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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-03-15 · 6 (15.3.1938) · p. Seite 90

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
6 (15.3.1938)
Date
1938-03-15
Page
Seite 90 (sequence 12)
Language
German
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90 Jüdisches Gemeindeblatt für,den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 5 , All« Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig m J4±UA tUßlfdder CmMi mündtcn. im »anntal Für di« große Luitschutzübung, di« in nächster Zeit stattlindet, erhalten Sie VERDUNKELUNGS-Papier und Lampenschutz bei Maiersche Papierhandlung Rudolf Stern München, Karlstr. 8 Tel. 57624. Wir singen, bringen lustige und ernste Theaterstücke u. v. a. Sie kommen zu uns. Beachten Sie bitte das nächite Inserat! ± Entfaltung einer geradezu fürstlichen Wohlfahrtspflege, wird jetzt auch manches seltene jüdische Schriftwerk, das sonst für den gewöhnlichen Juden unerreichbar gewesen wäre, auf Kosten der Reichen gedruckt und verteilt. Und manche Jeschiwa, manche ..Klaus", manche Einrichtung für den Unterricht der Kinder verdankt ihnen ihr Entstehen. . .> Auf der freudigen, selbstverständlichen Bereitschaft, die jüdische Kultur, das jüdische „Lernen" zu fördern, beruht auch die Einrichtung des sogenannten „Kestessens". Darunter versteht man die vollständige Verköstignng nn^ Rohi»rhprgiin|T, rf h (tia'Varsorgung eines neuverheirateten jungen Ehepaares im Hause der Eltern der jungen-Frau. Diese Versorgung erfolgt für einen vorher befristeten Zeitraum, innerhalb dessen sich der junge Ehemann mit Muse und ohne materielle Sorgen dem „Lernen" widmen soll. i Mit der Einrichtung des „Kestessens" rechnet sogar die Neuordnung des jüdischen Studiengangs an der Frankfurter Jeschiwa im 17. Jahrhundert. Sie bestimmte nämlich, daß der Titel eines „Morenu" (unser Lehrer), der höchstmögliche rabbinische Grad, einem einheimischen Frankfurter nur dann erteilt werden dürfe, wenn er seit zwei Jahren verheiratet ist und in dieser Zeit im Hause seines Schwiegervaters gelebt hatte. Nur unter dieser Voraussetzung war anzunehmen, daß der Talmudbeflissene genügend äußere und innere Muse zum vertieften Studium hatte, so daß er zum wirklichen Gelehrten heranreifen konnte. .... Während das „Kestessens" unter den Ostjuden nach einer Darstellung von S. Rappaport in der Zeitschrift „Der Jude" in allen Kreisen allgemein üblich war und oft sogar mit dem wirtschaftlichen Ruin der betreffenden Familie zusammenhing, war es unter den Juden in Deutschland Im 17. Jahrhundert wohl nur eine Angelegenheit der wohlhabenden Familien. Hier wie dort aber gab es iür die Schwiegereltern keine stolzere Freude, als wenn der Schwiegersohn Tag- und Nacht „lernte". Ihm wurden vom Schwiegervater die kostbarsten Bücher geschenkt, ihm zuweilen sogar ein eigener Lehrer im Hause gehalten. Und die Hochschätzung der jüdischen Gelehrsamkeit, die in all diesem zum Ausdruck kommt, bildet in dieser Epoche einer unglaublichen sozialen Zerklüftung so gut wie die einzige Brücke, auf welcher sogar der Gegensatz zwischen reich und arm überwunden wurde, denn ein gelehrter, aber armer Schwiegersohn wurde einem reichen, aber ungelehrten stets vorgezogen_____ MAGISTER KIRSCH dar «lila Likör, Magister München VII Stadtflllale Hochbrücken st r. 14, Ecke Herrnstr. Entzückende Neuheiten für das Frühjahr in Wäsche, Blusen, Kleiderstoffen, Kragengarnituren, Westen, Schals, Ansteckblumen. 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In mindestens .ebensoviel oder noch zahlreicheren Fällen bedeutete sie den Ubergang von der Schulbank in den Erwerbsberuf, diese Zeit war — in unserer heutigen Terminologie — die Vorlehre bzw. das neunte Schuljahr. . ■ v j In der ersten Zeit des Kestessens stand der junge Ehemann dem geschäftlichen Betriehe allerdings noch ganz fern. Jedoch bevor die für die „Kest" bestimmte Zeit zu Ende ging, suchte der Schwiegervater den bis dahin bloß dem ..Lernen" lebenden Schwiegersohn allmählich in seine Unternehmungen einzuführen, um ihn schließlich selbständig handeln zu lassen. Dennoch wird stets darauf geachtet, daß er sein Lernen nicht vernachlässigte und ihm täglich eine gewisse Zeit widmete. In der Regel wurden die Kestesser dank ihrer geistigen Schulung sehr tüchtige Kaufleute. Seltener kam es vor. daß das (bis dahin <auf theoretische Arbeit gerichtete Denken sich für eine wirtschaftliche Tätigkeit als ungeeignet erwies. War das der Fall, so wurde der Betreffende je nach dem Grade seines Wissens Schächter. Synägogendiener oder Kinderlehrer. Schämte er sich, diesen damals sozial sehr tiefstehenden Beruf-in der Heimat auszuüben, so g'tig er in fremde Gemeinden, um dort zu „knellen", wie der Ausdruck für das Unterrichten der'jüdischen Kinder lautete. Mit der Auflösung der Jeschiwot zu Beginn des 19. Jahrhunderts und mit d«tn Abgehen von der Einrichtung der Frühehe hat auch das Kestessen" seine alte Bedeutung verloren. Inzwischen ist das Judentum In Deutschland wiederum zu einer fest -zusammengeschmiedeten Gemeinschaft geworden, die in gewandelten Formen die alte Tradition wieder aufgenommen hat. der "lugend zwischen Schute und Beruf eine Zeit der Ausreifung und Vorbereitung zu ermöglichen. Dr. Hilde Ottenheimer.

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