Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 7 (1.4.1938)
- Date
- 1938-04-01
- Page
- Seite 106 (sequence 9)
- Language
- German
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106 Jüdisches Gemein P.etüQufkwQLtUkj Maßarbeit und Reparatur CmtiLül ^^i^el^f^S^^r^a^pTepj ^rl^^Sr AUGUSTENSTRJSSB 8f riraipritltl MlflO- Es war eine große, erhebende, um nicht zu sagen für unsere Gemeinschaft historische Stunde, als sich am 6. Februar die Auswanderer mit ihrer Gemeinde, mit den Vertretern der ReichsvertretunK — unter ihnen auch Ministerialrat a. D. Dr. Otto Hirsch (Berlin) — den Delegierten des Israelitischen Oberrats, vieler Gemeindevorsteherämter und sonstiger jüdischer Behörden in der Rexinger Synagoge versammelten, um Abschied zu nehmen. Vor 100 Jahren wurde das Rexinger Gotteshaus erbaut — und mm sammelte es noch einmal die Urenkel und Untrenkel der Gründer, um ihnen Kraft und Zuversicht zuverleihen. — Nach dem Mincha-Gottesdienst ergriff der Rexmger Gemeindevorsitzende, Viktor Nekarsülmer. das Wort. Er begrüßte die Erschienenen und betonte, daß „Malchutia" und Rex innen auf immer miteinander verbunden bleiben werden. Mit herzlichen Worten dankte er dem vor einiger Zeit schon nach Palästina ausgewanderten Heilbronner Anwalt Dr. M a n f r e d S c h e u e r, der den Answanderungsplan bearbeitet hat. ebenso seinem Nachfolger, Rechtsanwalt Dr. Tänzer (Stuttgart), der Reichsvertretung (Dr. Franz Meyer), dem Palästina-Amt (Walter Tempel), dem Israelitischen Oberrat. der Jüdischen Nothilfe, der Jewish Agency und allen anderen Ämtern und Personen, die sich für diese Gruppenauswanderung eingesetzt haben. Anschließend sprach Rabbiner Dr. Bamberger (Stuttgart), der im Auftrag des Oberrats jetzt das Rabbinat Horb betreut. Er erinnerte daran, daß die nationale Gemeinschaft zu aller Zeit daran denken müsse, daß Gott Israel aus Mizrajim geführt und forderte die Auswanderer auf, immer an den gütigen Schöpfer zu denken, wenn Hoffnungslosigkeit und die Kräfte der Natur ihr Werk hemmen wollen. Wenn jüdische Menschen wandern müssen, dann sollen sie dieses Schicksal als „Sühne für begangenes Unrecht" betrachten. Wenn sie aber die ihnen als Gottesvolk gegebenen Bestimmungen in "sich fühlen und sie verwirklichen, dann darf sie das Prophetenwort von der Rückkehr der Kinder zu Gott, die dann auch Rückkehr Gottes zu seiner Gemeinde bedeutet, immer mit Hoffnung erfüllen. In dier „Eme,th". der Wahrheit, sollen sich die Rexinger Chaluzim ihre neue Welt aufbauen, auf Wahrheit gegen Gott, die Menschen und ihre Gemeinschaft soll „Malchutia" gegründet sein. Die Gemeinde erhob sjch spontan, als der Rabbiner zum Schlüsse die alten heiligen Segensworte sprach. •.. Transportschrank Er schont dl« Kleiderl Eigenes Fabrikat VW" 110/5B/BB nurRM.60.- \^ dereelbe mit Zinkblechfütterung und Gummidichtung (Mottentchrank) RM. 81.— Nürnberg-A Konigttr.Be 17 Dr. Franz Meyer kennzeichnete das Grundsätzliche dieser Auswanderungsarbeit. Nicht von einer „betreuenden Organisasation'", sondern als Gemeinschaftsleistung wunde das Werk geschaffen, nicht eine Teillösung ist die Rexinger Emigration, sondern die Lösung eines prinzipiellen Problems: zum e r s t e n m a 1 geht eine geschlossene Gruppe in besonderer Organisationsform an einen neuen Punkt Erez Israels. Und d a s ist die große Chance: daß Juden auf jüdischem Boden wieder arbeiten. Die Leistung des Einzelnen wind das Entscheidende .sein, für die Siedlung und die ganze Gemeinschaft ■ - Im Namen des Oberrats, der Jüdischen Nothilfe und der Jüdischen Winterhilfe entbot Dr. Siegfried Gumbei (Stuttgart) den Auswanderern den Abschiedsgruß. Mit Recht betonte er. daß wir uns glücklich schätzen müssen, jetzt, da die Zelt der Stetigkeit vorbei, unsere Kräfte m der Reichsvertretung gesammelt zu wissen, die die Parole von „Hilfe und Aufbau" proklamierte. Er wünschte den Scheidenden, daß sie nun ein neues Leben beginnen als Juden der Ehre, der Würde, der Hoffnung und des Glaubens. Oberlehrer B e r 1 i n g e r (Buttenhausen). der mit den Auswanderern selbst drei Kinder entsendet, forderte die Siedler auf, die Worte ihrer Fahne ..Emeth, Din, Scholaum" zu betätigen als Leitstern für die neue Siedlung, zugleich als Erinnerung an den Oberrat. Wenn „Malchutia" im Geiste dieser Forderungen arbeitet, dann wird auch die Antwort, die ebenfalls die Fahne gfbt, das große Bekenntnis aller sein: „Mi el komaucho boelim..." Dr. Paul Tänzer richtete an die Auswanderer die Mahnung, an die Biluim der 80er Jahre zu denken, die ohne Jede Hilfsmittel den Kampf mit dem palästinensischen Boden aufnahmen und bestanden. Die Idee des eigenen nationalen Territoriums soll die Arbeit erfüllen, jene Erde, die der KKL. den Siedlern in Erbpacht gegebn bat — Eigentum des Jüdischen Volkes und sinnfälligster Ausdruoki der Verantwortung jedes Emzemen. ©ezirksrabbmer i R. Dr. Schweizer (Horb) entbot als frübe- Ter geistlicher Führer der Gemeinde den Auswanderern ein herzliches Lebewohl. „Mögen, so sagte er, „die Engel Gottes Euch auf Euren Wegen begleiten, — vergesset nicht die Heimat in der Ihr Eltern und Verwandte zurücklaßt, erfreut sie mit regelmäßigen Berichten und vergeßt auch nicht diese heilige Stätte, wo wir so oft gemeinsam gebetet. So ziehet ein in das gelobte.. Land! Ein Segen für Erez Israel, ein Segen für Euch selbst!" 1 Im Namen der Siedler dankte Wolf Berlinger abschließend allen schon erwähnten Behörden und Personen, insbesondere auch Oberrechnungsrat W i ß m a n n vom Oberrat, Leopold L e v i und Ilse W o 1 f f von der Jüdischen NothiHe, Julius Weil (Stuttgart) und dem Vorsteheramt Rexingen, die alle dazu beigetragen haben, daß das Rexinger Projekt zu einem „Projekt der Juden in Deutschland" wunde. Wir wollen, so gelobte der Redner, den einzig möglichen Dank erstatten: wir wollen Opfer mit Opfe r ve rge 1 ten! Unsere Lebensaufgabe wird sein: Juden zu werden! In der Siedlungsfprm von „Malchutia" wird auf das Gewordene Rücksicht genommen werden, und nur für das Neugeschaffene wollen wir .die Gleichheit. Wir sehen tni dieser Stunde keine Abschiedsfeien sondern — die Grundsteinlegung einer neuen Gemeinde. „Wenn ich zu Ihnen sage" L'hitraoth" (Auf Wiedersehen!), so isT das keine Höflichkeitsformel, sondern ein Programm. Aber ein Zeichen der Verbundenheit verlangen wir von den Hierbleibenden: die Unterstützung der nationalen Fonds, die unser Werk ermöglichten, und die Einordnung in die große nationale Organisation unseres Volkes. So gehen wir, um aufzubauen und selbst .umgebaut zu werden — tim zu erlösen und selbst erlöst zu werden. L' h i t ra o t h!" Nach dem Kaddisohgebet stimmten die Versammelten die ,.Hatitawah" an—und da fühlte nochmals jeder, daß eine große Stunde' bereite Menschen gefunden hatte. Hans Sternhelm.