Schüler des R a b b i A k i b a , die eine Seuche hingerafft hat. Die Geschichte ist deutlicher und ehrlicher. Sie erzählt uns von den tragischen Kämpfen Bar Kochbas für die jüdische Freiheit, von dem Geschicke der jüdischen Heidenjünglinge unter seiner Führung. Auf Geheiß des großen Meisters Rabbi Akiba haben sie in Scharen das Lehrhaus verlassen, sind zum Schlachtfeld voller Begeisterung geeilt, tun iür die Freiheit ihres Volkes zu fechten. Und sie kämpften wie die Löwen und wurden doch vom Schwerte der übermächtigen Römer dahingerafft. Ist es wirklich dieses erschütternde Ereignis allein, dem die Trauer geweiht ist? Lebt nicht vielmehr in der jüdischen Brust unsere ewige Tragödie, die sich seit zweitausend Jahren hinzieht und noch kein Ende nimmt? Sephira heißt zählen. Was waren das für herrliche Tage in bibliscbjr Zeit, als man siebenmal sieben Tage vom Fest zum Feste zahlte! Noch klangen die Freudentöne des Pessach nach und schon winkte das herrliche VVochenfest aus der Feme. Wieviel natürliche Romantik lag darin, als man täglicli das Blühen seines Feldes beobachtete und die ersten Zeichen der Reife erwartete, um dann in geschmückten Körbett die Erstlinge des Feldes und Gartens als Dankopfer zum Nationalheiligttnn nach Jerusalem zu tragen und sich mit seinem Volke des göttlichen Segens zu freuen! Und nun zählen wir. steh,wie lange schon, die Tage des Leidens. Und die Tage werden zu Wochen und die Wochen reihen sich zu Monden und die Monde zu Jahren, undein Geschlecht nach dem andern welkt dahin, und immer bleibt die große Sehnsucht nach Freiheit und Glück unerfüllt, und der Schmerz wühlt und die Klagen hören nicht auf. Was half es, daß man mit Iceren Hoffnungen sich zu betäuben suchte? Die.Enttäuschung wirkte dann um so zerschmetternder. Ist nicht der Jude der Träger des ewigen Leidens geblieben? Verkörpert er nicht den Weltschmerz in seiner ganzen Tiefe? Kann er sich freuen, wenn die Volksseele weint? Draußen blühen die Bäume in üppiger Pracht, - blühen sie auch für den Juden, dein man Luft und Licht. Leben und Freude versagen möchte? Sind nicht die Tautropfen, die auf den Brüten lagern, Tränen seines Volkes? Ist nicht die ganze Natur mit einem unsichtbaren- Trauerflor umzogen? Vogelsang und Lenzesiauchzcn erfüllt die Welt, — hört ihr nicht das Trauern der jüdischen Geschichte, das Klagen der jüdischen Seele? Der alte Jude, der der Natur und der Geschichte näherstand, weil seine Empfindungen von keiner Sclieinkuluir verblaßt waren, machte gar keinen Versuch, sich an Phrasen?» hpr-msi-lipii Kr y.ih sich der 'I rauerstiinmung mit ganzer Seele hin. Er schwelgte in den Erinnerungen alter Zeiten, weil das sein Lehenselentent war. Alte und neue Leiden verbanden sich zu einer Kette, persönliche Schmerzen verschmolzen mit dem tragischen Schicksal des Volkes und sie schufen eine Harmonie des Leidens, eine Symphonie der Traue r. Und in diesen Sephira tagen tauchte in jedem fühlenden Juden das ganze Leid seines Volkes auf, die so gewaltige und - furchtbare Geschichte langer Jahrtausende stand lebendig vor seinem Auge. Er mußte an Vergangenheit und Zukunft denken. Er hatte eben das herrliche ..Erlösuhgsfcst'" gefeiert. Klingt das nicht wie eine bittere Ironie? Ist er erlöst? Bcreitel Ihm nicht das. v Schicksal immer neue innere und äußere Fesseln? El soll bald das poesievolle ..Fest der Rtiflinge" feiern,. Wo sind seine Reiflinge? Ihm haben sie Natur und Boden genommen, ihm haben sie alle tiefen Wurzeln abgeschnitten. Die Helden Bar Kochbas. die Jugendscharen Akibas erwachen aus ihren Gräbeln und rufen: „Wofür haben wir geblutet? Haben wir unserem Volke die Freilicit gebracht?" Doch — ganz leise antwortet eine Stimme tiefen Mitleides: „Bist du nicht groß trotz allen Leidens? Hast du nicht für Wahrheit und Recht, für Brüderlichkeit und Menschlichkeit gekämpft? Trägst du nicht die Dornenkrone, die Glorie des Leidens? Gibt es eine höhere Wonne als die des Schmerzes, eine schönere Genugtuung als die. für eiii großes Ideal zu leiden? Und kämpft nicht deute Jugend heldenmütig für den Aufbau ihres Heiiulandes? Entsteht da nicht neues 4üdsches Leben, wo die Seele mit dem geschichtlich geweihten Boden zur ewigen Einheit verschmilzt? Nicht zu trauern gilt es. sondern in u t i g z u k ä m p f c n . t a p f e r . zu arbeite n." Und Friede zieht ins indische Herz ein und der Schmerz verklärt sich zu einer religiösen Hingebung, zu einer Gnttcslicbc. Der Jude flüchtet sich ins Gotteshaus. Dort wird die Trauermelodie des .iLecha dodi". der herrlichen Sabhatbegrüßuug. angestimmt. Heute jubelt man der Braut Sabbat nicht laut zu, leise, unter verhaltenen Tränen huldigt man' ihr. Und die Schatten der Helden Judas winken ernst und milde, und die Märtyrer des Mittelalters flüstern leise, und sie verkünden die ewige Botschaft Israels: ..Wir haben mit unserem Blute die Heiligkeit des Ittdetittmis. die ljnh.it Israels besiegelt!" Und erlösend klingt der Sabbatpsalm: ..Herrlich! ist es. den Herrn zu loben. Deinen Namen zu singen. Ewiger!"

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