Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-02-15 · 4 (15.2.1938) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
4 (15.2.1938)
Date
1938-02-15
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/10638461-6435885-6435892--224-3770740
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JiiiL Kiiltiirbiiiul in Kaycrn (angeschlossen dem Reichsverband der Judischen Kulturbünde in Deutschland) Orfsjjni|»|»c Aliinclieii Anschrift: München 13, Adelheidstrafte 33 Mitteilung an die Mitglieder Die EintrRtskarten für das Symphoniekonzert des Orchesters tör^fldls^OT Kulturbünde (Frankfurt a, M.; Dirigent: Professor Julius Prüwer; Solistin: Alma Weiss) am 2. März sind an der Kulturbundkasse erhältlich. ---N Es wird besonders darauf hingewiesen, daB dieses Konzert, welches die reguläre Märzveranstaltung darstellt, bereits Mittwoch, den 2. März, stattfindet. Daher wird dringend angeraten, den Märzbeitrag bereits im Laule des Februar zu entrichten, um sich den Besuch dieser bedeutsamen Veranstaltung zu sichern. 10. Symphoniekonzert \ des Kulturbundorchesters München Mit seinem 10. Konzert hat unser Münchner Orchester einen Erfolg errungen, die nicht nur seine bisherigen überragt. Sondern Iii der Entwicklung dieses Instrumentalkörpers von besonderer Bedeutung ist. Die in strenger Disziplin und unermüdlicher Hingabe geleistete Arbeit hat das Orchester jetzt eine Stufe erreichen lassen, die mit „Liebhaberei" nichts mehr zu tun hat. und es geht nicht mehr an, diesem Ensemble gegenüber den Begriff „Dilettanten-Orchester" zu gebrauchen. Vielmehr erreicht die Leistungs* fälrigkeit des Orchesters — wohlgemerkt, jeweils nach'monatelanger, alle Kräfte aufs äußerste anspannender Vorbereitung — jetzt eine Höhe, die Anspruch auf rein künstlerische Bewertung stellen : darf. Es war bezeichnend, daß unser Münchner Streichkörper sich " diesmal den gestellten Aufgaben in weit höherem Maße überlegen^ zeigte als die zur Verstärkung herangezogenen berufsmäßigen Bläser auswärtiger Kulturbünde. Wir haben an diesen Stelle des öfteren auf die Erziehungsarbeit hingewiesen, die der Leiter des Orchesters. Kapellmeister Eric-h Eisner. nun seit 4 Jahren seinen Getreuen angedeihen läßt, und haben mit Freude und dankbar die ansteigende Erfolgskurve, vermerkt, die von Konzert zu Konzert die Ergebnisse dieser Arbeit kennzeichnet. Das Konzert vom 27. Januar aber bedeutete ein künstlerisches Erlebnis, das als Höhepunkt im Schaffen unseres Kulturbundes überhaupt anzusehen ist. Mendelssohns Ouvertüre zu „Ruy Blas" (einem Drama von Viktor Hugo) bildete den Auftakt des Abends. Hier schon ließ die leidenschaftliche, ausdrucksvolle Diktion, mit der Geigen und Celli ihre w'eitgeschwungenen melodischen Linien vortrugen,' aufhorchen. Kisner unterstrich scharf und einprägsam die Gegensätze, die sich aus den periodisch wiederkehrenden feierlichen Bläserakkorden und den dramatisch bewegten Teilen des Werkes ergeben, und zeigte hier ein Musterbeispiel klarer Gliederung und wirkungsvoller Steigerung. — Es folgte eine Aufführung von Schuberts Unvollendeter Symphonie, welche die ernste Schönheit und. wehmütige Lieblichkeit dieses Werkes vollkommen erstehen ließ. Was Eisner hier an blühendem Klang, beseeltem Vortrag und farbigen Schattierungen bis zum hauchzarten Pianissimo aus dem Orchester hervorzauberte, war nicht weniger bewunderswert als die formale Geschlossenheit und makellose stilistische Reinheit, die seilte Wiedergabe auszeichnete. — Vollends öffcnbarte sich die— Gestaltungskraft des Dirigenten in Tschaikowskys Fünfter Symphonie. Der tragische Charakter der Einleitung, die stürmisch bewegten Teile des ersten Satzes mit ihren wuchtigen Entladungen und der melodischen Süße des Seitenthemas. der in einem einzigen hinreißenden crescendo und decrescendo angelegte langsame Satz, der einschmeichelnde, elegante Walzer (dessen technische Tücken von den Streichern aufs glücklichste bewältigt wurden) und der machtvolle Aufbau des Finales mit seinem triumphalen, befreienden Ausklang — das alles erfuhr eine ungewöhnlich geglückte Deutung und Wiedergabe. Obwohl (der Dirigent alle Melismen und klanglichen Feinheiten des Werkes zur Geltung kommen ließ, zeigte er sich gerade hier wieder als der überlegene Beherrscher musikalischer Form, dem vor allem an der Wahrung der großen symphonischen Linie gelegen ist. Mit bemerkenswerter Elastizität, straffen Zeitmaßen und Uberaus suggestiver Führung V entfaltete er die ganze Kraft des großen Orchesters und formtSK. den architektonische.» Bau des Werkes in übet zeugender Eindringt— lichkeit. Daß die vielen Hörer, zahlreich wie noch selten, gepackt und ergriffen wurden von diesem Abend, war ihnen anzumerken, wenn auch die Synagoge lauten Beifall nicht zuließ. Bedeutender denn., je ist in dieser Zeit die positive Arbeit des Kulturbundes fUr uns Juden geworden; ein Konzert wie dieses zeigt es in aller Klarheit. Solche Leistungen beschenken uns und machen uns stark.' a. Georg Hirschfeld 65 Jahre _-Schaffend abseits stehen undMfandelnd-verzichten ist schwer. l^as Leben verrinnt. Dennoch .ist es gerade dem Juden möglich, die Relativität von Alter und Jugend zu empfinden." Das sind Worte des jüdischen Dichters Georg Hirschfeld, der am 11. Februar 65 Jahre wurde. Mit seltener Kraft hat dieser Geistesarbeiter sich der Tragik des Schicksals entgegengestellt. Auf den wenigen jüdischen Bühnen, in den Blättern unseres geistigen Lebens finden wir immer wieder seinen Namen. Er bietet aber nicht nur sein Schaffen aus vergangenen Zeiten, sondern er hat uns seit 1933 "ununterbrochen in stillem, zähem Ringen lebensfähige Arbeiten für unsere Kultur Stätten zur Verfügung gestellt. Er gehört nicht zu denen, die ohne-Hoffnung in die Zukunft sehen. Welch ein schöner Auftrieb ist in folgenden Worten Georg Hirschfelds: '• „Noch kann der Jude nicht von einer neuen Geschlossenheit seines Volkes reden, nur von seiner neuen Sehnsucht nach ihr. Unser Blut ist nicht mehr ein in Jahrhunderten erstarrter, ehrwürdiget, müde gewordener Saft, sondern er ist aufgetrieben, erstarkt in Lust und Qual der Prüfung. In der Tiefe gärt, was Kurzsinn nicht ei fassen und ersticken kann. Es treibt zu einem eigenen, gerechten Sein." j

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.